Ducati Multistrada Pikes Peak in der Grünen Hölle

Ducati Multistrada Pikes Peak in der Grünen Hölle

"Race to the clouds" trifft auf "grüne Hölle"

Wie fühlt es sich an, mit der edlen Multistrada über die legendäre Nordschleife zu zünden? Im Nassen? tripespeed hat es herausgefunden.

Mit der Pikes Peak durch die grüne Hölle Who the hell… Die Nordschleife dürfte nahezu jedem ein Begriff sein. 1925 als Arbeitsbeschaffungsmassnahme in „Preussisch-Sibirien“ gegründet, sollte sie der deutschen Automobilindustrie endlich die Möglichkeit bieten, ihre Fahrzeuge standesgemäss zu testen. Hinsichtlich der Streckenführung der Berg- und Talbahn meinte ein Teilnehmer des Eröffnungsrennens 1927 "man habe wohl einen torkelnden Riesen im Vollrausch losgeschickt, um die Strecke festzulegen". Formel 1 Legende Sir Jackie Stewart gab dem Eifelkurs in den 60ern den prägnanten Namen „grüne Hölle“, welcher bis heute bestand hat.

20 Kilometer Streckenlänge mit 73 Kurven die nicht selten blind einzulenken sind und mit unüberschaubaren Radien immer wieder für erhöhten Puls sorgen. Mit Steigungen von bis zu 18% und Gefällen bis zu 11% ist die Bezeichnung „Achterbahn“ durchaus zutreffend. Die „grüne Hölle“ ist längst ein Kult unter den Gaskranken – weltweit! Und Pikes Peak, wie steht es damit um den Bekanntheitsgrad hierzulande? „Na logisch“ werden die Kenner jetzt sagen „das legendäre Bergrennen in den USA, kennt man doch.“. Nicht unbedingt, zumindest nicht auf unserem Kontinent. In Nordamerika allerdings haben die 156 Kurven Richtung Himmel absoluten Kultstatus.

Das „race to the clouds“ wurde bereits 1916 zum ersten Mal ausgetragen und anders als beim Rundkurs in der Eifel, windet sich hierbei ein Asphaltband mit einer durchschnittlichen Steigung von 7% permanent Richtung Gipfel. Bereits der Start in der Nähe der Stadt Colorado Springs in den Rocky Mountains liegt auf 2.800 Metern und wird alljährlich gefeiert wie ein Volksfest. Gut 20 Kilometer später – und damit nahezu dieselbe Distanz wie eine Runde Nordschleife – endet der Highspeed-Serpentinen- Trip auf beachtlichen 4.300 Metern Höhe. Vorausgesetzt natürlich, man macht keinen Fehler, denn Fangzäune, Airfences oder gar weitläufige Kiesbetten sind hier Fehlanzeige.

„Race to the clouds“ trifft auf „grüne Hölle“ Genug der Geschichtsstunde, es ist Zeit diese beiden heiligen Rennsport-Orte endlich zusammen zu bringen. „Wie das denn?“ fragt sich der geneigte Leser des Diercke Weltatlas, und ist sich sicher, das einiges an Entfernung und eine durchaus beachtliche Menge H2O zwischen diesen beiden Orten liegen dürfte. Stimmt, es sind genau 8.086 Kilometer, sowie ein überdimensionaler „Rinnsal“ namens Atlantischer Ozean, doch davon lassen wir uns nicht aufhalten. Wir stehen auf dem Parkplatz der „Zufahrt Nordschleife“. Es ist ein wolkenverhangener und trüber Mai-Morgen.

Nieselregen geht auf uns und die übrigen Teilnehmer nieder und würde sicher in einem „normalen Fahrerlager“ für lange Gesichter sorgen, nicht jedoch hier. Zum einen liegt das sicher daran, dass Regen zur Eifel gehört, wie Schnee in die Rocky Mountains, zum anderen aber sicher auch daran, dass alle Teilnehmer einfach nur glücklich sind hier zu sein, denn die Termine exklusiv und nur mit Motorrädern die Nordschleife für sich zu haben, sind rar. Wir öffnen die Türen unseres Transporters und blicken direkt auf das Heck einer brandneuen Ducati Multistrada 1200. Aber nicht irgendeiner Multi, sondern einer Pikes Peak. Und genau das ist die Lösung.

