Fireblade 2012. Erster Test von Hondas Feuerklinge. Besonders fesch im
20sten Jahr.
20 Jahre ist es her, dass uns Honda die erste Fireblade spendiert hat. Viele
Änderungen gab es seit damals, doch das Credo blieb immer gleich. Maximale
Fahrzeugbeherrschung steht immer noch im Vordergrund.
Honda CBR 1000 RR Fireblade 2012
Was für ein Eiertanz! Die Strecke hier in Portimao ist noch halbnass und die
Temperaturen liegen um die 10 Grad. Doch die ersten Turns hier sind meine Chance
endlich mal gegen Honda Racer Christian Zwedorn aufzuzeigen. Er war noch nie in
Portimao - doch er lernt schnell. Jedes Quentchen an Grip muss also aus den
Bridgestones rausgequetscht werden, jeder trockene Fleck zum Beschleunigen
genutzt werden. Während die Kollegen in der Boxengasse flennten, war mir klar,
dass es wohl keine besseren Testbedingungen für die CBR 1000 RR geben kann.
Onboardaufnahmen, Eindrücke aus der
Boxengasse, Detailaufnahmen und viele Infos zur erneuerten CBR 1000 RR von Honda
im 1000PS TV.
C-ABS und dicke Nüsse in der Bremszone
Die lange Zielgerade fährt man auch als Rookie im Nassen schnell. Doch die
Bremszone ist nicht nur nass, sondern verlauft auch noch bergab. Zwedis Ehrgeiz
auf der Bremse machte klar, dass er dem C-ABS der Fireblade blind vertraute. Ich
tat es ihm gleich und bremste einfach so als wäre es trocken. Das mittlerweile
makellos abgestimmte ABS sorgte zum einen dafür, dass mir die Räder
nicht wegrutschten. Zum anderen aber behielt es den absoluten Überblick über die
wechselnden Gripbedingungen und verhinderte ein Anheben des Hecks, sobald ein
trockener Fleck volle Verzögerung bot. Fakt ist, man braucht dicke Nüsse um
hier wirklich fest zu Ankern, aber es klappt problemlos und bringt richtig viel
Zeit im Vergleich zu den lieben Kollegen. In der Kurve rührte ich die Bremse
jedoch nicht mehr an, denn Zaubern kann selbst das ausgefuchste ABS-System von
Honda nicht.
Tolle Präzision schon mit Serienpneus
In den kommenden Passagen war leider nicht die Ideallinie trocken, sondern
jene Bereiche die schon die ersten Sonnenstrahlen erhaschten. Obwohl wir die
neue Fireblade nicht mal eine halbe Stunde kannten, führte sie uns sofort
zielsicher durch den Fleckerlteppich. Die eigentliche Sensation war die Präzision,
welche schon mit den Serienpneus erzielt wurde. Die Fireblade ist mit dem neuen
Bridgestone S20 ausgestattet und das Duo harmoniert perfekt. Selbst in jenen
Ecken wo nur ein 30 cm breiter Streifen trocken war, erwischte man die Linie
problemlos.
Gandenlose Schlüsselstelle ist jedoch die schnelle Doppelrechts auf die
Start-Zielgerade. Der 1000er Motor in der CBR glänzte schon in der Vergangenheit
mit sauberer Gasannahme und mit durchschaubarer Leistungsentwicklung. Diesen
Tugenden blieb die CBR treu und die Ingenieure verfeinerten sogar noch die
Mappings in der Einspritzanlage. Angenehmer Nebeneffekt ist übrigens der laut
Honda um 10% niedrigere Verbrauch. Im Sattel der CBR hielt sich trotz der
kniffligen Bedingungen der Angstschweißverbrauch in Grenzen. In winzig feinen
Schritten kann man den Gasgriff öffnen und der Reifen kriegt so feinst dosiertes
Drehmoment nach unten geschickt. Im Vergleich zu einer ZX-10R oder eine
S1000RR wirkt die CBR in Sachen Leistungscharakteristik unspektakulär. Doch nun
waren wir alle froh, dass die Leistung nicht steil nach oben schnellt, sondern
über den gesamten Drehzahlverlauf durchschaubar ansteigt. Bis ca. 8.000 U/min
ist auch jener Bereich, wo der CBR Motor traditionell mehr Drehmoment als die
Gegner abliefert. Das ist jener Bereich, den die nicht ganz so versierten
Piloten zum Beschleunigen aus den Kurven nützen.
Auch ohne Studium vom CBR Prospekt wurde ich dann am Ende der Kurve auf die
Zielgerade an den elektronischen Lenkungsdämpfer erinnert. Dort wo man gerade
den Gasgriff voll öffnet, schlägt eine Bodenwelle quasi mit dem Vorschlaghammer
ins Chassis. Im elektronischen Lenkungsdämpfer rotieren Bits und Bytes.
