Honda GB350S im Test
Ich hatte fast vergessen, worum es beim Motorradfahren geht
Manchmal braucht es kein Mehr an Leistung, Technik oder Preis, um glücklich zu sein. Die Honda GB350S erinnert daran, worum es beim Motorradfahren wirklich geht: Gefühl, Ruhe und ehrliche Mechanik. Ein Testbericht über Entschleunigung auf zwei Rädern.
Ich weiss nicht genau, wann wir vom richtigen Weg abgekommen sind.
Ich weiss nicht, ab welchem Moment wir angefangen haben zu glauben, dass Motorräder nur dann gut sind, wenn sie mit immer mehr Technik, immer mehr Assistenzsystemen und immer höheren Preisen ausgestattet sind. Ich weiss auch nicht, seit wann Motorradfahren bedeutet, ständig mehr Geld investieren zu müssen, und wir uns dabei Schritt für Schritt weiter von der eigentlichen Erfahrung entfernt haben.
Und ich weiss nicht, wie es dir geht, aber ich selbst hatte über viele Jahre hinweg, egal welches Motorrad ich gefahren bin, immer dieses Gefühl: Ich müsste den nächsten Schritt machen. Ein anderes Bike. Grösserer Motor. Mehr Leistung. Mehr Ausstattung. Mehr von allem. Und natürlich teurer.
Dieses Gefühl hatte ich sogar mit meiner Triumph Scrambler 900. Ein Motorrad, das mir jedes einzelne Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn ich aufsteige. Ohne Ausnahme. Und trotzdem habe ich mich dabei ertappt, wie ich darüber nachgedacht habe, sie gegen eine 1200er einzutauschen.
Irgendwann ist dieser Gedanke verschwunden. Vielleicht auch, weil ich heute kleinere Hubräume deutlich mehr schätze als früher. Aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.
Die Zeit verging, bis zum vergangenen Sommer. Da hatte ich die Gelegenheit, die Honda GB350S zu fahren. Ein neues Motorrad für den europäischen Markt, das in Japan allerdings bereits 2021 vorgestellt wurde und sich dort schnell zu einem echten Verkaufsschlager entwickelt hat.
Wer schon länger dabei ist, erinnert sich vielleicht an unseren kleinen Trip nach Tokio. Ein paar Tage, genutzt für ein Video über Moto Gymkhana. Ein grossartiges Erlebnis. Das Video ist aktuell nur auf Spanisch verfügbar, aber wir arbeiten daran. Dort hatten wir auch die Gelegenheit, die Tokyo Motorcycle Show zu besuchen.
Eine sehr lokal geprägte Messe, auf der man kaum westliche Besucher sieht, die aber trotzdem zu den wichtigsten Motorradmessen der Region zählt. Mich haben viele Dinge überrascht: wie gut alles organisiert war, wie viele Menschen gekommen sind, und wie voll der Honda Stand war.
Was mich am meisten überrascht hat: Die Leute standen dort nicht wegen der MotoGP Bikes, nicht wegen einer Fireblade, nicht wegen der CBR 600. Die meisten drängten sich um ein Motorrad mit rund 20 PS. Damals habe ich das ehrlich gesagt nicht verstanden. Heute verstehe ich es perfekt.
Damals fehlte mir einfach die Erfahrung mit einem Segment, oder besser gesagt mit einem Untersegment innerhalb der Retro Bikes, das Marken wie Royal Enfield in den letzten Jahren sehr konsequent aufgebaut haben. Honda geht diesen Weg auf seine eigene Art: mit einem Sound, der sofort ein Lächeln auslöst, mit einer hochwertigen Haptik, die Vertrauen schafft, mit einem stimmigen Design, und mit der inneren Ruhe, die das Wissen vermittelt, dass dahinter eine der solidesten Marken der Welt steht. Mit einem der besten Händlernetze überhaupt.
Honda GB350S im Test: Zurück zu den Wurzeln des Motorradfahrens
Damit wir über dasselbe Motorrad sprechen: Die Honda GB350S wird von einem luftgekühlten Einzylinder angetrieben, leistet rund 20 PS, stellt etwa 30 Nm Drehmoment bereit und wiegt vollgetankt 178 Kilogramm, tatsächlich gemessen bei uns im Büro. Die Sitzhöhe liegt bei 800 Millimetern. Auf dem Papier niedrig, in der Praxis wirkt sie durch die flache und breite Sitzbank etwas höher, als man erwartet.
