Interview Piaggio-CEO: Deshalb kommt keine grössere Vespa
Michele Colaninno über EV-Verzögerungen, Indiens Aufstieg und die Zukunft von Moto Guzzi
Piaggio-CEO Michele Colaninno spricht über Marktausblick, Hürden der Elektrifizierung, Produktion in Europa und Indien, MotoGP-Strategie, Vespa-Grenzen und die Zukunft von Moto Guzzi.
In diesem offenen Gespräch auf der EICMA spricht Poky mit Michele Colaninno, dem CEO der Piaggio-Gruppe. Colaninno erklärt, warum Europa trotz wirtschaftlicher Schwankungen der wertvollste Zweiradmarkt bleibt, warum die Einführung von Elektrofahrzeugen langsamer verlaufen wird, als gedacht, wie Piaggio italienisches Erbe mit globaler Produktion vereint und wie sich Aprilias MotoGP-Programm, Vespas Design-DNA und die Zukunft von Moto Guzzi, entwickeln werden.
Interviewer: Poky, 1000PS Interviewpartner: Michele Colaninno, CEO Piaggio Group
Poky, 1000PS: Wenn man auf das heurige Jahr blickt, sieht man einen Rückgang der Verkaufszahlen 2025. Wie sieht der Ausblick für den europäischen Zweiradmarkt 2026 und 2027 nach dieser Abkühlung ihrer Meinung nach aus?
Michele Colaninno: Ich weiss es nicht. Wenn Sie jemanden mit einer Kristallkugel finden, kann er es Ihnen sagen. Europa ist immer noch der weltweit wichtigste Markt gemessen am Wert. Jeder investiert in Produkte für Europa. Aber mit Politik, Kriegen, Inflation und Zöllen ist es schwer vorherzusagen.
Poky: Welcher Markt ist nach Europa der zweitwichtigste?
Michele Colaninno: Indien. Dort wächst die Fähigkeit in gewissen Bevölkerungsschichten, Premiumprodukte zu kaufen. Das BIP pro Kopf steigt schneller als in anderen Ländern.
Poky: In Europa sehen wir im PKW-Bereich aber auch auf zwei Rädern einen Trend zur Elektromobilität. Mit Piaggio 1 und der Vespa Elettrica haben Sie eigene unterschiedliche Ansätze. Piaggio ist auch Teil des Tauschbatterie-Konsortiums. Wird es künftig fest-verbaute Batterien im Rollerbereich geben, oder haben die herausnehmbaren Packs grössere Chancen?
Michele Colaninno: Das Swappable-Battery-Konsortium wurde aus einer Piaggio-Idee heraus gegründet. Ich bin persönlich überzeugt, dass das Tauschen das interessanteste System für Zweiradkunden ist: einfach, keine Ladesäulen, keine sechs Stunden Wartezeit für einen Ladezyklus. Aber wir hängen von der Batterietechnologie ab. Wenn eine Batterie 1.000 km Reichweite mit einer Ladung garantieren könnte, würden alle Hersteller in diese Richtung gehen zumindest bei Rollern.
Bei Motorrädern ist es anders: Hier braucht man leistungsstärkere Akkus, hat aber eng begrenzte Dimensionen. Der Elektromarkt wird sich in Europa langsamer entwickeln als (von der Politik) erwartet. Es ist ein Übergang, aber keiner, der "morgen" passiert. Niemand investiert in öffentliche Infrastruktur. Der Markt ist nicht da. Er wird kommen langsam, so wie die Elektrifizierung im PKW-Bereich übrigens.
Poky: Was bremst die Entwicklung Regulatorien, der Wettbewerb oder der Markt?
Michele Colaninno: Die Batterietechnologie: Reichweite und Ladezeit. Ein Kunde kann einen Verbrenner kaufen, der 50 km mit einem Liter fährt. Zweiräder verursachen nur 0,5 % der Gesamtemissionen in Europa. Zweiräder sind also nicht das Problem. Die Hindernisse sind Infrastruktur und Batterietechnologie. Wenn man das Batteriethema löst, wird es interessant.
Poky: Wann werden Elektroroller (Anschaffung + Nutzung) in den Gesamtkosten "cost of ownership" unterhalb von Verbrennern liegen?
