Die eierlegende Wollmilchsau unter Fahrwerken - Wilbers Nivomat

Vom Tourer bis zur Enduro - Nivomat soll es besser machen

Konventionelle Fahrwerke sind erprobt und kompetent, kommen aber bei wechselnder Beladung in Bedrängnis. Selbst bei Anpassung der Federvorspannung bleibt die Einstellung ein Kompromiss, nicht so beim Nivomat. Mittels ausgeklügelter Technik sollen sich Nivomat Federbeine an die jeweilige Situation anpassen, und das ganz von selbst.

Im Winter bleiben wir Motorradfahrer üblicherweise, abgesehen vielleicht von kurzen Winterfluchten in wärmere Gefilde, im Inneren und warten ungeduldig an das Ende von Schnee und Eis. Entsprechend braucht es schon was Spektakuläres, um uns trotzdem in die frostigen Temperaturen hinauszulocken. Zum Beispiel die "eierlegende Wollmilchsau der Fahrwerke", die mich am 22. Dezember ins klirrend kalte Nordhorn kommen liess. Ob sich der Trip gelohnt hat?

Ewiger Kompromiss - Das Grundproblem konventioneller Fahrwerke

Die Prämisse klang schon einmal spannend. Laut Wilbers soll ihr neu entwickeltes Nivomat Federbein, eben dieses versprochene Wunder der Technik, alle Nachteile der herkömmlichen Federbeine beseitigen. Vor allem bei wechselnder oder hoher Beladung soll das Nivomat extreme Komfort- und Handling-Vorteile bieten. Doch wie gravierend können die Nachteile und Probleme normaler Federbeine schon sein, wenn fast alle Hersteller seit Jahrzehnten auf sie setzen?

Nüchtern betrachtet: Schon ziemlich! Wir haben uns lediglich an die Eigenheiten der Fahrwerke gewöhnt. Wie auch ich sind vielen Leuten die technischen Tücken der herkömmlichen Federbeine aber auch einfach nicht genau bekannt. Der grösste Nachteil bei diesen ist, dass die Federrate nicht angepasst werden kann. Die Federrate beschreibt die Kraft, die notwendig ist um die Stahlfeder zusammenzudrücken, in Newton pro Millimeter (N/mm). Generell wünscht man sich eher eine weiche Feder, denn die niedrige Federrate bügelt mehr Schläge aus und fühlt sich für den Allerwertesten komfortabler an. Weiche Federn gehen bei Beladungen aber auch stärker in die Knie, sinken weit ein und verringern dadurch den Federweg. Die übliche Gegenmassnahme lautet in diesem Fall meist: Federvorspannung erhöhen. Entgegen des häufigen Irrglaubens, dass das auch die Härte der Federung verstelle, wird dabei aber nur das Heck höher geschraubt und dadurch die Fahrzeuggeometrie verbessert. Die Härte der Federung bleibt gleich, da die Stahlfeder sich im Inneren ja nicht ändert. Die Feder liegt zwar höher, bleibt aber komprimiert. Nivomat Federbeine sollen die Lösung auf genau dieses Problem sein. Sie können nicht nur ihre Federrate und die Fahrzeuggeometrie auf den jeweiligen Beladungszustand einstellen, sondern tun das auch noch ganz von selbst. Wie funktioniert das?

Wie ein gequetschter Luftballon - Aufbau der Wilbers Nivomat Federbeine

Ursprünglich stammt die Grundidee aus der Autobranche, wo Nivomat Fahrwerke in z.B. Volvo SUVs zum Einsatz kommen. Firmenchef Benny Wilbers erkannte das Potential der Technik und arbeitete mit ZF zusammen, um den Aufbau der Federbeine kompakt genug für den Gebrauch in Motorrädern zu machen. Die nun fertig entwickelten Nivomat-Federbeine sind mit einem hochkomplexen, mit Gasen und Öl gefüllten Kammern ausgestattet. Bei schwerer Beladung sinkt auch ein Nivomat Federbein zunächst ein. Sobald man sich aber in Bewegung setzt, wird durch die Federbewegung des Hecks Öl zwischen den Kammern umgeleitet und dadurch die Federrate erhöht. Möglich macht das die Gasfeder. Eine Stahlfeder wird bei Komprimierung nicht härter, ein Gas jedoch schon. Man kann es sich anhand eines Luftballons sehr gut vorstellen. Nimmt man einen Luftballon und drückt ihn an einem Ende zusammen, so geht das noch recht leicht. Möchte man dann allerdings das andere Ende des Ballons auch noch zusammendrücken, erhöht sich der Widerstand merklich. Basierend auf diesem Prinzip kann das Nivomat Fahrwerk auch die Federrate erhöhen, auf bis zu 160 N/mm. Aber was bringt das in der Realität?

Wilbers Nivomat Federbein im Querschnitt
Das komplexe Nivomat Federbein im Querschnitt. Über die spitzzulaufende, spiralförmige Fräsung der Pumpenstange wird während der Fahrt Öl von einer Kammer in die nächste gepumpt.

