Gebrauchtberatung: Ducati Multistrada 1200 (2010-2017)
Multistrada 1200: Die eierlegende Wollmilchsau auf Steroiden
Wer sich für eine gebrauchte Ducati Multistrada 1200 interessiert, sollte sich vorab mit den bekannten Schwachstellen und den technischen Unterschieden der einzelnen Baujahre auseinandersetzen. In dieser Kaufberatung zeigen wir, welche Modelle besonders empfehlenswert sind, wo mögliche Probleme lauern und welche Punkte man bei der Besichtigung unbedingt im Blick haben sollte.
Gleichzeitig gehen wir der Frage nach, warum die Multistrada 1200 so lange als Ducatis eierlegende Wollmilchsau galt und leidenschaftliche Kurvenjäger ebenso begeisterte wie Kilometerfresser, die Wert auf entspanntes und komfortables Reisen legten. Genau hier zeigt sich ihr wahres Talent, denn der bärenstarke Testastretta V2 liefert satten Vortrieb mit einer herrlich rauen Ducati-Note, die Ergonomie präsentiert sich entspannt und langstreckentauglich, die Elektronik ist für ihre Zeit erstaunlich üppig ausgestattet und ihre Einsatzbandbreite reicht von der sportlichen Ausfahrt bis zur ausgedehnten Reisetour, ohne dass sich einer dieser Bereiche wie ein Kompromiss anfühlt.
Modellhistorie und technische Entwicklung
Die Ducati Multistrada 1200 wuchs zwischen 2010 und 2017 von einem wilden Konzept mit vier gegensätzlichen Einsatzbereichen für Sport, Touring, Urban und Enduro zu einem ausgereiften und erstaunlich vielseitigen Motorrad heran. Während die erste Generation den kräftigen Testastretta 11 Grad V2 mit Ride by Wire, mehreren Fahrmodi, Traktionskontrolle und einem voll einstellbaren Fahrwerk kombinierte, ergänzte bereits 2011 die erste Pikes Peak Edition das Portfolio als noch sportlichere Sonderversion mit Öhlins Kom ponenten, leichteren Parts und dem charakteristischen Racing-Look.
Ab 2012 wurde das Modell kultivierter, mit überarbeiteter Ausstattung, und 2013 kam mit dem semi-aktiven Fahrwerk Ducati Skyhook Suspension (DSS) von Sachs die erste adaptive Fahrwerkstechnik der Baureihe hinzu. Damit passte sich die Dämpfung automatisch an die Strassenverhältnisse an. Zusätzlich bekam die Multistrada eine modernisierte Elektronik und LED-Beleuchtung.
Zum Modelljahr 2015 wurde die Multistrada erneut überarbeitet. Der neue Motor mit variabler Ventilsteuerung, bekannt als Testastretta DVT, sorgte für mehr Drehmoment und spürbar geschmeidigere Leistungsabgabe bei gleichzeitig hoher Endleistung. Gleichzeitig erhielt die Elektronik ein grosses Update, unter anderem eine 5-Achsen-IMU, Kurven-ABS, Wheelie-Control und weitere moderne Fahrhilfen.
2016 folgte mit der Ducati Multistrada 1200 Enduro eine eigenständige Variante, die das Spektrum der 1200er radikal erweiterte. Sie bekam ein 19-Zoll-Vorderrad, speichenbereifte Räder, eine verlängerte Schwinge, mehr Federweg und deutlich grössere Bodenfreiheit. Der Tank wurde auf 30 Liter vergrössert, was die Reichweite auf langen Touren oder Offroad-Einsätzen massiv steigerte.
Während der gesamten 1200er-Modellhistorie blieb der Grundmotor, ein flüssigkeitsgekühlter 1.198 cm³ V2, unverändert erhalten. In den frühen Jahrgängen leistete er 150 PS bei 9.250 U/min und 119 Nm bei 7.500 U/min. Mit der Einführung des DVT Motors stieg die Leistung je nach Version auf bis zu 160 PS, das Drehmoment auf rund 136 Nm. Die serienmässigen Brembo Vierkolben Radialfestsättel mit zwei 320 mm Scheiben an der Vorderachse sowie die schwimmend gelagerte 245 mm Hinterradbremse sorgten von Beginn an für überzeugende Verzögerung. Mit dieser technischen Basis positionierte sich die Multistrada 1200 über die Jahre hinweg als eines der vielseitigsten Motorräder am Markt - eine Maschine, die sportlichen Anspruch, komfortables Touring, Alltagstauglichkeit und sogar Abenteuerlust in einem einzigen Konzept vereinte.