Michele Colaninno: In fünfzehn Jahren. Das ist nur eine Zahl vielleicht zehn, vielleicht zwanzig. Fünfzehn ist ein Mittelwert.
Poky: Beim Thema Plattformstrategie wo machen gemeinsame Komponenten Sinn, und wo schützen Sie die Marken-DNA?
Michele Colaninno: Bei Verbrennungsmotoren ist alles bekannt. Das "Gehirn" des Fahrzeugs Verbrennungs- oder Batteriemanagement will ich als Marke besitzen und vor fremden Zugriff schützen. Die Zukunft ist mehr Robotik und Software als Stahl und Motoren. Wir haben vor 10 Jahren ein Robotikunternehmen in Boston gegründet. Von dort kamen unsere eigenen Radarsysteme, vorne und hinten, wie sie zum Beispiel in der Stelvio zum Einsatz kommen. Sicherheit kann durch Software verbessert werden. Bei Elektrofahrzeugen ist alles Software das "Gehirn" unserer Motorräder bleibt zu Hause.
Poky: Sie bauen ein neues Werk für Moto Guzzi. KTM verlagert nach Indien ist Produktion in Europa bei steigenden Kosten überhaupt noch machbar?
Michele Colaninno: Jemand sagte mir, ich sei verrückt, Geld in Italien in eine neue Fabrik zu stecken. Produktionskosten in Europa sind zehnmal so hoch wie in Indien. Aber die europäische Kultur ist Teil unseres Herzens; wir werden sie nicht einfach für Geld wegwerfen. Geld ist wichtig, aber Menschen sind es auch. Ich werde keine Leute in Italien entlassen, um alles nach Indien oder China zu verlagern. Die Fabrik in Mandello steht für die nächsten hundert Jahre, sie ist Teil unserer Kultur. Wir wollen in Europa bleiben aber verstehen, dass es nicht nur Europa gibt.
Poky: Mit Aprilia produzieren Sie bereits in Indien. Werden künftig mehr Modelle von dort kommen?
Michele Colaninno: Die Motorradwelt teilt sich in zwei Segmente: Die Produktion von höherpreisigen Modellen kann langfristig in Italien bleiben. Weltmodelle müssen sich im Preiswettbewerb behaupten. Da produziert die Konkurrenz ausserhalb Europas und wir müssen folgen. Für die A2-Maschinen unserer 457er Baureihe ist Indien der richtige Ort: nicht nur wegen niedriger Kosten, sondern vor allem weil der Markt dort ist. Das technologische Niveau in Indien ist mittlerweile vergleichbar mit Europa. China ist etwas hinterher, wächst aber stetig.
Poky: Wie vermeiden Sie Kannibalisierung zwischen Piaggio und Vespa?
Michele Colaninno: Unterschiedliche Kundenreise. Piaggio steht für Pendeln von A nach B. Vespa ist Premium, Mode, Lifestyle. Es gibt gewisse Überschneidungen, aber Vespa ist einzigartig ohne Konkurrenz. Manche versuchen uns zu kopieren, aber sie können Marke, Geschichte, Kultur nicht kopieren. Wir versuchen, dummes Kopieren auch rechtlich zu verhindern.
Poky: Aprilias Erfolg in der MotoGP ist beachtlich. Wird Racing weiterhin strategisch wichtig bleiben?
Michele Colaninno: Absolut. Liberty Media wird mit ihrer Plattform jüngere Generationen anziehen. Der Wettbewerb muss fair bleiben wenn nur die Reichsten gewinnen, ist das nicht gut. Ich plädiere nicht für eine Budgetobergrenze. Wir haben gezeigt, dass man auch als Neueinsteiger gute Ergebnisse erzielen kann.
Poky: Wurden die Investitionen seit dem Einstieg erhöht?
Michele Colaninno: Nein. Zu viel Geld hindert Menschen am Denken. Ich bevorzuge Ideen, statt alles mit Geld zu Erschlagen. Ich bin glücklich über die neuen Regeln für 2026/27. Wir werden fantastische Aprilia-Produkte sehen. Racing hilft Markenwert und Verkäufe sind gestiegen. Wir nutzen, was wir aus der MotoGP auf die Strasse übertragen können. Mit den neuen Regeln wird es weniger Aerodynamik, weniger Software, mehr Mechanik geben, die dann in unseren Serienmodellen sichtbar werden wird.
