Fireblade und CBR 600 RR mit C-ABS. Schon zur Premiere auf perfektem Niveau.
Honda C-ABS - Das erste ABS für Supersportler
Honda CBR 600 RR und Honda CBR
1000 RR Fireblade mit ABS
Alle Jahre wieder wirft Honda sein gesamtes Potential in
die Waagschale und lässt die Gegner verzweifeln. Zuletzt bei der
radikalen Gewichtskur der beiden CBR Modelle. High-Tech Fahrzeugbau vom
Feinsten. Nun ist es wieder soweit. Honda entwickelt ein komplett neues
Bremssystem, dass mit herkömmlichen ABS-Systemen nur noch den Namen
gemeinsam hat. Die CBR-Modelle werden so zum unschlagbaren Gesamtpaket.
C-ABS Technik in den CBRs
Die Systemskizze macht klar: Keine
hydraulische Verbindung zwischen Vorder- und Hinterbremse. Für optimale
Bremslastverteilung sorgt die ECU.
Der prinzipielle Aufbau des neuen Honda C-ABS hat mit bisherigen
ABS-Bremssystemen nichts mehr gemeinsam. Laut Honda hätte man mit einem
herkömmlichen ABS System niemals ein solch feines Regelverhalten hingebracht,
welches für ein Supersport Motorrad nötig ist.
Das Kernstück des neuen System hat es in sich. „Brake by Wire!“,
lautet der Lösungsansatz und wird Puristen aus den Socken heben! Fuß-
wie Handbremshebel wirken wie gewohnt auf das Medium Bremsflüssigkeit.
Solange das Fahrzeug steht, ist alles wie bisher. Der Druck der in der
Bremspumpe aufgebaut wird, gelangt über Bremsschläuche hin zum
Bremssattel und drückt ganz normal die Bremsbeläge an die Bremsscheibe.
Sobald das Fahrzeug in Bewegung ist, wird der direkte Fluss der
Flüssigkeit von der Pumpe bis zur Bremse jedoch vom "Valve Unit"
unterbrochen. Der gewünschte Bremsdruck wird nun von einem Sensor
gemessen und der von der ECU gesteuerte Gegendruck im Bremshebel gaukelt dem Fahrer vor, das
alles so ist wie es immer war. Ein Aktor in Form eines kleinen
High-Tech-Wunders baut den nötigen Druck auf und gibt ihn dann in Richtung
Bremszange weiter. Honda muss bei diesem System also gleich in zwei Bereichen
sehr exakt den Druck regulieren. Zum Einen an jener Einheit die dem Fahrer die
Rückmeldung an den Bremshebel gibt. Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob
immer eine direkte Verbindung zur Bremse besteht - dem ist aber nicht so. Zum
Anderen natürlich beim eigentlichen Bremsdruck selbst.
Elektronisch gesteuertes "combined
ABS"
Damit ist mal die Basis für alle gewünschten Regelungen geschaffen.
Vorder- und Hinterbremse sind anders als bei bisherigen "CBS"-Bremssystemen nicht mehr hydraulisch
kombiniert sondern arbeiten nur auf Befehle der ECU zusammen. Die Zentraleinheit
gibt also bei einer harten Bremsung mit der Vorderbremse, auch den nötigen Druck
an die Hinterbremse weiter. An den Rädern sitzen Drehzahlsensoren die in feinen
Abständen die Drehzahlinfo an die ECU weitergeben. Sobald die ECU Schlupf an den
Rädern registriert, wird der Bremsdruck zurückgenommen. Anders als bisher spürt
man aber kein Pumpen am Bremshebel. Denn hier wird der Druck getrennt vom
eigentlichen Bremssystem geregelt.
Verwirrung: Brake by Wire!
Der Begriff sorgt "Brake by Wire"
sorgte für Verwirrung und Skepsis auf diversen Stammtischen. Liegt auch
daran, dass die Formulierung nicht ganz zu den bisherigen "Drive by Wire"
Gasgriffen passt. Die bekannten "Drive by Wire" Systeme arbeiten mit
einem elektronischen Sensor am Gasgriff der seine Vorgabe an die ECU
schickt. Die ECU steuert dann einen Stellmotor an der Drosselklappe.
Eine direkte Verbindung zwischen Gasgriff und Drosselklappe gibt es
nicht mehr. Eine Bremshebel der an einem schlichten Elektrobauteil
sitzt, hätte wohl niemals das uns bekannte Gefühl zurückgeben können.
Daher arbeiten Hand- wie auch Fußbremse wie bisher mit hydraulischen
Pumpen. Insgesamt wird das ganze C-ABS System so zwar schwerer, aber
wird auch die schärfsten Kritiker nach einer Probefahrt überzeugen.
