Das Design der Ducati Diavel Lamborghini 1260 im Detail

Ein Interview mit Mitja Borkert, Designchef Lamborghini

Lamborghini ist eine der Automobilschmieden mit dem spektakulärsten Design weltweit. Der Chefdesigner Mitja Borkert hat mit der Ducati Diavel 1260 Lamborghini diese extrovertierten Formen auf ein ohnehin schon aussergewöhnliches Motorrad übertragen.

Poky: "Hallo Herr Borkert, Servus Mitja! Bist du selbst Motorradfahrer? Falls ja, was fährst du denn derzeit?"

Mitja Borkert: "Ich bin begeisterter Motorradfahrer und fahre schon viele Jahre Motorrad. Als Teenie hatte ich damals in der DDR eine Simson und danach eine MZ 150. Seit fast 15 Jahren fahre ich eine MV Agusta F4 und aktuell eine neue Ducati V4 Panigale."

Poky: Also die ganz schnelle Fraktion sozusagen?!

Mitja: (lacht) "Ich liebe Supersportmotorräder!"

Poky: Aufgrund des Designs oder der Fahrleistungen? Was gibt da den Ausschlag?

Mitja: "Die Formen von Supersportmotorrädern waren für mich schon immer perfekt. Supersportler haben einfach eine unglaubliche Ästhetik, allein die Proportionen! Ich bin ausserdem ein Riesen-Fan der MotoGP und würde kein einziges Rennen im Fernsehen verpassen, bin auch schon ganz oft vor Ort gewesen. Unter anderem machen wir bei Lamborghini ja auch das Grafikdesign von Pramac Ducati. Immer wenn Jack Miller oder Pecco Bagnaia in die Kurven gehen, sieht man auf der Gyrocam das Lamborghini Logo."

Poky: "Bevor du 2016 zu Lamborghini gewechselt bist, hast du für Porsche den Macan, den 718 Boxster sowie die Studien Panamera Sport Turismo und Mission E designt, die sich allesamt durch eine gefällige und eher runde Linienführung auszeichnen. Bei Lamborghini ist traditionell ein kantiges und extremes Design vorherrschend, war das eine schwierige Umstellung für dich?"

Mitja: "Es ist immer schön etwas Anderes zu probieren. Ich war 17 Jahre bei Porsche und bin da voll aufgegangen in der Porsche-Design-DNA, bin jetzt aber schon fast fünf Jahre in Italien bei Lamborghini. Es war für mich immer schon seit der Jugend einen Traum für Lamborghini zu arbeiten. Für mich ist die Lamborghini Design-DNA eine der stärksten in der ganzen automobilen Welt. Ich habe das jahrelang analysiert und durchdrungen, natürlich war das eine grosse Umstellung am Anfang von Porsche zu Lamborghini zu wechseln. Aber erstens wollte ich mal die Fenster im Hirn aufmachen und da mal wieder neuen Design-Wind durchwehen lassen und zweitens ist Lamborghini die Ikone der Supersportwagen.

Lamborghini steht für Design, Revolutionen, Raumschiff und für Innovationen, somit war das für mich damals genau das Richtige. Daher war es für mich ein natürlicher Schritt sofort Ja zu sagen, als Walter de Silva (Designchef VW) als Italiener mich als Deutschen damals gefragt hat, ob ich zu Lamborghini gehen möchte. Das hat mich stolz gemacht."

Poky: "Das glaub ich! Wenn man z.B. Fussball und den Konkurrenzkampf zwischen Deutschland und Italien denkt, ist das ja ein wahrer Ritterschlag, diese Aufgabe übertragen zu bekommen. Kommen wir nun zu dem Lamborghini Modell, das für die Ducati Diavel Lamborghini Pate stand, zum Sian FKP 37, er ist das erste Hybridmodell und gleichzeitig der stärkste Sportwagen den Lamborghini je gebaut hat. Hatte die Hybridtechnik einen Einfluss auf das Design des Sian?"

