Endlich finden wir nach langer Suche und unkontrolliertem Hin- und Hertorkeln
unser Zelt. Vielleicht hätten wir nicht unbedingt so viel Trinken sollen, denn
wir brauchen für die rund 200 Meter von der Bar bis zu unserem Zelt sicher eine
viertel Stunde. Allerdings war heute das Fußball-WM 98 Länderspiel Dänemark
gegen Brasilien und der Lokalbesitzer hat bei jedem Tor eine Runde aus gegeben.
Zusätzlich müssen wir wieder einmal unseren Abschied vom mitteleuropäischen
Kontinent feiern. Gestern um fünf in der Früh habe ich das Motorrad mit 54.148
km aus der Garage geschoben, mich drauf gesetzt und die vertraute Tiroler Heimat
hinter mir gelassen. Am späten Nachmittag haben wir Hamburg erreicht und etwa
100 km weiter nördlich, in Schleswig Holstein, an der Nordsee unser Zelt
aufgeschlagen. Heute sind wir nochmals rund 400 km bis hier her, nahe Hanstholm
gefahren. Der Himmel ist mit dunklen, schweren Wolken verhängt und der starke
Seitenwind, der uns das Fahren erschwerte hat das Meer aufgewühlt. Wir, das
sind Robert, ein Studienkollege, der mich mit seiner BMW 1000GS auch schon ans
Nordkap und nach Marokko begleitet hat und meine Wenigkeit auf einer ebenfalls
schon weitgereisten Honda NX650 Dominator.
Als ich in der Früh aufwache, sind die Wolken gerade dabei
ihre nasse Fracht zu entladen und der Wind jagt den Regen waagrecht durch
die Luft. Novemberwetter Anfang Juli. Was soll´s, die Euphorie endlich
wieder eine Motorradreise zu unternehmen ist größer, sogar noch größer
als mein verkaterter Kopf, der die Ausmaße eines Kühlschrankes zu haben
scheint. Um die Mittagszeit kommen wir im Hafen von Hanstholm an. Von hier
startet die Fähre zu einer mystischen Insel, weit draußen im
sturmumtosten Nordatlantik. Am Hafen spielt sich wieder das übliche
Ritual, des gegenseitigen Abcheckens und der Märchenerzählerei ab.
Jeder der Islandnewcomer hat sich unglaublich gut informiert was
Flussdurchfahrten, Hochlanddurchquerungen und das berühmte Isländische
Wetter betrifft und kann nun erklären, warum ausgerechnet sein Motorrad
und seine Ausrüstung das Beste ist. Jene, die schon einmal zuvor in
Island waren werden wie unnahbare Helden behandelt. Wir haben dieses Getue
ziemlich bald satt und vertreiben uns zwischen den anderen Schiffen die
Zeit, bis wir gegen 17 Uhr mit dem Einschiffen beginnen können. Mein
Motorrad wird ganz vorne in der Fähre mit vielen Bändern und Schnüren
an die Wand gezurrt. Blöderweise vergesse ich den Sturzhelm und den
Schlafsack mit zu nehmen. Das Schiff, die MS Norröna, das für die
Färöische Rederei Smyril- Line fährt, ist vergleichsweise klein und
scheint eher altersschwach, wobei mein Vertrauen in die nordischen
Sicherheitsbestimmungen so groß ist, dass ich mir keine Gedanken mache.
Obwohl es sehr alt scheint, ist es offensichtlich, dass es laufend mit den
neuesten und modernsten Sicherheitsmaßnahmen aufgerüstet wurde. Am Abend
wird in der Bar "Viking Club" noch das eine oder andere Bier
getrunken. Unsere Kabine ist etwa zwei drei mal drei Meter klein. Links
und Rechts sind Dreifach-Stockbetten aufgestellt. Die Innenkabine ist
finster, weil es kein Fenster gibt und die Klimaanlage ist viel zu stark
aufgedreht. Wie gut, dass mein warmer Daunenschlafsack beim Motorrad im
versperrten Autodeck ist. Notdürftig decke ich mich mit meiner
Endurojacke zu. Mit dem Quietschen, der durch den Seegang hin und her
schaukelnden Metallbetten und dem Gestank von sechs Menschen in der Kabine
schlafe ich ein.