Wenn wir schon nicht die Kontinentalplatten verschieben können, um den einzigartigen Spirit des Bergrennens in die Eifel zu transportieren, dann richten wir das eben mit dem passenden Gestühl. Ducati verpasst seinem Sondermodell dabei nicht einfach nur so aus marketingtechnischen Gründen den legendären Namen des Kultrennens und pimpt das ohnehin schon potente Gestühl noch mit einer Reihe feiner Hardware-Zutaten auf. Nein, die Herrschaften aus Bologna haben allen Grund und jedes verdammte Recht dazu, denn in den vergangenen Jahren haben sie nicht nur diverse Siege mit dem vermeintlichen „Reisekoffer“ eingefahren, sondern halten seit 2012 auch den offiziellen Zweiradrekord auf dem Kurs.

Mister Carlin Dunne hat den Ritt zu den Wolken auf der Multistrada in 9 Minuten und 52 Sekunden gerockt und damit nicht nur die magische 10-Minuten- Grenze atomisiert, sondern die Messlatte dermassen hoch gelegt, dass sich nach wie vor die Konkurrenz die Vollgaszähne daran ausbeisst. Carlin Dunne ist damit quasi der Helmut Dähne des Pikes Peak, nur dass unser Herr Dähne seinen Nordschleifenrekord von 7:49 Minuten bereits seit 1993 hält. Das liegt zum einen daran, dass er annodazumal seine RC30 komplett lebensverachtend durch die grüne Hölle jagte, zum anderen daran, dass ein Jahr später offizielle Motorrad-Wettbewerbe auf dem Eifelkurs aus Sicherheitsgründen eingestellt wurden.

Sicher werden die Rekorde von Dunne und Dähne irgendwann fallen – in Helmuts Fall nur inoffiziell – aber das soll uns hier und heute nicht beschäftigen oder gar zu Heldentaten animieren. Wir sind hier um die Faszination Nordschleife im Sattel der edlen Pikes Peak zu geniessen – nicht mehr, aber auch auf gar keinen Fall weniger. Und da uns der Eifelsommer so herzlich und feucht-fröhlich begrüsst, legt der Vzwei die ersten Meter nicht auf dem Ring, sondern auf dem Weg zum Metzeler Servicetruck zurück. Metzeler und Nordschleife gehören zusammen wie Bonnie und Clyde.

Also runter mit der Originalbereifung, die sicher für den schier endlosen Ritt Richtung Sonnenuntergang taugt, aber unter diesen Bedingungen und unserem Vorsatz, uns von den Fluten nicht einbremsen zu lassen, leicht überfordert sein könnte. Wir lassen uns von den Fachleuten aus München überzeugen und montieren ihr neuestes Landstrassen- und Allwetterreifenwerk, den Metzeler Roadtec 01, bleiben aber skeptisch, ob der Tourensportreifen auch die nötige Performance in der grünen Hölle liefern wird. Zurück zur Multi und ihrem Pikes Peak Upgrade.

Ducati reicht seinem potenten Tourer zu Ehren seines Bergtriumphes ein komplettes Öhlins-Fahrwerk, eine Superbike-Bremsanlage, einen bildschönen und rotzigen – aber völlig legalen – Termignoni Carbon Slip On Dämpfer, sowie diverse weitere Teile aus dem Edelwerkstoff (z.B. Kotflügel vorne und Seitenabdeckungen an den Lufteinlässen). Ausserdem gibt es für den Pikes Peak Reiter Full LED Scheinwerfer inklusive den hauseigenen Cornering Lights – kurz DCL – sowie ein Farb- TFT-Display als Dashboard und eine feine Rennlackierung, damit der Spirit des Pikes Peak Battles auch beim Ritt über die Alpen oder die allmorgentliche Fahrt ins Büro nicht auf der Strecke bleibt.

Wie genau und im Detail die Hardware funktioniert, erklärt „Grossmeister“ Obi nach genauer Begutachtung des Materials in seiner #techcorner (siehe Kasten). Höllenritt auf dem Rücken des Bergkönigs Und wie fühlt es sich nun an, mit der edlen Multistrada über die legendäre Nordschleife zu zünden? Die grüne Hölle mit all ihren teils heimtückischen Ecken und Kanten, dazu noch im Regen und auf einem Gestühl, das definitiv knitterfrei bleiben soll; nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen gechillten Tag in der Eifel. Sollte man jedenfalls meinen, denn die Multi überrascht uns nachhaltig.

Zugegeben, die Sitzposition auf dem Edel-Tourer ist für jemanden, der gerade noch den Besteckkasten nach dem grössten Messer im Sortiment durchforstet hat, zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, doch nach den ersten paar zurückhaltenden Sichtungs-Runden durch das Nass merkt man, wie lässig und entspannt es sich hinter der grossen Windschutzscheibe (aus dem Ducati Zubehörprogramm) und am breiten Kommandostand der Pikes Peak powercruisen lässt. Hinzu kommt ein Elektronikpaket, das auch jedem aktuellen Superbike bestens zu Gesicht stehen würden – inklusive einstellbarer Traktionskontrolle, ABS mit Schräglagenfunktion und sogar einer Wheeliecontrol. Nicht zu vergessen, das schwarze Gold aus München.