Mitja: "Sicherlich, ich skizziere einmal grob, wie so ein Prozess abläuft, wenn wir ein neuen Lamborghini designen. Es beginnt damit, dass es eine neue Innovation, oder Technologie gibt, die wir in den Fahrzeugen darstellen wollen. Im Fall des Sian war es die Hybridtechnologie mit der 48 Volt Technik und Super-Caps, zudem haben wir das flexible temperaturempfindliche Material hinten im Motorbereich. Basierend darauf hab ich dann eine gewisse Richtung fürs Design im Kopf: Ein etwas längerer, sehr exklusiver Sportwagen, eine richtige Skulptur sollte es werden und nebenbei der schnellste Lamborghini aller Zeiten.

Die Lamborghini-Design-DNA und diese einzigartige Silhouette müssen für mich immer drin sein. Beispielsweise der "Countach"-Winkel der Seitenscheiben. Für mich spielt aber auch das Motto "expect the unexpected" eine entscheidende Rolle, besonders in Flächen und Formen, muss natürlich etwas Neues kommen. Wir wollten in einer futuristischen Version die Linien des Countach widerspiegeln.

Wenn ich den Sian ansehe, gibt es ganz klar die Linien vom Countach aber eben absolut nicht retro, sondern zukunftsgewandt. Merkmale wie die Single Center-Line, die diagonalen Linien auf der Fronthaube, oder das sogenannte Periscopio (Glasscheibe über dem Fahrer und kleines Fenster nach hinten) wurden wiederbelebt. Ein weiteres Highlight, wenn man den Sian von hinten betrachtet sind die sechs Hexagon-Rückleuchten, ebenfalls eine Reminiszenz an den legendären Countach."

Poky: "Jetzt hast du von der Skulpturhaftigkeit eines Fahrzeuges gesprochen, eine gute Überleitung zur Diavel. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Motorrad und Auto-Design bzw. bei Diavel und Sian?"

Mitja: "Also der augenfälligste Unterschied, liegt auf der Hand. Ein Motorrad zeigt im Vergleich zum Auto natürlich erstmal ganz viel Mechanik und Motor, viel mehr als ein Auto. Bei Lamborghini designen wir quasi eine wunderbare Hülle um einen faszinierenden Motor. Wenn man sich einen V12 freistehend ansieht, ist das natürlich ein Wahnsinn, was das für eine für eine tolle Maschine ist. Beim Motorrad ist es ein bisschen andersrum, da ist der Motor im Fokus und die Proportionen vom Motorrad hängen sehr stark von ihm ab. Der Motorraddesigner entwirft die Verkleidung um den Motor herum. Zudem gibt es beim Motorrad ein viel grösseres Spektrum an Archetypen und Gattungen, als beim Auto.

Beim Sian drücken wir die Motor-Form zum Beispiel über den Kotflügel aus. Vergleichbar sind die Louvres genannten Lufteinlässe beim Sian und die seitlichen Ansaugelemente vorn an der Diavel, leicht separiert vom Grundkörper - die gleiche Philosophie wie beim Motorrad. Das wichtigste beim Motorrad ist, zu wissen, wie es einfedert, oder welchen Wheel Travel es vorne hat? Das weiss ich von Andrea (Ferraresi, Designchef Ducati) und ist etwas, das gucken wir Autodesigner uns z.B. gar nicht so an.

Das Tolle beim Motorrad ist die Opulenz der Details, weil man einfach alles sieht und gerade die Diavel ist in dieser Hinsicht ja ein wunderbares Motorrad. Mit diesen Elementen aus gebürstetem Metall neben dem Tank, die schon in der Serienversion so toll aussehen. Für mich sind italienische Motorräder, Ducatis im Speziellen, auch immer eine Inspirationsquelle, weil sie so wunderschöne Details haben."