Gegen Mittag komme ich aus dem Bett und begebe mich schlaftrunken an
Deck. Das Nordmeer ist sturmgebeutelt und tiefschwarz, der Wind weht mir
die Gischt ins Gesicht, sodass ich innerhalb kürzester Zeit friere. Also
begebe ich mich ins Restaurant, wo ich mir ein paar Schrimpsbrote zum
Frühstück gönne. Durch das Fenster kann ich in der Ferne ein paar
Bohrinseln und etwas näher auch einen Frachter erkennen, doch immer nur
für wenige Sekunden, dann schiebt sich wieder eine Wellenfront dazwischen
und man sieht nur mehr das Meer. Bereits am frühen Nachmittag werden im
Viking Club die ersten Biere gezapft und aus den Lautsprechern dröhnt
Musik. Vor dem Schlafengehen beschließen Robert und ich uns noch zu
betrinken, damit die kommende Nacht besser auszuhalten ist. Ab einem
gewissen Pensum kann man die Gänge der Fähre problemlos entlang gehen,
dann nämlich, wenn sich der Seegang des Schiffs und der von einem selbst
gegenseitig aufheben.
Gegen fünf in der Früh werden wir vom Nebelhorn des Schiffs geweckt
und um sechs erreichen wir den Hafen von Torshavn, der Hauptstadt der
Färöer Inseln. Auch wenn die Färöer offiziell, so wie auch Grönland
zu Dänemark gehören, so sind sie doch weitestgehend unabhängig. Sie
haben ein eigenes Parlament, eine eigene Währung und eine eigene Flagge.
Nur militärisch und außenpolitisch werden sie durch Dänemark vertreten.
Die Färöer bestehen aus 18 Inseln, wovon die beiden größten durch eine
Brücke verbunden sind. Gut 15.000 der insgesamt rund 45.000 Färöer
leben in der Hauptstadt Torshavn. Hier müssen wir nun für zwei Tage von
der Fähre, die weiter zu den Shetland Inseln und ins Norwegische Bergen
fährt, bevor wir übermorgen wieder an Bord gehen können. Im
Fahrzeugdeck macht mein Motorrad ein eintrauriges Bild. Es stand ganz
vorne, direkt unterhalb der Lüftungsschächte, durch die immer wieder
Meerwasser hereingeschwappt sein muss. Die ganze Maschine und vor allem
auch der zurück gelassene Sturzhelm sind mit einer Salzschicht
überzogen. Wir fahren einige Fjorde der Inseln ab, doch leider wird das
anfangs gute Wetter immer schlechter. Gegen 15 Uhr schlagen wir am
Campingplatz in Eidi unser Zelt auf. Kurz danach macht das Färöische
Wetter seinem Ruf alle Ehre. Innerhalb weniger Sekunden hört der Regen
auf und nach einigen Minuten scheint die Sonne von einem wolkenlosen
Himmel. Am Abend treffen dann noch ein Ostdeutsches Pensionistenehepaar,
das seine gewonnene Karibikkreuzfahrt gegen die Fährkarte nach Island
getauscht hat und ein paar Motorradfahrer, die wir von der Fähre kennen,
ein. Noch lange sitzen wir an diesem Abend zusammen, obwohl es in der
Nacht ziemlich kalt wird, aber die nicht mehr hereinbrechende Dunkelheit
animiert zum Aufbleiben.
Am Morgen zeigt sich beim Blick aus dem Zelt eine Märchenlandschaft.
Schroffe Klippen, sattgrüne breite, von den Eiszeitgletschern
ausgeschliffene Trogtäler, tiefblauer Himmel und glasklare Luft ergeben
ein fast irreales Bild. Von der Anhöhe auf dem unser Campingplatz ist,
sehen wir die geschwungene Straße dem Fjord entlang und dahinter auf
einen Pass zulaufen. Was machen wir noch in den Schlafsäcken? Nichts wie
raus, rein in die Lederhose und die Endurojacke, Zähne putzen, Sturzhelm
auf und los geht es. Fahren kreuz und quer fast alle möglichen Straßen
der beiden Hauptinseln ab. Keine Tempobeschränkung, keine Anrainer,
einfach nur das Asphaltband mitten in einer unberührten, ursprünglichen
Landschaft. Nur in den Ortschaften ist es ganz normal, dass die Kinder auf
der Straße spielen. Da heißt es ganz gewaltig aufpassen und besser mit
dem ersten, als mit dem zweiten Gang zu fahren. Am Abend fahren wir wieder
nach Eidi. Wir haben einen der sehr seltenen regenfreien Tage hier
verbringen können, doch nun legt der Wind bereits wieder mächtig zu,
sodass wir im Zelt kochen müssen. In der Nacht verstärkt er sich noch so
weit, dass ich fürchte, die Zeltplane könnte zerreißen. Zum Glück
hält sie, doch flattert und schnalzt sie so laut, dass an Schlaf nicht zu
denken ist.
