Fluch oder Segen? Horrorvision oder positive Zukunftsperspektive? ABS-Test bei Scheisswetter.
KTM SM-T 990 ABS
Ein wenig im Regen. Arbeitet KTM mit ABS gegen die
eigene Philosophie?
Der Pressetest der 950 SM von KTM war meine erste Präsentation und die
der SM-T 990 ABS hoffentlich nicht meine letzte. Ich war damals derart
begeistert vom Wesen und Wirken der großen Supermoto, dass sie lange
Zeit auf Platz Eins meiner persönlichen – und damit allgemein gültigen –
Top 10 der Motorräder stand. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte
dabei die mehr glückliche als geglückte Entjungferung mit meinem ersten,
streichholzschachtelhohen Wheelie. Die Defloration als Revolution. Yeah
you ma-a-a-ade me feel shiny and new – like a virgin. Die superpotente
950 SM bescherte mir damals wahrlich einen zweiten Frühling (inzwischen
ist wieder tiefster Winter). Sie bekämpfte die Schwerkraft in gleicher
Weise spielerisch wie ihre normal gewachsenen, einzylindrigen
Geschwister in Standardformatierung, nur mit mächtig mehr Bumms.
In den persönlichen, also allgemein
gültigen Top 10.
Eine beinahe dreistellige PS Leistung machte aus dem Jux, auf
Geländemotorrädern mit Straßenreifen die pferdestarken Asphaltcowboys
der näheren Umgebung zu schikanieren, eine ernste Angelegenheit, eine
geradezu omnipräsente Gefahr. Auch ordentliche Reichweite und
Fahrkomfort – zwei völlige Neuheiten auf naturgemäß spartanisch
ausgerüsteten Supermotos – sorgten für schwere Krisenstimmung bei den
Superbikern, die sich plötzlich mit einem Gegner konfrontiert sahen, der
im Winkelwerk einen zu großen Vorteil und auf den Zwischengeraden einen
zu kleinen Nachteil hatte, um bei ähnlich kompetenten Kontrahenten im
Sattel noch verlieren zu können. Wenn man obendrauf die aufrechte
Sitzposition, eine erträgliche Optik mit Bekofferung und menschliche
Transportbedingungen für die Holde auf die Habenseite der 950 SM
verbucht, steht man mit einem Supersportler endgültig im Kiesbett der
Sinnlosigkeit.
In den folgenden Jahren rüstete KTM die große Supermoto
mit besserem Fahrwerk, geänderter Geometrie und schärferer Optik zur 'R'
Version auf. 2008 ersetzte der 990er Einspritzer- den 950er
Vergasermotor und erreichte in der 990 R den vorläufigen
Leistungshöhepunkt der orangen Supermotopalette:115 PS auf 189 Kilo ohne
Benz, fast 100 Nm Drehmoment. Nachdem KTM mit der Leistung
zufrieden war, erweiterten sie mit ein paar reduzierten, punktgenauen
Anpassungen das Einsatzgebiet der SM um den Faktor 10. Mehr Windschutz,
mehr Sitzkomfort, mehr Treibstoff. Europaweite Furcht vor dem
Winkelwerkwetzer. Eigentlich wären zu diesem Zeitpunkt alle Fragen
beantwortet gewesen.
ABS passt zu KTM wie KHG zu KOT.
Doch jetzt setzten die Mattighofener Spaßspezialisten den nächsten
Schritt und neue, dringliche Fragen tauchen auf. Die Nomenklatur wird
nämlich diesmal nicht um ein 'R', ein 'S' oder sonst irgendeinen
scharfen Buchstaben erweitert, sondern um gleich drei. Und diese passen
genauso wenig zu KTM wie KHG zu KOT. Wir sprechen vom ABS.
Die SM-T
ist kein Reisemotorrad und kein Sporttourer. Sie ist eine schlecht
getarnte Supermoto mit einem Aktionsradius von >500 km, die von Natur
aus nicht dazu bestimmt, Fußfesseln tragen zu müssen. Eine Supermoto ist
ehrlich und direkt, gibt ihre inneren Werte nur dann preis, wenn sich
der Reiter als fähig erwiesen hat. Tut er das nicht, bleibt er nicht
lange sitzen. Bedienungsfehler:
Meistens auf der Bremse.
Was macht das ABS Lämpchen? Es leuchtet rot.
Nun zu den Testverhältnissen.
Spanien im Winter ist gut. Spanien im Regen ist schlecht. Spanien im
Winter im Regen ist besonders schlecht. Und Supermoto im Regen ist ein
Horror. Wenn all diese Dinge zusammenkommen, braucht man auch als
abgebrühter, hart gesottener Zweiradjournalist ein wenig Unterstützung
und insofern war das Sauwetter gar nicht so schlecht, denn so begrüßten
wir die neue verwegene Idee von KTM, die SM-T mit ABS auszurüsten. Noch
keine Reaktion auf Gesetzte, sondern auf Kunden. Ich hätte mir das zwar
noch nie gewünscht, anscheinend aber genügend andere, denn der Wunsch
war den Technikern Befehl. Dieser Wunsch liegt übrigens schon eine Weile
zurück, denn bis das ABS endgültig einsatzfähig war, seinen Platz im
Chassis gefunden hat und zweckmäßig konfiguriert wurde, vergingen mal
schnell zwei Jahre. Der kompetente Partner heißt Bosch und entwickelt
seit Jahrzehnten Antiblockiersysteme.