Bereits nach kurzer Einrollphase zeigt sich, dass die Herrschaften aus der bayrischen Landeshauptstadt nicht nur wissen wie man standesgemäss eine Weisswurst „zuzelt“, sondern auch verdammt viel Ahnung von Gummimischungen haben. Der neue Roadtec 01 vermittelt selbst unter diesen widrigen Bedingungen ein Gottvertrauen und fördert die Angriffslust, dass man gar nicht erst abwartet, bis Herr Moses biblisch das Meer teilt, sondern man direkt aus seinem Windschatten ausschert und Vollgas voraus durch die tosenden Fluten stürmt.

Mit abtrocknender Piste zeigt sich zudem, dass der Tourensportreifen den Zusatz „Sport“ in seinem Namen zu Recht trägt und lässt zumindest auf der Multi keinerlei Grip-Wünsche offen. Mit zunehmendem Tempo auf der Berg- und Talbahn lernt man auch immer mehr das edle Schwedengold zu schätzen, denn die güldenen Federelemente bügeln nahezu alle Unebenheiten aus, die der zu Beginn erwähnte „zugetankte Riese“ beim Erschaffen des Rings hinterlassen hat. Schräg - die Multistrada im Format einer Schrankwand vermittelt mehr und mehr die Leichtigkeit des seins und macht es einem so nicht nur einfach, den Flow und die Faszination Nordschleife zu geniessen, sie lässt einen auch permanent puschen.

Das wiederum offenbart dann doch irgendwann eine, na nennen wir es mal „bauartbedingte Besonderheit“ – der breite Lenker gibt jeden noch so feinen Lenkimpuls direkt weiter und sorgt so für eine extreme Handlichkeit, die sicher auf Alpenpässen oder der winkligen Hausstrecke für jede Menge Angst und Schrecken unter den Supersportlern sorgt und auch hier in den kurvenreichen Passagen viel Spass bereitet, doch wenn man unter vollen Segeln Richtung Schwedenkreuz oder durch Fuchsröhre und Kesselchen zündet, sollte man die Lenkerenden der Pikes Peak ganz sanft zwischen den Handflächen führen und keinesfalls versuchen, dem Gitterrohrrahmen seinen Willen aufzuzwängen, denn das kann für Bewegung im Fuhrpark und in der Folge für erhöhten Puls sorgen. Ist aber auch gar nicht nötig, da die Gesamtkonstruktion aus Bologna ohnehin auf den blossen Gedanken des Piloten reagiert und weder Kraft noch Nachdruck erforderlich sind, um mit dem fulminanten Vzwei die Welt um sich herum in kurvenreichen Zeitraffer zu versetzen.

Stichwort Vzwei: dieser 1200er Testastretta ist der Hammer, sei es hinsichtlich Laufruhe, Gasannahme oder dem ultimativen Punch. Die 160 PS und die knapp 140 Newtonmeter Drehmoment drücken die fahrfertig immerhin gut 230 Kilogramm schwere Edeltourerin dermassen spassbeschleunigend und gesichtsfaltenglättend Richtung Hyperraum, dass es fast surreal wirkt. Gerade hinter der hohen Scheibe kommt es einem fast ein wenig so vor, als wäre man mit seiner Playstation in die vierte Dimension vorgestossen und diese lässt es im Magen mächtig kribbeln, wenn sich die rechte Hand zum Körper dreht. Dazu noch der Sound aus der Termignoni Fanfare. Immer wieder ertappt man sich dabei, wie man im Flug über die Döttinger Höhe das Gas etwas abfallen lässt, um sofort wieder voll durchzuziehen und nicht nur den Druck auf den Kesseln, sondern vor allem auch die rotzig dumpfen Schallwellen auf dem Trommelfell zu geniessen.

Ein Sound, der anscheinend auch Petrus zu Freudentränen rührt und so ergiesst sich die alte Heulboje ab der Mittagszeit des zweiten Trainingstages dermassen ungezügelt, dass irgendwann wirklich nur noch die Küstenwache Spass am Wellenreiten hat und wir uns entschliessen, unseren Trip durch die grüne Hölle auf dem Rücken der ehrwürdigen Pikes Peak an dieser Stelle zu beenden.

We feel flashed and honored. Danke volltrunkener Riese. Danke Carlin Dunne. Und Respekt Helmut Dähne, in 7:49 durch die grüne Hölle - das ist gaga!

Bericht vom 11.10.2016 | 9'853 Aufrufe

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