Gebrauchtpreise und Marktlage - Österreich & Deutschland
In Österreich bewegt sich die Ducati Multistrada 1200 derzeit in einem stabilen, aber überschaubaren Gebrauchtmarkt. Gut erhaltene Modelle der frühen Baujahre beginnen bei rund 6.000 bis 6.500 Euro, während gepflegte Exemplare der 1200 S meist zwischen 8.000 und 11.000 Euro liegen. Die Ausstattung, der technische Zustand und ein nachweisbares Serviceheft haben dabei spürbaren Einfluss auf den Preis, ebenso die Laufleistung. Die Multistrada 1200 Enduro bildet aufgrund ihres speziellen Einsatzzwecks und der deutlich geringeren Stückzahlen ein eigenes kleines Segment und wird entsprechend seltener angeboten, meist zu höheren Preisen als die zivileren Varianten. Von der Pikes-Peak-Version findet man hingegen so gut wie keine. Insgesamt zeigt sich die Nachfrage solide, das Angebot jedoch begrenzt, wodurch gut gewartete Maschinen mit nachvollziehbarer Historie kaum lange am Markt bleiben.
In Deutschland ist das Angebot an gebrauchten Multistrada 1200-Modellen zwar grösser als in Österreich, insgesamt aber - zumindest für deutsche Verhältnisse - weiterhin überschaubar. Die Preise bewegen sich meist zwischen 7.000 und 12.000 Euro, je nach Zustand, Laufleistung und Ausstattung. Auffällig ist, dass überdurchschnittlich viele Pikes-Peak- und Enduro-Varianten gelistet sind. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die höherwertigen Modelle in Deutschland deutlich häufiger verkauft wurden als in Österreich und deshalb heute entsprechend öfter im Gebrauchtmarkt auftauchen. Insgesamt bleibt die Nachfrage stabil, und gepflegte Maschinen mit vollständiger Historie sind auch hier nicht lange verfügbar.
Ducati Händlernetz in Österreich, Deutschland und der Schweiz
Ducati ist in der DACH-Region solide vertreten, auch wenn die Händlerdichte je nach Land deutlich variiert. In Österreich finden sich aktuell 17 offizielle Vertragspartner, was für ein Land dieser Grösse eine ordentliche Abdeckung darstellt, auch wenn es abseits der Ballungsräume weiterhin klare Lücken gibt. In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild, dort sind ebenfalls knapp unter 20 Händler gelistet. Deutschland ist deutlich dichter versorgt, denn mit weit über 50 Standorten ist die Versorgung mit Service, Ersatzteilen und Gebrauchtfahrzeugen in den meisten Regionen zuverlässig sichergestellt. Insgesamt präsentiert sich Ducati im DACH-Raum gut aufgestellt, mit ausreichend Angeboten für Wartung und Beratung, auch wenn die Marktdichte der grossen japanischen oder deutschen Hersteller nicht ganz erreicht wird.
Werkstatterfahrungen zur Ducati Multistrada 1200 - Interview mit der Bike Factory Krems
Im Gespräch mit Walter Prohaska von der Bike Factory Krems zeigte sich schnell, dass die Ducati Multistrada 1200 eine gelungene Kombination aus Temperament, moderner Technik und beeindruckender Langlebigkeit ist. Die Modelle von 2010 bis zu den späteren Jahrgängen gelten als verlässliche Begleiter, solange die regelmässigen Services eingehalten werden. Der Motor läuft robust, bewältigt Alltag wie Langstrecke ohne Murren und wurde durch das Skyhook Fahrwerk ab 2012 sowie den geschmeidigen DVT Motor ab 2015 weiterentwickelt. Die Enduro Version ab 2016 bringt mit ihrem 19 Zoll Vorderrad zusätzliche Geländetauglichkeit, ohne dabei an grundsätzlicher Zuverlässigkeit einzubüssen.
Trotz ihres guten Rufs gibt es beim Gebrauchtkauf einige Punkte, die man im Auge behalten sollte. Gelegentlich treten Getriebeauffälligkeiten auf, vor allem beim Wechsel vom vierten in den fünften Gang. Manche Fahrer berichten von einem harten Einrasten, schwer zugänglichen Gängen oder dem Auftreten eines falschen Leerlaufs. Bei zu locker eingestellter Kette kann das verstärkt auftreten, weshalb eine korrekte Kettenspannung entscheidend ist.