Honda CBR C-ABS Video
Wie fühlt sich das Honda C-ABS an?
Wir fuhren beide CBR Modelle auf der uns mittlerweile recht bekannten
Rennstrecke in Qatar. Die Strecke ist schnell, sehr schnell sogar und bietet einige Streckenabschnitte
mit harten Bremsmanövern. Zum Warmfahren
drehten wir ein paar Runden auf dem Testparcours, danach ging es hinaus ins
richtige Leben auf die große Strecke. Die eigentliche Überraschung: Es ist alles wie
es früher einmal war. Obwohl der Widerstand der Handpumpe künstlich aufgebaut
wird und Elektromotoren den Bremsdruck auf die Scheiben bringen. Man merkt
nichts von den Bits und Bytes und das ist gut so. Das C-ABS (C steht für combined) macht sich überhaupt nicht als Spaßbremse oder mahnender Zeigefinger
bemerkbar. Es ist auch viel mehr als ein reines Sicherheitsfeature für den viel
zitierten "Fall der Fälle". Im Prinzip hilft das C-ABS von Honda in jeder harten
Bremszone. Das gesamte Fahrzeug wird stabilisiert, das Heck bleibt exakt in Spur
und man kann mit gezogener Bremse gefahrlos umlegen. Das Teil macht süchtig, wer
es einmal probiert hat, fährt nicht mehr ohne!
Eigentlich alles wie bisher! Die CBR 600 RR ist nach
wie vor ein Handling Wunder und die Bremserei fühlt sich auch mit Bits
und Bytes an wie eine hydraulische Bremse.
Bringt das neue System auf trockener Landstrasse
Vorteile?
Vom Anfänger bis zum Profi haben Motorradfahrer auf der Landstrasse das
gleiche Problem. Man benötigt ein paar Bremsversuche um den Fahrbahnbelag
richtig einzuschätzen zu können. Bei der ersten Bremsung auf unbekanntem Terrain steht
jeder Motorradfahrer mit ABS bei Tempo 100 um zumindest 5 Meter eher still. Bei
Anfängern ist der Vorteil noch viel größer. Erst auf Strecken deren Asphalt man
besser kennt als seine Westentasche, ist man in der Lage die gleichen Bremswege
zu erzielen wie mit dem ABS. Ein weiterer Vorteil ist natürlich das Verhindern
eines Überschlages bei Vollbremsungen. Einige Kollegen ließen sich vom C-ABS an
der Nase herumführen und beschwerten sich über mangelnde Bremsleistung. Was sie
nicht bemerkten war, dass Sie ständig im Regelbereich unterwegs waren. Denn auch
der Parkplatzasphalt war mit einer feinen Staubschicht Wüstensand beschmutzt.
Einen 100% perfekten Belag gibt es ohnehin sehr selten und so wird uns das
C-ABS in Zukunft weit öfters helfen als wir uns eigentlich eingestehen.
Auch auf perfektem Asphalt, benötigt man ohne ABS ein
paar Versuche um die Grenzen auszuloten - Versuche, welche man in der
Praxis nicht hat.
Bringt das Honda C-ABS Vorteile auf der
Rennstrecke?
Echte Könner werden mit dem neuen System keine schnelleren Rundenzeiten
hinkriegen. Das Honda ABS beruhigt aber Profis wie Hobbyfahrer gleichermaßen vor
allem am Kurveneingang. Auch bei harten Bremsduellen bleibt sowohl die CBR 600
RR als auch die Fireblade wunderbar stabil. Über eine volle Renndistanz hilft
dies mit, Konzentration und Kraft zu sparen. Natürlich kann man nun hart bis in
den Scheitel bremsen, muss aber dabei folgendes bedenken. Zum Einen könnte man
auch ohne ABS Wunderding recht fest in die Kurve bremsen - die Profis machen es
vor. Zum Anderen kann aber auch die Elektronik nicht die Grenzen der Physik
aushebeln. Schreckbremsung in voller Schräglage zum Beispiel werden mit großer
Wahrscheinlichkeit auch mit dem Hightech Wunder von Honda zum Sturz führen. Denn
damit der ABS-Regler helfend eingreifen kann, muss der Sensor erstmal ein wenig
Schlupf feststellen. Fährt man aber mit voller Schräglage in die Kurve, reicht
schon dieser erste minimale Gripverlust aus um zu Sturz zu kommen. Klar ist aber
auch, dass mit dem viel sensibleren Honda-System dieser Bereich erst erst viel
später erreicht wird als mit einem herkömmlichen recht grob regelndem System.
Das C-ABS kann auf der Rennstrecken keine
physikalischen Grenzen verschieben. Aber es hilft dem Piloten, näher an
diese ran zu kommen.