Die Funktionen & Vorteile von Wilbers Nivomat Fahrwerken

Die Selbstregulierung von Nivomat Fahrwerken hat im Fahrbetrieb mehr Auswirkungen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Zum Beispiel pendelt sich durch den internen Pump-Mechanismus schon nach wenigen Metern die Sitzhöhe auf dem vordefinierten und gewünschten Niveau ein, auch bei Fahrten mit Sozius und schwerem Gepäck. Die automatische Anpassung von Federrate und Dämpfung optimiert aber nicht nur die Fahrzeuggeometrie, sondern macht auch das Handling spürbar besser. Durch die an die Beladung angepasste Federrate spürt man das Gewicht kaum mehr, das Motorrad fährt sich fast wie im Solobetrieb. Die permanent angepasste Federung hält den Komfort und die Traktion auf einem konstanten und optimierten Level. Auch das typische Durchschlagen des Fahrwerks, also wenn die Feder bis zum Anschlag komprimiert wird, ist seltener als bei herkömmlichen Federbeinen.

Wilbers Nivomat Federbein in der Harley-Davidson Road Glide
Wilbers Nivomat Federbein in der Harley-Davidson Road Glide

Aufgrund der permanenten Anpassung an den Fahrzustand, bietet sich der Vergleich mit elektronisch gesteuerten Fahrwerken an. Dieser hinkt allerdings, da auch die semi-aktiven Fahrwerke nicht das Grundproblem der festen Federrate lösen. Dämpfung, Zugstufe und Vorspannung werden zwar auch permanent reguliert, doch bei Beladung bleibt die Feder komprimiert und der Federweg verringert.

Nivomat Fahrwerke - Für welche Bikes und welche Motorradfahrer?

Für wen lohnt es sich am meisten auf Nivomat Federbeine umzusteigen? Den Anfang machten in der Nivomat-Entwicklung einige Harley-Davidson Modelle. Aufgrund des oft recht hohen Gewichts und gleichzeitig baubedingt kurzer Federwege leiden die Harleys besonders unter den Problemen des konventionellen Federbeins. Eine stattliche Touring Road Glide Limited 2020 bringt zum Beispiel fahrfertig ganze 423 kg auf die Waage, die von nur 76 mm Federweg abgefangen werden müssen. Kommt auch noch eine Sozia und Gepäck dazu, bräuchte es eine immens harte Feder, um die gewaltige Masse ausreichend abzufangen. Im Solobetrieb ist so eine harte Feder jedoch unbequem und leitet jeden Schlag ins Kreuz. Nivomat Fahrwerke sind für Harley-Davidson Modelle mit kurzen Federbeinen wie gemacht. Die Federrate wird auf den Beladungszustand eingestellt, das Fahrzeug knickt nicht ein und die Road Glide bewegt sich passend zu ihrem Namen selbst über rumplige Pisten gleitend. Das durfte ich auch auf einer Probefahrt bei eisigen Temperaturen erfahren. Neben der Road Glide war auch noch eine neue Sportster S mit dabei, für welche Wilbers gerade das passende Nivomat System entwickelt. Mit dem kurzen Federweg ist auch die neue Sportster prädistiniert für ein Nivomat-Upgrade.

Wilbers Nivomat Federbein
Wilbers Nivomat Federbeine für Harley-Davidson Modelle

Am wenigsten eignen sich Nivomat Systeme wohl für die Rennstrecke, wo Beladungen selten und konstante Fahrwerkseinstellungen wichtig sind. Davon abgesehen hat Wilbers aber grosse Pläne für Nivomat Federbeine. Auch einige Modelle mit Monofederbeinen und Grossenduros können schon mit Nivomat-Fahrwerken ausgestattet werden. Wer aber denkt, dass so eine komplexe Technik auch filigran und empfindlich sein muss, der irrt. Schon jetzt spulte der Weltreisende Mike on the Bike Tausende Kilometer mit seiner BMW R 1250 GS und Nivomat Fahrwerk ab. Zukünftig soll sich die Palette an Motorrad-Modellen mit verfügbarem Nivomat-Upgrade noch stark vergrössern. Schliesslich profitieren nicht nur Bikes mit notorisch kurzen Federwegen davon, sondern alle, die mit wechelnder Beladung oder auf schlechten Strassen unterwegs sind.

Preise und Verfügbarkeit von Wilbers Nivomat Fahrwerken

Die Preise und Verfügbarkeiten der Wilbers LDC Nivomat Fahrwerke variieren abhängig vom Motorrad-Modell. Zum Beispiel kostet ein Nivomat-System für die Harley-Davidson Road Glide mit Stereofederbeinen, neuem Gabel-Öl und neuen Gabelfedern 1799€. Ob es ein Nivomat System auch für dein Motorrad gibt und wie viel du für dieses hinlegen musst, das kannst du auf der Wilbers Website nachsehen.

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Bericht vom 17.01.2022 | 9'276 Aufrufe

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