Im elektronischen Bereich fallen gelegentlich Sensorprobleme auf. Dazu zählen beispielsweise Fehlermeldungen im Bereich der Wegfahrsperre oder der ABS Sensoren. Auch das Einspritz- und Motormanagement kann sich bei manchen Maschinen mit unruhigem Leerlauf, Leistungseinbrüchen oder selten sogar Aussetzern bemerkbar machen. Ein Klassiker ist zudem der Tanksensor, der bei einigen Multistrada 1200 Modellen wiederholt defekt wurde und dann die Tankanzeige verfälschte oder komplett ausser Kraft setze. Elektronikchecks sollten grundsätzlich beim Händler durchgeführt werden, da viele private Prüfdienste diese Systeme nicht vollständig auslesen können.
Auch der Zustand einzelner Bauteile verdient besondere Aufmerksamkeit. Heizgriffe funktionieren meist lange, können bei Vielfahrern jedoch durch Kabelbrüche ausfallen. Das Lenkkopflager sollte man bei jeder älteren Multistrada am Hauptständer prüfen, da sich eventuelle Abnutzung schnell bemerkbar macht. Die Handschützer gelten als empfindlich, weil die integrierten Blinker bei einem Umfaller leicht beschädigt werden und dann kostspielige Reparaturen notwendig sind. Ältere Modelle können zudem Ermüdungserscheinungen an Kunststoffteilen oder Schaltern zeigen, besonders wenn das Motorrad oft im Freien stand oder extremen Bedingungen ausgesetzt war.
Auch die Dokumentation der Wartungen spielt eine wichtige Rolle. Ältere Jahrgänge verfügen noch über klassische Servicehefte, die idealerweise vollständig abgestempelt sind. Das Wartungsintervall der Multistrada 1200 variiert je nach Modelljahr. Bei den Baujahren 2010 bis 2014 steht alle 12.000 Kilometer bzw. einmal pro Jahr ein Ölservice an, das grosse Desmo-Service folgt im 24.000-Kilometer-Takt. Die DVT-Modelle ab 2015 sind entspannter unterwegs: Hier liegt das Ölserviceintervall bei 15.000 Kilometern, die Ventilspielkontrolle erst bei 30.000 Kilometern. Der Zahnriemen muss unabhängig von der Laufleistung alle fünf Jahre erneuert werden. Laufleistungen von rund 50.000 Kilometern gelten als unproblematisch, wenn die Maschine regelmässig gewartet wurde. Oft sind Maschinen mit vielen Kilometern sogar besser in Schuss als Bikes, die lange gestanden sind.
Ausserdem empfiehlt sich ein genauer Check des Unterbodens. Steinschläge am Ölkühler, an der Bodenplatte, an Gabelfüssen oder an der Schwinge lassen klar erkennen, dass die Maschine im Gelände bewegt wurde. Ein Innenkotflügel mit deutlichen Einschlägen bestätigt dies zusätzlich. Wenn ein Verkäufer angibt, nie abseits der Strasse gewesen zu sein, die Maschine aber entsprechend markante Spuren zeigt, sollte man die Aussage kritisch prüfen.
Beim Zubehör gelten Sturzpads als sinnvoll, da sie teure Schäden verhindern können. Viele Multistradas sind ausserdem bereits ab Werk oder vom Vorbesitzer mit einem Koffersystem ausgestattet. Falls nicht, lohnt es sich nachzufragen, ob Koffer oder ein Topcase noch vorhanden sind. Komfortsitz und Tourenscheibe steigern zudem den Reisekomfort deutlich.
Alternativen zur Multistrada 1200 - Konkurrenz zwischen Adventure, Sport und Tourismus
Die Multistrada 1200 betrat 2010 eine Klasse, die bis dahin von klassischen Reiseenduros dominiert wurde. Ducati stellte sich mit einem Superbike-V2, 160 PS und strassenorientierter Geometrie bewusst daneben und definierte dadurch das Segment neu. Anfangs war die Multistrada das leistungsstärkste Motorrad ihrer Art; erst mit der KTM 1290 Super Adventure verlor sie diesen Status kurzzeitig, bevor sie sich mit der Überarbeitung 2015 die Krone wieder zurückholen konnte.
Die Konkurrenz interpretierte das Thema grosses Reisemotorrad deutlich tourenorientierter. Die KTM 1190 Adventure bot 150 PS und ein sportlich-aggressives Gesamtpaket. Triumph setzte auf einen kultivierten Dreizylinder, Honda auf einen kraftvollen V4, Aprilia auf einen komfortablen Langstrecken-V2 und BMW auf den bekannten Boxer, der eher mit Traktion und Ruhe als mit Spitzenleistung punktete. Kawasaki wählte beim Versys 1000 einen gutmütigen Vierzylinder, Yamaha stellte mit der Super Ténéré ein robustes Arbeitstier dagegen und Moto Guzzi blieb mit der Stelvio beim traditionsreichen, aber konservativ wirkenden luftgekühlten V2.
