Vierzylinder Power-Naked Bike Vergleich Test 2016

Vierzylinder Power-Naked Bike Vergleich Test 2016

Aprilia Tuono 1100 RR, BMW S 1000 R und Yamaha MT-10 im Showdown

Yamaha versucht, mit der neuen MT-10 die etablierten Konkurrenten Aprilia Tuono V4 1100 RR und BMW S 1000 R zu ärgern - die Voraussetzungen sind durchaus gegeben, als Grundlage dient die Superbike-Rakete Yamaha YZF-R1! Kann die eigenwillig gestaltete Japanerin damit die harte Konkurrenz aus Deutschland und Italien ausstechen?

Der Showdown des Jahres - drei Power-Naked Bikes treten gegeneinander an und versuchen bereits vor dem eigentlichen Duell fest mit den Säbeln zu rasseln. Am lautesten rasselt dabei die Aprilia mit ihren gewaltigen 175 PS, dem ultrakompakten Chassis aus dem Superbike RSV4 und tatsächlich einem Leckerbissen für die Ohren, dem unglaublichen Sound des herrlichen V4-Kraftwerks. Die BMW setzt ebenfalls auf die nahe Verwandtschaft zum Superbike S 1000 RR, das stets mit der Leistung etwas tiefstapelt. So wundert es auch nicht allzu sehr, dass sich die 160 PS aus ihrem Reihen-Vierer noch potenter anfühlen, als die Papierform verspricht.

Neu im Ring und schon vorne dabei - Yamaha MT-10

Und die Yamaha? Bei ihr ist sowohl die Optik als auch das Chassis noch am weitesten vom Superbike R1 entfernt, allerdings stammt gerade das Herzstück der MT-10 direkt von der Rennstrecken-Waffe ab und fasziniert mit einem einzigartig rauen Sound sowie Antrittsstärke von unten durch den typischen Hubzapfenversatz, der mit einer geänderten Zündfolge eben für diesen einmaligen Charakter sorgt. Die daraus gewonnenen 160 PS wirken daher auch nur am Papier etwas schwach gegenüber den mehr als 200 PS der R1, in Wahrheit zündet auch die MT-10 ein ungalubliches Feuerwerk und steht den beiden Konkurrentinnen keineswegs nach - aber welche ist nun die Beste?

Vaulis Meinung zur Aprilia Tuono V4 1100 RR:

Nicht nur von mir wird die Aprilia Tuono V4 1100 als das derzeit Performance-stärkste Naked Bike angesehen. 175 PS stehen am Papier und 175 PS sind auch drinnen - schier unglaublich, wie potent die Tuono an die Arbeit geht. Noch beeindruckender ist aber diese kontrovers einfache Fahrbarkeit - immerhin entstammt der Motor einem Superbike, das zwar selbst vergleichsweise easy zu bewegen ist, aber definitiv nichts für Anfänger ist. Die Tuono benimmt sich aber auf Wunsch äusserst kultiviert und packt erst den Hammer aus, wenn es der Fahrer ausdrücklich wünscht.

Stabiil und schnell - die Aprilia Tuono V4 1100 RR in drei Worten

Für die Landstrasse bietet sich ohnehin die günstigere der beiden Tuonos, die V4 1100 RR an, bei der die Fahrwerks-Komponenten nicht völlig auf Komfort pfeifen. Beim Handling scheiden sich die Geister ein wenig, auf mich wirkt die Tuono sehr stabil und offensichtlich auf höchste Performance ausgelegt, ich persönlich würde mir aber doch ein etwas spielerisches Einlenken wünschen. Wirklich schnelle Fahrer werden ihre Freude damit daran haben, wer aber gut damit zurecht kommt, wenn ein Motorrad etwas agiler einlenkt, ist mit der BMW S 1000 R und vor allem der Yamaha MT-10 besser bedient.