Abhängig von der Gasgriffstellung (voll) und der Geschwindigkeit (hoch) wird der
Dämpfer quasi voll zugedreht und das Teil fängt die Fireblade sofort wieder ein.
Umgekehrt wird dann aber in den engen Ecken die Dämpfung voll geöffnet und man
fährt fast ohne Lenkungsdämpfer superagil um die Ecke.
Die lange Zielgerade ist der einzige Bereich wo man im Sattel darüber nachdenkt,
dass etwas mehr Spitzenleistung schon eine geile Sache wäre. Doch der Techniker
in der Boxengasse wimmelte beim Interview sofort ab: "Man kann nicht alles
haben. Entweder viel Drehmoment im unteren und mittleren Drehzahlbereich und ein
einfach zu kontrollierender Leistungsverlauf oder eine hohe Spitzenleistung."
Motorenentwicklung ist ein ewiger Kompromiss und Honda bleibt der gewählten
Linie seit Jahren treu. Auch wenn sich "totale Kontrolle" am Stammtisch nicht so
gut macht wie "200PS" würden wir bei den derzeitigen Streckenverhältnissen mit
keinem anderen 1000er Motor tauschen.
Klar blieb es den Honda Ingenieuren nicht erspart zum Thema
"Traktionskontrolle" Stellung zu nehmen. Teilweise reagierten sie gelassen,
teilweise wirkten sie genervt. Ein Konzept mit dem Motto "totale Kontrolle"
vertrage sich eben nicht mit einer Traktionskontrolle oder hat sie erst gar
nicht nötig, war das Feedback. Am Kurvenausgang das hart erarbeitete Drehmoment
elektronisch zu kappen, war eben nicht die Linie die Honda gehen möchte. Doch
offen gesagt glaube ich ganz einfach, dass der derzeitige Stand der Technik den
Honda-Ingenieuren einfach noch nicht würdig genug für eine Fireblade ist. Man
darf davon ausgehen, dass auch Honda an einem Serienprodukt arbeitet, aber eben
sehr hohe Ansprüche hat. Wir warten geduldig und freuen uns auf das Wunderteil.
Der programmierbare Schaltblitz im Cockpit lässt Dir die Wahl. Entweder leuchten
alle LEDs auf einmal oder sie erhellen sich in 200er oder 400er Schritten bis
zum Begrenzer.
Der elektronische Lenkungsdämpfer war in Portimao ein echter Segen. Das Setup
verstellt sich in Sekundenbruchteilen je nach Gasgriffstellung und
Gewschwindigkeit.
Neu und Alt! Zwanzig Jahre Fireblade Geschichte auf der Zielgeraden.
Die Front der neuen Fireblade wirkt deutlich aggressiver als früher.
Der Großteil vom Auspuff ist bei der CBR nach wie vor gut versteckt. Trotzdem
macht sich ein Akrapovic Auspuff sehr gut an der Fireblade.
"Ist euch das neue Federbein aufgefallen? Beim Übergang vom Druck- in die
Zugstufe arbeitet es nun viel feinfühliger", sprach Zwedorn. Doch wir hatten
alle Hände voll zu tun uns bei nasser Strecke keine nasse Unterhose zu holen.
Das was auch uns wirklich wichtig ist: Das neue Federbein ist ausgesprochen
komfortabel für Justagearbeiten zu erreichen.
Das riesige Dashboard versprüht viel Racingflair.
CBR 1000 RR 2012 - Die Farben
Mehr Spitzenleistung in der Praxis - kühler Motor
Zum neuen Fahrwerk konnte man nach den nassen Turns noch nicht viel sagen,
doch ein Gespräch mit dem IDM Crack Karl Muggeridge macht klar, wo die Vorteile
der neuen Blade für die Profis liegen. "Die neuen Fahrwerksfeatures sind für
uns natürlich unerheblich, da wir ohnehin Tuningteile im Einsatz haben. Das
gesamte Motorrad hat nun aber komplett neue aerodynamische Eigenschaften und
transportiert die Hitze vom Motor deutlich besser ab als beim letzten
Modelljahr. Wir hatten da in der Vergangenheit Temperaturprobleme, doch bei
Tests in Qatar mit der neuen Blade haben gezeigt, dass sie nun deutlich kühler
läuft und damit in der Praxis mehr Spitzenleistung abliefert."
Beim Fahrwerk gibt es vorne wie hinten neue Komponenten. Vorne zieht Honda
nun mit den Mitbewerbern gleich. In anderen Supersportlern (z.B. Ninja und GSX-R)
ist die Big Piston Fork bereits im Einsatz und hat sich bewährt. Honda setzt
nun ebenfalls das Teil von Showa ein. Bei einer BPF Gabel wird quasi das
Gabelstandrohr als Dämpferkartusche verwendet und der Dämpferkolben hat einen
größeren Durchmesser und eine deutlich größere Oberfläche. Das Ansprechverhalten
dieser Gabeln ist damit sensibler als das von herkömmlichen Gabeln.