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Und nein, sie kommt nicht mit unzähligen Fahrmodi. Sie hat keine beheizten Griffe, keine Connectivity Spielereien und sie bringt auch nicht deine Traumfrau oder deinen Traummann mit. Was sie allerdings bietet, ist ein Preis von rund 4.700 Euro in Deutschland, und die Tatsache, dass sie vollständig in Japan gefertigt wird. Nicht in China. Nicht in Indien. In Japan. Auch wenn ihre technische Basis auf der CB350 RS aufbaut, die seit 2021 in Indien verkauft wird.
All das macht sie attraktiv. Nicht nur für Einsteiger. Auf dem Papier klingt das nach einer ziemlich guten Mischung: fairer Preis, gelungene Silhouette, Honda Know how. Aber das allein macht noch kein gutes Motorrad. Entscheidend ist, was passiert, sobald man sich draufsetzt.
Einzylinder, Sound und Charakter: Was die GB350S besonders macht
Und genau hier liegt ihre grösste Stärke, und auch der Hauptgrund, warum sie 2022 in Japan zum meistverkauften Modell ihrer Klasse wurde: das Erlebnis. Das Gefühl. Die Perspektive auf Alltag und Leben, die sich sofort einstellt.
Dieses Erlebnis beginnt sogar, bevor man den Motor startet. Ein klassischer Metalltank. Sauber verarbeitete Kunststoffe. Nichts wirkt billig oder unfertig. Keine herumhängenden Kabel. Keine Materialien, bei denen man sich fragt, wie sie wohl nach ein paar Jahren aussehen. LED Beleuchtung, sauber integrierte Blinker. Alles wirkt durchdacht.
Dreht man den Schlüssel, erwacht das analoge Cockpit zum Leben. Ein klassischer Rundtacho, ergänzt durch ein kleines LC Display mit Ganganzeige, Tankfüllstand und den wichtigsten Informationen. Aber wenn wir davon sprechen, dass dieses Motorrad zum Leben erwacht, dann müssen wir über den Motor sprechen.
Es ist schwer in Worte zu fassen, wie gut sich dieses Motorrad beim Gasgeben anfühlt, ganz ohne hohe Drehzahlen. Ich kann nicht genau sagen, was Honda hier im Detail gemacht hat, aber dieser Sound passt perfekt zum Charakter der Maschine. Er trägt das gesamte Fahrerlebnis.
Das ist kein Motorrad, mit dem man die Lieblingsserpentinen mit dem Messer zwischen den Zähnen angreift. Sobald man aufsteigt, zieht einen dieser tiefe, entspannte Klang in seinen Bann. Und der Kopf passt sich an. Fast automatisch. Man nimmt eine andere Perspektive ein. Eine, die man vielleicht vor Jahren verloren hat, ohne es zu merken.
Plötzlich geht es nicht mehr um Stress oder Druck. Das Tempo reicht locker für jede Landstrasse. Ein Gangwechsel hier, ein sanfter Gasstoss dort, nur um den Motor wieder aus der Kurve heraus schnurren zu hören. Der Suchtfaktor ist real. Es ist eine Art Einladung, den Fokus wieder auf den Weg zu legen, nicht auf das Ziel.
Retro Motorrad mit moderner Qualität: Die Honda GB350S
Und genau deshalb habe ich den Titel gewählt: Ich hatte fast vergessen, worum es beim Motorradfahren eigentlich geht. Dieses ursprüngliche Glück. Der Wind am Körper. Das Gefühl, knapp über dem Asphalt zu gleiten. Ganz ohne Komplikationen. Motorradfahren als Meditation. Als Abschalten.
Gleichzeitig ist die GB350S überraschend spassig zu fahren. Sie fühlt sich leicht an, agil, stabil. Mit einer Souveränität, die manch anderes Bike in diesem Segment nicht erreicht. Was Fahrbarkeit und Alltagstauglichkeit angeht, muss sie sich vor modernen Motorrädern nicht verstecken.
Natürlich: Mit 20 PS wirst du nicht der Erste an der Ampel sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt irgendwo um die 115 km/h. Das ist keine Adrenalinmaschine. Eher eine Dopamin und Serotoninmaschine.
Warum die Honda GB350S mehr ist als ein Einsteigerbike
Vielleicht auch deshalb kommt sie mit einem extrem niedrigen Verbrauch aus. In Kombination mit dem 15 Liter Tank ergibt sich eine theoretische Reichweite von über 500 Kilometern. Und genau das, zusammen mit dem entspannten Motorcharakter, macht sie durchaus tourentauglich.
Der Beweis dafür sind unzählige Videos aus Japan, in denen Fahrerinnen und Fahrer das Land einmal komplett mit der GB350S durchqueren. Der einzige Haken: Stauraum gibt es praktisch keinen. Weder unter dem Sitz noch hinter den seitlichen Abdeckungen, unter denen sich übrigens die Batterie befindet. Das sollte man wissen.