Ist das neue C-ABS eine Lebensversicherung bei
Nässe und Dreck?
Der Sicherheitsgewinn auf schlechten Fahrbahnverhältnissen ist eklatant. Wir
bremsten auf nasser Fahrbahn mit einem abrupten Übergang von trocken auf nass
und von nass auf trocken. Selbst routinierte Fahrer waren überrascht, wie hart man auf
nasser Strasse bremsen kann.
Normalverbraucher verloren schon nach wenigen
Metern die Angst vor der nassen Fahrbahn und brachten ebenfalls tolle
Verzögerungswerte zu Stande. Beeindruckend waren die Bremsungen in der
Sandkiste. Die Honda-Crew schaufelte eine Ladung Wüstensand auf den Parkplatz
der Rennstrecke in Qatar und verteilte diesen fein säuberlich mit dem Besen. Ich
ging davon aus, dass die Honda-Leute wissen was sie machen und griff auf dem
komplett losen Untergrund voll in die Eisen. Das Motorrad verzögerte klarerweise
nur sehr dezent, mehr ließ die Grenze der Physik nicht zu. Aber das Motorrad war
trotz des schlüpfrigen Untergrundes total stabil. Dann der Übergang zum
griffigen Asphalt. Ohne irgendeine Veränderung am Bremshebel wahrnehmen zu
können, verbissen sich die Reifen ansatzlos in den Asphalt. Spätestens hier wäre
jeder Pilot ohne ABS mit einem Überschlag vom Bock gefallen. Schotterflecken bei
Ausfahrten im Frühjahr, wirken nun weit weniger gefährlich wie früher.
Vollbremsung bei Tempo 100 auf trockenem Boden mit
einem schnellen Übergang auf nasse Piste. Kein Problem für das schnell
regelnde C-ABS an den CBR Modellen.
Noch beeindruckender die Vollbremsung auf einer Lage
Wüstensand. Streusplit verliert in der Saison 2009 ein wenig an
Schrecken.
Was hat der Profi von der Bremshilfe für
Anfänger?
Martin Bauer spricht offen: "Wir haben vor, dass C-ABS in der IDM auf
unseren Fireblades einzusetzen. Eine Entscheidung betreffend des Reglements
steht zwar noch aus, aber wir sind da sehr zuversichtlich. Wir müssen nur
schaffen, dass wir das System im Race-Setup so hinkriegen, dass es kein Nachteil
im Trockenen ist. Das reicht schon. Denn die Vorteile im Nassen sind so
eklatant, dass sich ein Einsatz über den gesamten Saisonverlauf bestimmt lohnt.
Das zusätzliche Gewicht verschmerzen wir problemlos, da die CBR ohnehin mit
Abstand das leichteste Rennmotorrad im Feld war." Andere Racingteams sind
jedoch weit weniger innovativ. Teilweise wird das neue ABS schon abgelehnt,
bevor noch die ersten Tests gelaufen sind. Bauer: "Ich möchte vom ersten Tag
an bei der Entwicklung dabei sein. Das ist die Zukunft. Die anderen Hersteller
arbeiten bestimmt an ähnlichen Systemen, aber nur Honda ist in der Lage es
derzeit anzubieten. In ein paar Jahren wird es ganz normal sein, mit
elektronischer Bremshilfe auf der Strecke anzugreifen."
Für Piloten auf dem Niveau "Weltspitze + 10 Sekunden", bringt das sportliche
Honda ABS auch im Trockenen Vorteile. Und wenn man es nur verwendet um es als
Sicherheitspolster zum Herantasten ans Limit zu betrachten. Erinnert mich ein
wenig an diese Stützräder beim Schräglagenüben. Man kann relativ gefahrlos immer
weiter in den Scheitel bremsen. Der erste Rutscher wird problemlos abgefangen
und so kriegt man schnell ein Gefühl dafür was eigentlich möglich wäre. Außerdem
bringt das kombinierte Bremssystem eine stabile Balance beim Bremsen hin, die
man alleine wohl nicht zu Stande bringt. Auch wenn man nur die Vorderbremse
betätigt, wird hinten ein wenig Bremsdruck angelegt. Damit bleiben selbst
radikal handliche Supersportler wie die beiden CBR Modelle sehr stabil.