Poky: "Gab es vielleicht schon früher in der Karriere schon Ambitionen bei dir ein Motorrad zu designen oder war die Diavel Lamborghini das erste Motorrad, das du entworfen hast?"

Mitja: "Schon als Kind habe ich immer Motorräder gezeichnet, zum Beispiel Motocross-Bikes oder Supersportmotorräder, die ich im Urlaub am Balaton gesehen habe. Ich war einfach hin und weg. Auch der Sound wird mir mein Lebtag nicht mehr aus dem aus dem Kopf gehen. Davon war ich immer schon fasziniert. In meiner Zeit bei Porsche beim damaligen Chefdesigner Harm Lagaay, hatte ich einen Auftrag eines externen Kunden Anfang der Zweitausender, ein Supersport-Motorrad zu designen. Den Hersteller kann ich dir aber leider nicht nennen. Das war für mich auch so ein Traum-Projekt, weil ich einfach immer schon ein Motorrad designen wollte."

Poky: "Viele der edlen Carbonteile an der Diavel Lamborghini sind lackiert, man erkennt also auf den ersten Blick nicht, ob hier Kunststoff oder Carbon verbaut ist. Wie stehst du zum Werkstoff Carbon als Designelement? Wie wurde das Design des Sian auf die Diavel übertragen?"

Mitja: "Carbon gibt uns als Designer viel grössere Freiheiten, wenn wir es verwenden dürfen. In Carbon kann ich viel präziser arbeiten, die Kanten deutlicher herausheben und so weiter. Der Sian ist ja komplett aus Carbon. Da bauen wir im Prinzip 63 Einzelstücke. Also das gleiche Fahrzeug aber in 63 verschiedenen Ausführungen. Die Kunden wählen individuell die Farbe. Entweder ist das Vollcarbon sichtbar, oder es gibt einen Fading-Effekt, bei dem das Auto vorne in Farbe anfängt und dann hinten in Carbon ausfadet. Das Verde Gea (grün-matt) in dem der Sian auf der IAA in Frankfurt zu sehen war und dieser Oro Electrum genannte gold-bronzene Ton in dem die Felgen gehalten sind und der für uns die Hybridisierung darstellt, hat damals Claudio Domenicali (Ducati CEO) so fasziniert, dass dort mit einem Glas Prosecco in der Hand auf dem Messestand der Grundstein für die Zusammenarbeit gelegt wurde.

Etwas später wurde eine Diavel zu Lamborghini gebracht, neben den Sian gestellt und überlegt, wie man die Philosophie vom Sian auf die Diavel übersetzen kann. Eine erste Parallele waren die Lufteinlässe vorne an der Ducati und seitlich am Sian. Jeweils ein Leitwerk aus Carbon mit kleinen Flügelchen, das hat da wie dort super gepasst, wie die Nummer 63. So sind wir da durch Auto und Motorrad gegangen und haben versucht Details, zu übersetzen. Wir wussten auch gleich, dass dieses Grün super passt, das sieht einfach cool aus und wirkt fantastisch auf dem Motorrad.

Ein weiteres Beispiel ist der Höcker hinten an der Diavel, der in der Mitte in Carbon gehalten ist und das Heck dadurch schlanker erscheinen lässt. Der vordere Kotflügel aus Sichtcarbon hat eine feine Spitze, normalerweise ist er bei Ducati rund, aber der an der Ducati Lamborghini hat genau so eine Mittelbetonung wie der Sian."

Poky: "Wie viel "freie Hand" hattest du beim Design der Diavel Lamborghini? Die Felge des Sian konnte mehr oder weniger direkt übernommen werden, obwohl der 240er Hinterreifen eines der signifikantesten Merkmale der Diavel ist. Gab es Teile die Ducati zu "heilig" waren um angegriffen zu werden?"