Entwicklungszeit: 2 Jährchen
Für Bosch ein Standardprodukt und -prozedere, für KTM ein
philosophisches Problem. Um dem kompromisslosen Leitspruch 'Ready-to-Race'
nicht zu widersprechen, stand KTM die schwierige, aber selbst gestellte
Aufgabe bevor, das ABS so abzustimmen, dass es selbst einem sportlichen
Fahrer nicht in den Lenker greift, solange dieser keinen echten Fehler
macht. Im Pflichtenheft waren drei Punkte mit orangem Leuchtmarkierer
(der rosane war leer) fett eingekreist: Später Eingriff, feine Regelung,
abschaltbar. Und tatsächlich. Selbst auf nassem Untergrund bei niedrigen
Temperaturen und schlechter Laune regelte das ABS erst dann, wenn ich
mich bereits für einen Abflug zusammenpackte, weil ich dachte, ich hätte
das System zuvor durch spastisches Herumdrücken an diversen Knöpfen
abgeschaltet.
Doch das ABS kam spät und fein. Bei herkömmlichen Systemen in
Straßenmotorrädern (wir reden jetzt nicht von der Supersportabteilung)
wird man kaum einen geregelten Bremsvorgang erleben,
bei dem man dazulernt. Das ABS drängt sich zwischen Fahrer und
Fahrsituation, unterbricht sozusagen die emotionale Verbindung zwischen
Akteur und Aktion. So hat das Erlebte keinen Lerneffekt zur Folge, weil
der Fahrer nie wissen kann, in wie ernster Lage er sich wirklich befand.
Das KTM-ABS greift zwar auch irgendwann ein, sonst wäre es ja nicht das,
was es ist, aber so spät, dass man nicht nur sehr froh darüber ist,
sondern auch genug Zeit zum Lernen hat. Das kleine Steuerkastl weist dem Fahrer den Weg zur
Haftungsgrenze.
Grenzen der Physik parallel zu den Grenzen der
Gesundheit.
Bei solch diffizilen Verhältnissen hätte ich es noch nie gewagt, auch
nur annähernd so stark zu verzögern, weil ich angenommen hatte, es wäre
gar nicht möglich. Ohne Rettungsanker lotet man die Grenzen der Physik
nicht gerne aus, denn diese verlaufen parallel zu den Grenzen der
Gesundheit. Besonders bei regenglatter Fahrbahn, wenn der Grenzbereich
so dünn wie eins meiner Haare (10 Mal dünner als ein normales Haar)
wird, muss man sehr lange üben, um sich ans Limit heranbremsen zu
können. Und wer sehr lange übt, hat große Chancen, sehr oft zu liegen.
Nun, mit dem ABS der SM-T, das gerade mal einen Kilo wiegt, hat sich die
Quote um 180 Grad gedreht. Zusammen mit dem mittlerweile geschmeidig
abgestimmten Motor, der anfangs nicht an den 950er Vergaser herankam,
sorgt das ABS für echte Sicherheit - auf nassem Untergrund bei niedrigen
Temperaturen und schlechter Laune - ohne auch in nur irgendeiner
Weise den Spaßverderber spielen zu müssen. Und wer trotzdem nicht lachen
kann, der drückt auf den ABS-aus-Licht-an-Knopf neben dem
Drehzahlmesser.
Wir haben jetzt also eine reisetaugliche Supermoto,
mit ausreichend Windschutz, Handguards, einem noch bequemeren, neu
geformten Sitz (und glaubt mir, ich bin da besonders empfindlich), einem
geänderten Heckrahmen, neuem Fahrwerkssetup, 12 Volt Steckdose, 3D-Logo
und - für irgendwen ganz wichtig - einer Warnblinkanlage. Wir können
jederzeit überall damit hin und Unruhe stiften - nur bitte nicht nach
Frankreich fahren, dort machen sie Feuer damit.
Die SM-T konnte einige Vergleichstests
für sich entscheiden und trägt sogar den Titel "Motorrad des Jahres".
Dass sie bisher nicht mit ABS angeboten wurde, kostete sie in einigen
Punkti-Punkti Tests den Sieg. Doch der Erfolg gibt KTM recht. Über 5000
Einheiten wurden bis heute verkauft. 2009 nach 2 Monaten bereits
ausverkauft. 2011 könnte es nicht ganz so lange dauern.
Technische
Daten KTM 990 SM-T ABS
Motor
2-Zylinder 4-Takt
Otto-Motor V75° mit Ausgleichswelle, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum
999 ccm
Bohrung/Hub
101/62,4
Verdichtung
11,5:1
Leistung
115 PS
Drehmoment
97 Nm
Rahmen
Gitterrohrrahmen aus
Chrom-Molybdän-Stahlrohren, pulverbeschichtet