K.OTs Meinung zur Aprilia Tuono V4 1100 RR:

Wenn schon, denn schon ist eine Devise, der ich zeitlebens gefolgt bin, sofern dies möglich und noch im gesundheitlich vertretbaren Rahmen war. So wäre es auch die Factory-Variante der 1100 Tuono, die ich mir besorgen würde, sofern das Bankkonto grünes Licht gibt – was es nicht tut. Die Factory hat einige Details, allen voran das schärfere Heck und der 200er Hinterreifen und natürlich das Öhlins Fahrwerk, die mir so viel mehr Wert sind, dass ich den Aufpreis verkraften würde – was ich nicht tue. Aber für den reinen Strassenbetrieb tut es auch die RR, die den charakterstärksten, aufregendsten und bestklingenden Motor aller drei Kandidatinnen hat. Alleine das Anstarten sorgt für einen Gänsehautanfall. Der V4 röhrt kurz auf die ein Ferrari, so italienisch, so emotional und so amore motore, dass die Japanerin und die Deutsche zu Gebrauchsgegenständen degradiert werden. Die Tuono treibt seinen Fahrer an und giert nach mehr, was sie im Alltag etwas stressig macht. Es wäre für mich eher das Wochenend-Hausstrecken-Heizer-Gerät. Auch ihr Kniewinkel ist sehr spitz und der Betrieb auf der Rennstrecke auf Grippartys ohne Abstriche zu empfehlen. Die Menüführung der Elektronik hat mich nicht überzeugt, man muss sich schon etwas damit beschäftigen. Da ich aber nicht gerne Betriebsanleitungen lese, blieben die meisten Einstellungen unberührt. Trotzdem hat alles hervorragend funktioniert, bis auf ein paar kleine Stotterer beim Beschleunigen aus dem zweiten Gang. Insgesamt trifft die Tuono jeden tief ins Herz. So muss ein Italobike sein.

Vaulis Meinung zur BMW S 1000 R:

So schnell kann es gehen, gerade noch brandneu, ist die BMW S 1000 R das alte Eisen im Vergleich. Aber keine Sorge, liebe BMW-Fans, das blau-weisse Naked Bike schlägt sich wacker, auch wenn starke Konkurrenz sie unter Druck setzt. Als verweichlicht sollte man sie ohnehin nicht einstufen, die 160 PS kommen zwar gut kontrollierbar, aber doch heftig - ganz in der Manier des Superbikes S 1000 RR von dem sie ja auch abstammt. Auch die Bremse packt ordentlich zu und erinnert eher an einen Sportler als an ein gemütliches Naked Bike.

Die BMW S 1000 R fordert - und belohnt mit ausgewogener Sportlichkeit

Zu dieser sportlichen Auslegung passt der Sound sehr gut - wer sie dreht und ans Limit bringen möchte, wird sich über den schrillen Klang des Vierzylinders freuen, wer es lieber etwas ruhiger angehen möchte, fühlt sich vielleicht sogar ein wenig unter Druck gesetzt. An universellen Fähigkeiten fehlt es ihr dennoch nicht, vor allem der sportliche Schaltautomat funktioniert in allen Lebenslagen ausgezeichnet.

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K.OTs Meinung zur BMW S 1000 R:

Die Ausstattung und der Preis der S 1000 R sind für ein bayrisches Motorrad in dieser Leistungsklasse eine Sensation. Was ich auch nicht missen möchte, ist ein Schaltautomat mit Blipper für das Rauf- und Runterschalten. Hingegen kann ich auf einen Akrapovic-Auspuff oder sonstige Verstärker gerne verzichten, denn der Sound der BMW ist ausserordentlich laut – für eine Serienmotorrad im Jahr 2016. Ich bin immer wieder erstaunt und später auch etwas entsetzt, wie das Ding in die Welt brüllt. Aber zu einem standesgemässen Auftritt eines 1000er Naked Bikes gehört das irgendwie dazu. Ergonomisch ist die S 1000 R für Europäer gemacht, die auch etwas grösser sein dürfen. Der Lenker ist schön breit, der Kniewinkel recht sportlich und die Haltung so, wie man sich das vorstellt. Auf der Rennstrecke ist das sehr gut abgestimmte Paket eine Macht, auf der Strasse wirkt sie im Vergleich zu den anderen etwas steril. Man sagt dann gerne, etwas wäre schon fast zu perfekt. Das haben die Bayern definitiv geschafft, was gleichermassen als Lob wie als Kritik verstanden werden kann. An die asymmetrische Front werde ich mich nie gewöhnen, ich würde es bevorzugen, wenn die Scheinwerfer übereinander lägen. Ich kann keinen konkreten Vergleich auf der Rennstrecke vorweisen, aber ich gehe nach dem Duell mit der KTM Super Duke R aus, dass ich mit der BMW auch gegen Aprilia und Yamaha gewinnen würde. Selbst wenn man auch hier beim Design Mut gezeigt hat, so fehlt der Bayrischen das Exotische. Alleskönner haben es einfach schwer im Leben, doch genau deswegen würde ich die S 1000 R vorziehen, wenn ich mich für nur ein Motorrad – also wie fast jeder normale Mensch – entscheiden müsste.

Vaulis Meinung zur Yamaha MT-10:

Die MT-10 war für mich im Vergleich mit den beiden Europäerinnen die grosse Unbekannte - und ehrlich gestanden eine ziemliche Überraschung. Ich bin sie vor dem Test zwei Mal kurz in der Stadt gefahren, da machte sie auf mich einen umgänglichen, aber auch unauffälligen Eindruck: Der Motor mit seinem Hubzapfenversatz beim Anfahren etwas anspruchsvoller als etwa die BMW S 1000 R, das Fahrverhalten präzise und neutral und die Optik mit den vielen Kanten und der zerklüfteten Front nicht unbedingt mein Fall. Also ein Motorrad, das nicht unbedingt mein Liebling geworden wäre - hätte ich nicht diesen Test gemacht.

Denn da zeigte sich die Yamaha MT-10 von ihrer wahren Seite: Ein ultraagiles, kompaktes Kraftbündel, das zumindest mir so viel Spass bereitet hat, dass ich über die Optik (die natürlich Geschmackssache ist) hinwegsehe und vor Aufregung und Freude mit dem Schwanz wedle - im übertragenen Sinn natürlich, also wie ein junger Hund. Einfach unglaublich, wie einerseits das kompakte Chassis für ein dermassen agiles Handling sorgt, andererseits genau so viel Stabilität bleibt, dass auch bei hohen Geschwindigkeiten keine Unruhe auftritt. Das Fahrwerk wäre für die Rennstrecke vermutlich zu weich, für einen Landstrassen-Fight ist es aber genau richtig, grobe Stösse werden noch herausgefiltert, dafür ist die Stabilität in jeglichen Radien ausgezeichnet.

Fahrwerk und Bremse auf der MT-10 sind super - das Highlight ist aber der Motor!

Die Bremse macht es dem Fahrwerk vor oder nach, wie man auch immer will, jedenfalls wären auch die beiden Vierkolbenbremssättel mit den 320er-Scheiben für die Rennstrecke nur akzeptabel, auf der Landstrasse hingegen passen sie perfekt. Man packt ordentlich zu und bekommt Bremsleistung geboten, man will eher samft und gemütlich Geschwindigkeit vernichten und die Bremse benimmt sich gelassen aber souverän.

Das Highlight kommt aber nach all dem Lob erst - der Reihen-Vierzylindermotor mit dem Yamaha-typischen Hubzapfenversatz reisst an, dass es nur so eine Freude ist. Da steigt das Vorderrad auch im dritten Gang noch freudig gen Himmel und man fühlt sich wie der absolute Held auf diesem Naked Bike. Zugegeben, dass dies mit der Aprilia nicht passiert, liegt an der noch präziser abgestimmten Traction Control samt Wheelie Control, sonst würden natürlich auch deren 175 PS kurzen Prozess machen. Der Spassfaktor steht bei der Yamaha aber eindeutig im Vordergrund, bei der Aprilia ist es neben dem hohen Spasslevel auch der Performance-Faktor, den die Italiener für sich beanspruchen. Und die BMW? Die tummelt sich da irgendwo dazwischen herum, ist ja genug Platz im grossen Teich der Power-Naked Bikes...