Mitja: "Nein, das Design war unser gemeinsamer Wunsch. Ja, also die Felge, wie du sagst, ist "das" Detail am Sian, weil die einfach so schön leichtbau-mässig aussieht und weil man sie in Bicolor-Optik lackieren kann. Wir nutzen hier die Technik "Diamond Cut", bei der dann eine Schicht der Lackierung wieder abgedreht wird und das Aluminium zum Vorschein kommt. Das fanden die Jungs bei Ducati so super, dass sie gesagt haben, gebt uns mal diese Felge. Die Spezialisten haben dann das Design von mir bekommen, den kompletten Datensatz und konnten es erstaunlich gut auf die Felge der Diavel anpassen. Ich finde die die Felge so schön geworden, die kannst du so nehmen und dir als Skulptur in deine Schrankwand stellen."

Poky: "Für mich haben Lamborghini und MV Agusta optisch einander eher entsprochen, beide extrem und radikal im Design. Ducati steht im Motorradbau für klassische Schönheit, ähnlich wie Porsche im Automobilbau. Du hast früher bei Porsche gearbeitet hättest du lieber eine "Ducati Diavel Porsche" designed?"

Mitja: "Porsche hat natürlich auch eine Design-DNA, die unglaublich ist, diese evolutionäre Designlinie, wo ein Auto an das nächste anknüpft, aber wir (bei Lamborghini) sind hier ja mitten im Motorvalley, in diesem Terra dei motori, in diesem in diesem Melting Pot, in diesem Schmelztiegel, der verrückten, passionierten und emotionalisierten italienischen Firmen. Die Formensprache von Ducati und Lamborghini mag unterschiedlich sein, aber über die sehr sensible und konzentrierte Arbeit von uns Designern, haben wir die beiden DNAs schön miteinander verbunden. Ich sehe das so: Ducati macht Spielzeuge fürs Wochenende, wir machen Spielzeuge fürs Wochenende, keiner braucht unser Zeug, aber jeder will es haben. Klar, dass das gut zueinander passt.

Einzig bei der Farbgebung gibt es jetzt wahrscheinlich welche, die sagen eine Ducati muss rot sein. Aber auch da waren wir (Designer) uns einig, dass das Grün wunderbar passen wird. Ich war wirklich begeistert vom Feedback. dass das Motorrad ausgelöst hat, also war das Projekt aus meiner Sicht ein Riesen-Erfolg."

Poky: "Wenn du dir ein weiteres Ducati Modell als Basis für ein nächstes Projekt aussuchen könntest, welches wäre das? Deine Panigale V4?"

Mitja: "Ja klar! Also für mich auf jeden Fall generell ein Supersportmotorrad! Ich fahre ja auch eine MV Agusta F4, den Designklassiker schlechthin. Daher bin ich super happy, dass ich in dieser in dieser Richtung ein bisschen reinriechen kann hier mit Ducati und mit dem, was wir für Pramac Racing gemacht haben. Vielleicht kommt einmal der Tag an dem ich mein eigenes Motorrad designen darf. Man darf nicht vergessen, dass es eine extrem fordernde Aufgabe ist, ein Motorrad zu designen. Ich muss da immer den Hut ziehen, wenn ich mir ansehe, was das Centro Stile Ducati macht.

Letzten Endes müssen ja verschieden grosse Menschen drauf passen auf so ein Motorrad. Die Ergonomie muss passen und es gilt so viele Details zu beachten: Die Position der Fussrasten, wo hat man die Ausformungen für die Oberschenkel, die in Kurvenfahrt die Verbindung von Fahrer und Motorrad herstellen, wo gibt es Platz für die Ellbogen,...? Ein Motorrad ist Exterieur und Interieur verschmolzen zu einem wunderbar ästhetischen Objekt."

Poky: "Ich glaube, das ist der perfekte Schlusspunkt. Vielen Dank für das Gespräch!"

Autor

Bericht vom 16.12.2020 | 3'389 Aufrufe

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