Mittwoch Morgen, der Sturm hat an seiner Mächtigkeit nichts verloren und
gestaltet somit den Zeltabbau sehr schwierig, gleichzeitig nieselt es. Auf
einem Pass während der 70 km langen Rückfahrt nach Torshaven verbläst
mich der Seitenwind quer über die Straße bis auf die Gegenfahrbahn, ohne
dass ich etwas dagegen machen kann. Zum Glück ist der Verkehr sehr
gering. In Torshavn angekommen scheint wieder die Sonne und mit deutlich
über 20 Grad ist es außergewöhnlich mild, daher genießen wir die
Ausfahrt aus dem Hafen und die Fahrt zwischen den eng aneinander liegenden
Inseln am Sonnendeck, bis wir wieder am freien Nordatlantik dem Seegang
und dem Sturm ausgeliefert sind. Die Live band im Viking Club hat es
längst aufgegeben zu spielen, denn ohne sich irgendwo fest zu halten ist
an ein aufrechtes Stehen nicht zu denken. Die Biergläser rutschen am
Tisch hin und her und wenn man es nicht rechtzeitig auffängt, fällt das
Glas mit dem teuren Gerstensaft auf den Boden.
Um halb acht in der Früh entdecke das erste Stück Island. Gegen Neun
komme ich von der Fähre. Ich bin in Island, der Insel meiner
Kindheitsträume, doch die Realität schaut nicht ganz so toll aus: Im
Norden sollen die Straßen salznass sein, im Hochland schneit es, also
wurde noch auf der Fähre geraten in den sonst eigentlich für das
schlechte Wetter bekannten Süden Islands zu fahren. Auf dem kleinen Pass
zwischen Seydisfjördur, wo uns die Fähre an Land gespuckt hat und
Egilsstadir liegt Schneematsch, doch unmittelbar nachdem wir der
Bundesstraße Nummer 92 folgen wird das Wetter immer besser und nur der
starke Westwind ist lästig. Auch die unasphaltierten Abschnitte der
Straße lassen mit der Enduro Geschwindigkeiten von etwa 100 km/h locker
zu. Ab Breiddalsvik geht es über die Ringstraße, ihres Zeichens
Bundesstraße Nummer 1, weil sie die Insel umrundet, weiter. Auch sie ist
teilweise unasphaltiert und die Brücken sind meist einspurig, doch beim
eigentlich nicht vorhandenen Verkehr ist das ohnehin egal.
Nach etwa 300 km lassen wir an diesem Tag unsere Motorräder stehen,
stellen gegen 23 Uhr im sanften Licht des Sonnenuntergangs das Zelt auf
und begeben uns nach dem Abendessen in die warmen Schlafsäcke. Kaum
schließe ich die Augen beginnt das Zelt zu schaukeln. Na super, seekrank
wurde ich nicht, aber jetzt bin ich landkrank. Sobald ich mich in Ruhe
oder in einem engen Raum befinde beginne ich im Rhythmus der Wellen auf
dem Meer zu schwanken.
Die Sonne scheint, es ist fein warm und der Wind hat aufgehört. So
kann ein Morgen in Island beginnen. Wir fahren nach Höfn wo wir uns etwas
zum Mittagessen besorgen. Unmittelbar danach gibt es die erste
beeindruckende Aussicht auf den Vatnajökull.
Er ist der größte Gletscher Europas, doppelt so groß wie
alle Alpengletscher zusammen. Die Abflüsse von den einzelnen
Gletscherzungen sind teilweise mehrere Kilometer breit. Das sind
Dimensionen wie sie in Mitteleuropa nicht einmal zu erahnen und in
Norwegen nur ansatzweise vorhanden sind. Gut hundert Kilometer lang fahren
wir auf dem schmalen, grünen und landwirtschaftlich teilweise genutzten
Landstreifen zwischen den einzelnen Gletscherzungen und dem Meer Richtung
Südwesten. Unterwegs kommen wir beim Gletschersee Jökulsarlon vorbei.
Die Eisberge, die von der Gletscherzunge kalben treiben durch den See und
dessen Abfluss ins nur wenige hundert Meter entfernte Meer hinaus. Viele
Reisende machen hier vom Jedermannsrecht gebrauch und schlagen ihre Zelte
auf, doch die Gegend ist so weitläufig, dass noch unzählige schöne
Nachtplätze vorhanden wären. Wir beschließen mit einem
Amphibienfahrzeug eine Tour durch den See zu machen und danach noch etwas
weiter zu fahren.