Neues Federbein - Einst Tuningteil, nun Serie
Beim Federbein ist Honda mit dem neuen Teil von Showa jedoch Vorreiter. Man
nennt es "Balance Free" und es ist das erste mal, dass ein solches System im
Serienbau zum Einsatz kommt. Man arbeitet quasi mit zwei Röhren in der
Dämpfereinheit um ein feineres Ansprechverhalten zu ermöglichen. Öhlins zum
Beispiel arbeitet am Tuningsektor schon länger mit einem solchen System, dort
wird es "TTX" genannt. Angenehmer Nebeneffekt vom neuen Federbein ist jedoch
das benutzerfreundliche Layout. Man erreicht die Justageschrauben sehr
einfach ohne unter das Motorrad kriechen zu müssen.
Letzter Turn - Es geht um die Ehre.
Dienten als Hetzhasen und Liniengurus: Die
Honda Rennfahrer Karl Muggeridge und Miguel Praia.
Der alles entscheidende Turn hier auf der Rennstrecke ist jedoch die letzte Einheit vor dem Rückflug.
Die Fireblades bekommen die sportlicheren R10 von Bridgestone spendiert und die
Strecke ist mittlerweile komplett trocken. Bestens gestärkt nach einem leider
viel zu üppigen Mittagsmahl, quälten wir unsere Körper in die viel zu engen
Leder. Ein kleiner Rezepttipp für alle Gourmets. Superbike-WM Pilot Jonathan Rea hat ein neues
Sandwich kreiert. Viel Butter, dann eine Wagenladung "Beef Stroganof". Beim
Rausfassen sollte man jedoch tunlichst darauf achten, ein ausgewogenes
Verhältnis zwischen Pilzen und Fleischbrocken herzustellen. Darüber eine Ladung
Salat und eine feste Portion Pfeffer. Das ganz wird kompakt gepresst und mundet
vorzüglich. Überraschenerweise hatte das üppige Rea-Sandwich jedoch nicht den
gewünschten Rea-Effekt auf meine Rundenzeiten.
Zu Beginn des Turns hatte ich den ehrgeizigen Zwedi noch
im Griff. Er überholte zwar und ich durfte seine grazile Bewegung am Motorrad
studieren. Sein drahtiger Körper schmiegt sich wie ein junges aber kräftiges
Kätzchen an die Fireblade und jede Bewegung ist exakt auf maximalen Vortrieb
optimiert. Er kriecht keinen Millimeter aus der Verkleidung und jedes Gramm
seines Körpers wirkt exakt auf die richtigen Stellen des Motorrades. Doch der
Zwedi ist auch ein Mann der feinen Linie und das ist meine Chance. Quasi mit dem
Holzhammer stelle ich mich innen rein und zerstörte ihm erstmal seine Linie. Es
war mir dabei komplett egal was diese gewählte Linie für mich bedeutete, doch er
war erstmal hinter mir. In einem Rennen hätte er mir natürlich sofort gnadenlos
gekontert doch als liebevoller Journalistenbetreuer wartete er artig auf seine
nächste Gentlement-Chance. Diese wurde ihm leider auf einem Silbertablet
serviert.
Die Fireblade Religion
Zu allem Überfluss brannte dann auch noch der Local-Hero
Miguel Praia vorbei und Zwedi heftete sich sofort an seine Fersen. Es war
einfach irre wie er den Schalter umlegte und seinem Rennfahrerkollegen blind
vertraute. Meine Vorteile bei der Streckenkenntnis waren dahin und die zwei
Heroes zogen ihm Duett davon. Ich durfte zumindest noch einmal die fulminanten
Kombination von "Big Balls" und Fahrkönnen beobachten. Auf der ultraschnellen
und leicht hängenden Kurve auf die Startziel zeichneten sie grimmige lange
Striche in den Asphalt von Portimao. Eine wahre Beschleunigungsorgie, der ich
mich leider nicht anschließen konnte.
Trotzdem verließ ich die Rennstrecke zufrieden. Honda hat
die CBR 1000 RR im Detail liebevoll und logisch weiterentwickelt. Die Fireblade
blieb so wie sie immer war - nur ein wenig besser. Wir waren schnell, wir fuhren
sicher, wir hatten Spaß und das bei diesen schwierigen Bedingungen. Die Sache
mit der totalen Kontrolle ist viel mehr als Prospektlatein. Es ist eine 20 Jahre
alte Religion an die es sich zu glauben lohnt.