Viele werden sagen: Das ist ein Einsteiger Bike. Und ganz falsch liegen sie damit nicht. Sie erfüllt alles, was man als Anfänger braucht. Aber diese Honda ist mehr als das. Sie macht Spass, egal ob man seit zwei Tagen oder seit zwanzig Jahren fährt, ob man zwanzig ist oder siebzig.
Ich bin überzeugt, dass Honda dieses Motorrad auch entwickelt hat, um jungen Menschen einen bezahlbaren Einstieg in die Motorradwelt zu ermöglichen. Aber ich halte es für falsch, solche Bikes einfach als Anfängermotorräder abzutun. Meiner Meinung nach braucht es eine gewisse Reife, um ihren Charakter wirklich zu schätzen.
Ich bin diese Ausfahrt mit zwei Kollegen gefahren, beide kaum über zwanzig. Ihre Kritik drehte sich fast ausschliesslich um die Leistung. Um das, was fehlt. Keine Sekunde ging es darum, was dieses Motorrad eigentlich vermitteln will.
Denn es geht nicht immer ums Schnellfahren. Nicht immer ums Ballern. Nicht immer um Adrenalin.
Und genau deshalb glaube ich: Die GB350S ist nicht nur ein perfektes Fahrschulmotorrad, sondern auch eine Art Schocktherapie gegen Stress, gegen schlechte Laune, gegen den alltäglichen Druck. Gegen all das, was uns so oft runterzieht.
Ich weiss, wie kitschig das klingen mag. Aber diese Maschine ist dafür gemacht, glücklich zu machen. Sie entfernt die Komplexität, die uns so oft vom eigentlichen Gefühl des Motorradfahrens ablenkt.
Wenn du gerade erst einsteigst und ein stilvolles, zugängliches, unkompliziertes und zuverlässiges Bike suchst, probier sie aus. Ich kann sie mir aber genauso gut für Menschen wie meinen Vater vorstellen. Rentner, die seit Jahren nicht mehr gefahren sind und jetzt etwas Einfaches wollen. Etwas Bezahlbares. Etwas, das wieder ein bisschen Glanz in den Alltag bringt.
Und auch wenn du einfach nur ein ehrliches Allround Bike suchst, ganz egal wie alt du bist oder wie viel Erfahrung du hast, ist sie eine sehr gute Wahl.
Am Ende geht es hier gar nicht nur um dieses eine Motorrad. Es geht um mehr. Um das, was unser Hobby, unsere Leidenschaft ausmacht.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir, ja auch wir in den Medien, uns zu sehr in Zahlen, Tabellen und Vergleichen verlieren. Auf der Suche nach der besten Maschine vergessen wir dabei das Wichtigste: Wie fühlst du dich auf diesem Motorrad?
Nicht ich. Nicht dein Nachbar. Nicht mein Kollege.
Das ist etwas zutiefst Persönliches. Schwer zu beschreiben. Vielleicht meiden wir es deshalb. Vielleicht, weil wir verlernt haben, auf unsere Sinne zu hören.
Honda GB350S. Ein fantastisches Motorrad. Ein echtes Back to Basics Bike, das genau das liefert, was es verspricht. Eines, mit dem ich am liebsten einmal ganz Japan durchqueren würde, das ich aber genauso gern für den Weg zur Arbeit oder einen entspannten Sonntagsausflug nehme.
Wenn du sie fährst, hoffe ich, dass sie dir genauso viel gibt wie mir.
Fazit: Honda GB350S
Die Honda GB350S ist ein Motorrad, das bewusst einen Schritt zurück macht und genau dadurch enorm viel gewinnt. Sie verzichtet auf technische Reizüberflutung und liefert stattdessen Ruhe, Charakter und ein erstaunlich intensives Fahrerlebnis. Nicht schnell, nicht laut, aber ehrlich und nachhaltig begeisternd. Ein Motorrad für Menschen, die wieder fühlen wollen, warum sie einst mit dem Motorradfahren begonnen haben.- sehr harmonischer Motorcharakter
- beruhigender, charakterstarker Sound
- hohe Verarbeitungsqualität
- spielerisches Handling im Alltag
- niedriger Verbrauch und grosse Reichweite
- zugängliche Ergonomie
- hohe emotionale Bindung
- begrenzte Spitzenleistung
- kaum Stauraum
- wenig Reserven bei hohen Dauertempi
- geringe Individualisierung ab Werk
- defensive Traktionskontrolle
Bericht vom 09.02.2026 | 703 Aufrufe