Unmittelbar neben der Gletscherzunge des Skafttafellsjökull schlagen wir
dann unser Lager auf. Ich könnte mir in den Allerwertesten beißen, dass
ich meine Steigeisen zu Hause gelassen habe. Was würde ich jetzt dafür
geben ein bisschen den Gletscher zu erforschen, doch die Zunge ist so
steil, dass an eine Besteigung ohne Steigeisen nicht zu denken ist. Das
Abflusswasser ist zu dreckig, deshalb müssen wir unsere geringe Menge
mitgebrachten Wassers zunächst für den Reis und anschließend für den
Tee verwenden. Nur durch einen kräftigen Schuss Whisky bringen wir das
Gebräu hinunter.
Wir stehen bei bestem Wetter auf und fahren rund 4 km nach Skaftafell
zum Frühstücken. Danach gehen wir zum Svartifoss einem Wasserfall, der
über senkrecht stehende Basaltsäulen herunterbricht. Vor der weiteren
Fahrt nach Westen mache mir aber Sorgen, denn das Wetter dort sieht nicht
gut aus. Jedoch ist es gar nicht schlecht. Nach einem Sandsturm ist
einfach sehr viel Staub in der Luft. Dies ist die Gegend, wo 1996 der
riesige Gletscherlauf war. Nach einem Vulkanausbruch unterhalb des
Gletschers schmolzen gewaltige Eismassen ab und das Schmelzwasser wurde
zunächst von den Eismassen aufgestaut. Nach 4 Wochen war der Wasserdruck
zu hoch und das Eis gab nach. Eine unvorstellbare Wasserwalze entlud sich
mit einem Spitzenabfluss von 45.000ml/s, innerhalb von 60 Stunden flossen
4 kml Wasser ab. Nur der dünnen Besiedlung und dem routinierten Umgang
mit den Naturgewalten der Isländer ist es zu verdanken, dass keine
Menschen zu schaden kamen. Nun zwei Jahre später schmelzen die letzten
herumliegenden Eisberge ab und der Wiederaufbau der Ringstraße läuft auf
höchsten Touren. Nach rund 60 km biegen wir nach Norden in Richtung der
Laki-Furche ab. Auf dieser Strecke müssen wir erstmals mehrere Flüsse
furten. Wir lassen die Motoren jedes Mal zuerst ordentlich auskühlen denn
irgendjemand hat Robert erzählt, dass der Zylinderkopf des Boxers
scheinbar recht empfindlich gegen Schockkühlungen sein soll. Mein
Zylinderkopf liegt deutlich höher und so mache ich mich voller Elan an
die erste Bachquerung. Mache am Anfang den Fehler viel zu schnell durch
die Bäche zu fahren und bekomme so eine Dusche meines eigenen
Spritzwassers ab. Das Wetter wird schlechter und in der Laki- Furche
selbst regnet es, sodass man leider nichts von der gewaltigen Gegend
sieht. Hier hat sich im Jahre 1783 die größte Katastrophe seit der
Besiedelung Islands 874 ereignet. Jon Steingrimsson, der Pastor von
Prestbakki schrieb: "Erdbeben leiteten das Unheil am Pfingsttag ein,
trieben die Bauern aufs freie Feld, wo sie in Zelten hausten. Nach einer
Woche stiegen unter Donnerschlägen riesenhafte Aschenwolken himmelan. Dem
folgte die Lava, füllte glutfließend, die Wasser in Dampf verwandelnd,
die Strombetten. Aus über 22 Ausbruchsstellen loderten hohe
Flammensäulen". Die Ausbruchsserie dauerte bis in den Herbst,
vernichtete die Hälfte des Isländischen Viehbestandes, vier Fünftel der
Schafe und drei Viertel der Pferde. Elftausend Isländer verloren ihr
Leben und selbst auf dem Europäischen Kontinent sorge die
schwefelverpestete Luft noch für Missernten und Elend. An die 40 km lang
ist die Laki-Furche wo ein Krater nach dem anderen wie an einer
Perlenkette aufgereiht steht. Die Erde ist damals hier einfach
aufgerissen. Am Ende der Rundfahrt werden wir in eine Hütte auf einen
wärmenden Kaffee eingeladen. Bei der Rückfahrt laufen die Furten schon
wesentlich routinierter ab. Das Motorrad läuft völlig problemlos, der
Eintopf zieht trotz seiner nun schon rund 60tsd Kilometer, sehr ruhig und
elastisch ab 30-35 km/h im dritten Gang satt und kräftig an und ich komme
trotz durchschnittlich nur 30 - 40 km/h 202 km weit bis zur Reserve.