Speziell bei der 600er ersetzt das ABS zumindest ein wenig die fehlende
Anti-Hopping-Kupplung. Auch beim Anbremsen nach der Zielgeraden bleibt die
kleine Honda nun stabil. Trotzdem kein Grund für Honda hier in Zukunft weiter
auf die Anti-Hopping zu verzichten. Denn klarerweise wird dadurch ein wenig
Bremsleistung verschenkt, da unser elektronischer Helfer in der Bremszone den
Bremsdruck reduzieren muss um das Hinterrad zu beruhigen. Christian Zwedorn,
ehemals Weltspitze im Motorradrennsport, schüttelt den Kopf: "Mit ein wenig
Zwischengas kriegst das auch in den Griff!" Zwedi hat recht, doch Weicheier
haben sich längst an die narrensicheren Kupplungen gewohnt.
Kann man das System abschalten?
Nein! Zumindest ist es nicht vorgesehen. Die Honda Techniker selbst, hatten
natürlich die Möglichkeit mit ein paar Handgriffen das elektronische ABS zu
deaktivieren. Zu Vergleichszwecken fuhren wir die C-ABS Hondas auch ohne ABS und
wie bei einem Systemausfall fahren die Motorräder dann mit einer ganz normalen
hydraulischen Bremserei.
ABS eine Schande?
Mag sein dass an manchen
Motorrad-Stammtischen das Thema ABS immer noch ein Sache für Anfänger
ist. Der einzig echte Nachteil in solchen Situationen ist, dass Honda
dieses komplett neue System ebenfalls ABS nennt. Denn die Wirkungsweise
ist gänzlich anders als bei herkömmlichen Systemen. Sobald das auch die
letzten Zweifler erkannt haben, wird sich das High-Tech-Feature bei
Supersportlern durchsetzen.
Martin Bauer wurde mit Honda 2007 und 2008 Meister in
der hart umkämpften Klasse IDM Superbike. Privat konstruiert, baut und
fliegt er mit 4 Meter großen Modellhubschraubern oder auch mit echten
Flugzeugen. Kein Wunder, dass der Technikfreak mit abgeschlossenem
Technikstudium das neue Honda Bremssystem begeistert annimmt.
Welche Nachteile bringt das neue ABS mit sich?
Ein Nachteil für verspielte Motorradfreaks sind bestimmt die etwas
eingeschränkten Möglichkeiten im Fahrbetrieb. Also Stoppies sind nicht mehr
möglich, ebenso werden Slides mit blockierendem Hinterrad nicht mehr drinnen
sein. Wer es fahrerisch drauf hat, kann aber laut Bauer und Zwedorn wunderbare
Slides im Grenzbereich ziehen. Einzig echter Nachteil: Das ganze System wiegt 9
Kilo.
Gut, dass die Hondas ohne dem ABS konkurrenzlos leicht waren. Nun liegen sie mit
ABS im Schnitt der Gegner und vor allem die 600er CBR ist nach wie vor ein
Handlingwunder.
Was passiert bei einem kompletten Systemausfall der Elektronik?
Dann hat man eine ganz normale hydraulische Bremsanlage zur Verfügung. Das
ganze Elektronik-System wird einfach links liegen gelassen und die direkte
Verbindung von Bremshebel zu Bremszylinder sorgt für Verzögerung.
Ist das neue Bremssystem schon richtig ausgereift?
Definitiv ja. Das war auch die größte Überraschung. Honda bringt als erster
Hersteller ein komplett neues Bremssystem und es funktioniert vom Fleck weg ohne
die kleinste Macke. Kein Journalist und keiner der anwesenden Rennfahrer fand
auch nur einen Nachteil an dem neuen Bremssystem. Verbesserungspotential gibt es
möglicherweise noch beim Gewicht. Doch darüber mehr in 2 Jahren.
Der Aufpreis:
Ca. 1.200 Euro in Österreich, etwas
weniger in Deutschland. Klingt nach viel Geld. Doch mein Gefühl sagt mir, dass Honda
hier aus politischen Gründen sehr milde kalkuliert. Mit gewaltigen Aufwand wurde
5 Jahre lang ein komplexes System entwickelt. Kein anderer Hersteller ist
im Moment in der Lage ein solch feinfühliges ABS-System anzubieten. Honda hofft
durch den noch halbwegs erträglichen Preis eine breite Masse an Kunden
anzusprechen und poliert so das Sicherheits-Image auf. Damit steht Honda als erster Hersteller weltweit in Sachen
ABS-Ausstattung mit einer weißen Weste da. Vom Scooter bis zum Rennsportgerät
werden nun ABS-Modelle angeboten. Ein echtes Argument gegen Motorradhasser in
Brüssel.
Fazit
Lange Zeit waren alle Supersportler ungefähr auf gleichem Niveau. Honda
stellt die Welt nun auf den Kopf. Die neue Bremserei ist ein Feature, dass sonst
niemand zu bieten hat und es funktioniert phantastisch. Der einzig echt spürbare
Nachteil sind die 1.200 Euro Mehrkosten. Wer die verkraften kann, muss
zuschlagen.