Poky: Moto Guzzi hat loyale, aber im Schnitt ältere Kunden. Fürchten Sie, dass diese Generation, die Moto Guzzi jetzt liebt und fährt verschwindet? Wie gewinnen Sie jüngere Fahrer?
Michele Colaninno: Die jungen Generationen werden begeistert sein. Neues Werk, neue Entwicklung, neue Ingenieure alles ist im Einklang. Vielleicht gibt es Platz für etwas unterhalb der V7. Kommen Sie im September nach Mandello Sie werden staunen. Es wird nicht nur eine Produktionsstätte sein, sondern eine Welt von Moto Guzzi mit neuem Museum, Services und abgestimmten Motorrädern. Der Ort ist einzigartig Comer See und Berge.
Poky: Danke für die Einladung, ich komme gern. Noch einmal zurück zur Vespa: In den deutschsprachigen Ländern gibt es Nachfrage nach einer grösseren Vespa. Sie haben einen potenten 400-ccm-Motor im Konzern warum nutzen Sie ihn nicht?
Michele Colaninno: Bei Vespa muss man sehr auf Stil und Design achten. Alles muss zu den Dimensionen und dem Stahlrahmen passen. Wir denken darüber nach, wie wir sie weiterentwickeln, Vespa muss Vespa bleiben. Auch eine kleinere Variante wäre interessant. Die Vespa ist kein Roller zum Reisen wenn man sie zu gross macht, leidet das Design. Wenn Design und grösserer Hubraum irgendwann zusammenpassen, warum nicht.
Poky: Wie läuft es mit der Vespa Elettrica? In unseren breiten hatte sie einen schwierigen Start...
Michele Colaninno: Es war kein schwieriger Start aus meiner Sicht. Ja, die Kundenzahl ist gering; der Grossteil des Elektro-Zweiradmarktes in Europa sind Lieferfahrer, keine Privatkunden, die das Fahren lieben. Wir verkaufen die Vespa Elettrica 70 für 8.000 €, aber aktuell eben nur wenige. Wir produzieren weiter, um bereit zu sein, wenn der Markt anspringt. Jedes Jahr investieren wir in Elektrifizierung, ohne übereilt eine ganz neue Reihe zu bringen.
Poky: Die Gen-Z lebt vor allem auf dem Handy und vor dem Bildschirm. Wie holen Sie sie zur Vespa?
Michele Colaninno: Indem wir ihnen eine Welt bieten, nicht nur ein Fahrzeug. Vespa war schon immer mehr als ein Fahrzeug. Wir schaffen eine Welt aus Musik, Kunst, Skulptur alles, was die neue Generation anspricht. Könnte das virtuell sein? Ja, warum nicht.
Poky: Welche regulatorischen Änderungen würden den Zweiradmarkt fördern?
Michele Colaninno: Führerscheinregelung, Parken, städtischer Zugang. Entscheidungsträger müssen verstehen, dass Zweiräder eine Lösung sind, kein Problem. Sie sind kleiner, nicht umweltbelastend, einfach zu nutzen. Wenn wir als Zweiradmarkt ein Problem darstellen würden, könnte die Gesetzgebung (in Europa) ihn in zwei Stunden zerstören, aber ich glaube nicht, dass sie gegen uns sind. Wir haben keine CO₂-Regulierung, weil unser Anteil an der Verschmutzung nur 0,5 % beträgt. Mobilität wird vielfältiger Zweiräder werden wachsen.
Poky: Über Elektrifizierung hinaus: synthetische Kraftstoffe, Leichtbaumaterialien was prägt das nächste Jahrzehnt?
Michele Colaninno: Niemand sollte Technologie vorschreiben. Wir sollten frei wählen dürfen, solange wir die Ziele erreichen. Keine einzelne Technologie wird den Markt revolutionieren. Es wird ein Mix sein etwas elektrisch, etwas E-Fuels. Kein Wasserstoff: Kompression und Speicherung sind zu komplex. Technologie ist nie ein Problem, wenn sie zu den Bedürfnissen des Kunden passt.
Poky: Vielen Dank. Michele Colaninno: Danke Ihnen.
Bericht vom 17.12.2025 | 7.370 Aufrufe