Am Morgen hat sich das Wetter wieder beruhigt, ich liege um neun in der
Früh im T-Shirt in der Sonne und genieße die angenehme Luft. Noch
schnell zur Tankstelle und weiter geht's. Zunächst noch einige Kilometer
über die Ringstraße und dann über die Piste F22 nach Landmannalaugar.
Viele Flüsse, verschiedenster Größe werden durchquert und
selbstverständlich müssen wir auch die berühmte Eldgjä -Schlucht und
den Ofaerufoss (foss steht für Wasserfall) besuchen. Die Eldgjä
(Feuerschlucht) ist nach den alten Sagas der Weg in die Unterwelt. Bis zum
frühen Abend erreichen wir Landmannalaugar, einen hot spot, wo sich
einerseits ein kalter Gletscherbach und andererseits eine heiße Quelle
vermischen und durch einen kleinen Aufstau ein Becken von etwa 80cm Tiefe
füllen.
Leider haben wir seit Mittag nichts mehr gegessen und auch nichts dabei.
Egal, was soll´s, Badehose anziehen, Whiskyflasche mitnehmen und nichts
wie rein ins fein warme Wasser. Ist einem zu heiß, schwimmt man etwas
weiter zum Gletscherbach, ist einem zu kalt, etwas weiter zur Quelle.
Zufälligerweise sitzen auch schon ein Grazer Student, der ein
Auslandssemester an der Uni Reykjavik macht und seine Steirischen Freunde,
die ihn gerade besuchen, im Pool. So wird es noch ein feuchtfröhlicher
Abend bis drei in der Früh, doch dunkel wird es jetzt Anfang Juli ohnehin
nicht.
Es ist 10 Uhr, ich bin hungrig und verkatert, doch zum Essen haben wir
nichts dabei und gegen den Kater hilft am Besten ein ausgedehnter
Spaziergang. Als ich am Nachmittag zurückkomme, entdecke ich am
Campingplatz einen kleinen Laden, wo ich frischen Fisch kaufen kann.
Robert schläft noch immer, doch durch den "Duft" des, in einem
Topf über dem Gaskocher bratenden Fisches, wird er schnell munter.
"Wie spät ist es?" "Drei." "In der Früh oder am
Nachmittag?" "Keine Ahnung, vermute Nachmittag". "OK,
morgen fahren wir weiter." "In Ordnung." Die nächsten
Stunden bis zum Schlafen gehen verbringe ich wieder in der angenehmen
Wärme des hot spot.
Wir kommen gegen Mittag los und fahren zunächst über die Schotterpiste
F22 zu einem gewaltigen Wasserfall und dann an der Westseite des
Vulkanberges Hekla bis zur Ringstraße. Endlich gibt es wieder einmal
etwas genießbares zum Essen. Danach geht es bis nach Vik, dem
südlichsten Ort Islands wo auf den Klippen tausende Papageientaucher
brüten. Beim nur wenige Kilometer entfernten, 60 Meter hohen Wasserfall
Skogarfoss, lässt es sich gut über Nacht aushalten.
Traumhaftes Wetter weckt uns am Morgen und wir fahren zum 135km entfernten
Pinkvellir, der Geburtsstätte der Isländischen Demokratie. Früher gab
es hier einmal jährlich eine große Ratsversammlung mit Vertretern der
Leute von überall auf der Insel. Dabei wurden die wichtigsten
Entscheidungen getroffen und neue Gesetze beschlossen. Gleichzeitig ist
hier geologisch gesehen die Grenze zwischen der Eurasischen und der
Amerikanischen Kontinentalplatte. Der Mittelatlantische Rücken, der für
die Entstehung und den Vulkanismus auf Island verantwortlich ist, liegt
hier offen vor dem Betrachter. Manche der Risse in der Erde sind viele
Meter breit, andere nur wenige Zentimeter. Man muss beim herumgehen
vorsichtig sein und immer auf den Boden schauen, denn überall könnten
unter dem Gras Spalten verborgen sein. Überhaupt ist die Gegend hier
ähnlich der Oberfläche eines Gletschers strukturiert. Ein paar Deutsche
haben vor in den, mit klarem Wasser gefüllten, breiten Spalten zu
tauchen. Robert, ein begeisterter Taucher, ist verständlicherweise voll
des Neids und meint nur: "Ich würde sterben dafür, um hier tauen zu
dürfen". Wir haben aber ein ganz anderes Vorhaben für diesen
Nachmittag. Zwei andere Reisende, denen wir immer wieder begegnet sind
haben Angeln dabei und so haben wir beschlossen, uns heute Abend den Bauch
mit frischem Fisch voll zu schlagen. Noch lange in die helle Nacht hinein
sitzen wir auf dem Gras am Seeufer zusammen und philosophieren über
unsere Leben, wo wir sind, wo wir hin wollen und warum wir zu Hause in
unserer gestressten Gesellschaft ständig Dingen nacheifern, die dann doch
nicht glücklicher machen, aber für die wir, um sie zu erreichen, so viel
auf der Strecke lassen.