Im Grunde versuchte anfangs kein Hersteller, Ducatis Mischung aus sportlichem Rahmen, breiter Strassenbereifung und superbikeähnlicher Motorcharakteristik konsequent zu kopieren. Genau dadurch blieb die Multistrada über Jahre ein Exot mit klar erkennbarem Leistungs- und Dynamikvorteil. Erst 2014 brachte BMW mit der S 1000 XR einen Konkurrenten auf Augenhöhe auf den Markt, der Sportlichkeit und Tourenkomfort ähnlich kompromisslos kombinierte.
Reifenempfehlung für die Multistrada 1200 und die Multistrada 1200 Enduro
Für die Ducati Multistrada 1200 eignet sich der Metzeler Roadtec 02 hervorragend als sportlich tourentauglicher Strassenreifen. Er bietet eine sehr harmonische Balance aus Grip, Stabilität und Komfort und passt damit bestens zur vielseitigen Ausrichtung der 1200er. Besonders auf der Landstrasse spielt der Roadtec 02 seine Stärken aus, denn er glänzt mit kurzer Aufwärmzeit, vermittelt sattes Vertrauen beim Anbremsen, liefert starke Rückmeldung in Schräglage und überzeugt mit beeindruckender Nässeperformance. Wer mit der Multistrada häufig pendelt oder lange Touren plant, profitiert zusätzlich von seiner hohen Laufleistung.
Etwas anders fällt die Empfehlung bei der Multistrada 1200 Enduro aus, denn das grössere 19 Zoll Vorderrad und die schmäleren Reifendimensionen hinten verlangen nach einem anderen Ansatz. Um das geländetaugliche Fahrwerkslayout und den Offroadcharakter dieser Version optimal zu nutzen, machen grobstollige Reifen wie die Metzeler Karoo 4 abseits befestigter Strassen deutlich mehr Sinn. Sie bieten stabilen Grip auf Schotter, ein kontrolliertes Verhalten in losem Terrain und ausreichend Robustheit für leichte bis mittlere Offroadeinsätze und bleiben dabei auf alltagstauglich genug für den Asphalt.
Batterieempfehlungen
Batterien zählen bei vielen Motorrädern zu den üblichen Schwachstellen, vor allem wenn billige No-Name-Produkte verbaut wurden. Wer sich Ärger ersparen möchte, greift am besten zu Yuasa, denn diese Batterien überzeugen durch hohe Zuverlässigkeit, kräftige Startleistung und eine sehr geringe Ausfallquote. Auch bei der Multistrada 1200 zahlt es sich aus, an dieser Stelle nicht zu sparen. Häufiger Grund für einen vorzeitigen Batterietod ist die Tiefentladung über den Winter, daher verlängert regelmässiges Nachladen die Lebensdauer erheblich.
Auch sonst gilt bei Gebrauchtmaschinen: Ein wenig Fürsorge wirkt Wunder. Regelmässige Ölwechsel sind das einfachste Mittel, um Motor und Getriebe lange gesund zu halten. 1000PS setzt hier auf Schmierstoffe von Motorex, und über diesen Link findest du das passende Öl für dein Motorrad.
Fazit: Ducati Multistrada 1200 Gebrauchtberatung
Die Ducati Multistrada 1200 bleibt ein erstaunlich vielseitiges Motorrad, das sportlichen Anspruch, Tourenkomfort und Alltagstauglichkeit überzeugend verbindet. Der kräftige Testastretta V2 liefert satten Vortrieb, die Ergonomie ist bequem und die Elektronik ab 2013 modern genug, um auch heute noch zu überzeugen. Die Entwicklung über die Jahre wirkt logisch, vom puristischen 2010er Modell bis zur kultivierten DVT Generation und der eigenständigen 1200 Enduro.
Beim Gebrauchtkauf lohnt ein Blick auf typische Themen wie den Tanksensor, vereinzelte Fehler in der Sensorik, ein Spiel im Lenkkopflager oder Heizgriffe mit Wackelkontakt. Mit sauber geführtem Serviceheft gelten auch hohe Laufleistungen als unproblematisch, oft sind viel genutzte Maschinen sogar besser in Schuss als lange abgestellte Bikes.
Bericht vom 15.12.2025 | 6.556 Aufrufe