Am Morgen ist das Wetter nicht schlecht, aber es hat deutlich auf etwa 10
Grad abgekühlt und der Himmel ist wolkenverhangen. Zunächst fahren wir
zum etwa 50 km entfernten Geysir, dem Namensgeber aller heißen
Springquellen. Mich trifft fast der Schlag als ich den massentouristischen
Wirbel sehe. Busweise werden die Touristen von ihren Hotels in Reykjavik
hier her gekarrt, bzw. ist der Geysir ein Fixpunkt bei allen
"Abenteuertouristen", die einen Outdoorurlaub zu Hause im
Reisebüro gebucht haben. Bis Anfang des 20.Jh schoss in regelmäßigen
Abständen eine 60Meter hohe Wasserfontäne vom Geysir in den Himmel.
Jedoch war es auch schon damals Mode, Steine und persönliche Gegenstände
in das Wasserloch zu werfen, sodass der Geysir dann bis ins Jahr 1992 nur
mehr zum Staatsfeiertag durch künstliche Maßnahmen
(Grundwasserspiegelabsenkung, Waschmittel) dazu gebracht wurde aus zu
brechen. Wenige Meter daneben gibt es jedoch den Strokkur Geysir, der im
10 Minutentakt kochend heißes Wasser 20 Meter hoch katapultiert. Im
näheren Umkreis gibt es immer wieder Wasserstellen in denen es kocht und
brodelt, oder Löcher aus denen unter hohem Druck Schwefelgase entweichen.
Schon bald räumen wir wieder das Feld. Wer es über einige Tage gewohnt
ist seine Ruhe zu haben, der fühlt sich in Menschenmengen (auch wenn es
nur etwa 100 Personen sind) unwohl.
Zum Glück brauchen wir weiter nichts zu machen als uns auf unsere
Maschinen zu setzen, den Starterknopf zu drücken und schon sind wir
wieder weg. Unser nächstes Ziel ist der Gullfoss, der goldene Wasserfall.
Eigentlich sind es zwei hintereinander liegende Wasserfälle von jeweils
über 30 Meter Höhe, über die ein Fluss von der Größe des Inns in
einen engen Canyon stürzt. Wenn die Sonne scheint, dann bildet sich aus
der Gischt ein über den Fällen stehender Regenbogen. Danach geht's nach
Pinkvillir zurück und dann weiter auf die 52 und die F35. Wir fahren
durch eine absolute Mondlandschaft. Im Vergleich dazu scheint die Sahara
direkt freundlich. Es ist faszinierend und abschreckend zugleich.
Es ist saukalt und zwischendurch nieselt es immer wieder leicht. Meinem
Gefühl nach müsste es eigentlich schneien. Möchten uns etwas zu essen
richten, es ist aber zu windig und zu kalt also schauen wir uns
Lavahöhlen an, die uns von Einheimischen empfohlen wurden. Nach einem
einstündigen Fußmarsch finden wir sie. Wie sie entstanden sind können
wir uns eigentlich nicht erklären. Kann es sein, dass die Lava Eis
zugedeckt hat und nach dem Abschmelzen diese Höhlen frei wurden? Ich
weiß es nicht, egal, auf alle Fälle ist es interessant im
Höhlenlabyrinth herumzu-gehen. Leider haben wir keine Taschenlampen
dabei, denn nachdem wir in Skandinavien vor zwei Jahren bemerkten wie
sinnlos eine Taschenlampe im Sommer im Norden ist haben wir heuer darauf
verzichtet. Anschließend fahren wir in ein Buschgebiet, wo wir einen
guten Platz zum wild campen finden. Im Zelt wird es schnell recht
gemütlich. Essen und schlafen.