K.OTs Meinung zur Yamaha MT-10:

Sie ist die neue Herausforderin im zweithärtesten Feld der Motorradwelt, dem der 1000er+ Naked Bikes. Mit dem Crossplane-Reihenvierer aus der YZF-R1, 3-stufigen ABS, 3-stufiger Traktionskontrolle und 3 Fahrmodi ist die MT-10 womöglich aller guten Dinge. Yamaha will seine Kundschaft nicht mit unendlichen Einstellmöglichkeiten der Elektronik überfordern und bietet eine reduzierte Auswahl an Anpassungen an, die aber so abgestimmt sind, dass man eine feinere Skalierung nicht vermisst. Ich finde, dass dies der richtige Weg für ein Strassenfahrzeug ist und seine Nachahmer finden sollte. Das setzt allerdings voraus, dass die Voreinstellungen sehr gut abgestimmt sind, was bei der MT-10 der Fall ist. Optisch ist sie ein Power-Cube (Würfel), der so breit wie lang wirkt. Mit nur 1400 mm hat die Yamse den kürzesten Radstand und sie fühlt sich auch am kompaktesten an. Mut beim Design schätze ich sehr, auch oder gerade dann, wenn die Optik polarisiert. In schnellen, langgezogenen Kurven liegen die Kontrahentinnen stabiler in der Spur, dafür ist die MT im Handling quirliger und gieriger. Wie die Aprilia und die BMW ist die Yamaha nichts für unerfahrene Hände, denn alle drei gehen wie die Hölle. Weil sie von unten raus und in der Mitte mehr Saft haben, wirkt der Druck noch brachialer als bei einem Superbike. Erst in eh schon absurd hohen Geschwindigkeitsbereichen könnten Sportler mit der Mehrleistung davonziehen. Aber dort sollte man im öffentlichen Verkehr eher selten landen. Die MT-10 wirkt mächtiger und muskulöser und genau so fühlt man sich selbst. Auf der Rennstrecke wäre sie nicht meine erste Wahl, auf der Strasse aber falle ich gerne mit ihr auf – nicht hin!

Fazit: BMW S 1000 R

Bei der BMW S 1000 R merkt man sowohl die enge Verwandtschaft zum Superbike S 1000 RR als auch das Bestreben, die Maschine für die Landstrasse und den Alltag mit einem hohne Mass an Komfort auszustatten. Dementsprechend brachial und dennoch gut kontrollierbar geht das 1000er-Vierzylinder-Triebwerk an die Arbeit und dementsprechend sportlich bequem ist die Sitzposition. Dass die S 1000 R eines der günstigsten Power-Naked Bikes ist, überrascht und erfreut sehr, allerdings darf man dabei die Liste der Sonderausstattungen nicht in die Hände bekommen - denn dank der vielen unwiderstehlichen Features wird es bestimmt teurer.

1
Vorteile
  • kraftvoller und gut kontrollierbarer Motor
  • brachiale Bremsanlage
  • komfortable Sitzposition
1
Nachteile
  • unwiderstehliche, aber teure Sonderausstattungen
  • hartes Fahrwerk

Fazit: Aprilia Tuono V4 1100 RR

Wer auch in höheren Preisklassen auf sein Geld achten muss, ist mit der Tuono V4 1100 RR besser bedient als mit der Factory-Version - weil sie weniger bietet: Das Fahrwerk spricht nur geringfügig weniger sensibel an als die teureren Öhlins-Komponenten der Factory, bietet dafür auf Rüttelpisten noch etwas mehr Komfort und der schmälere Reifen (190/55-17 auf der RR statt 200/55-17 auf der Factory!) kann in Spitzkehren das Zünglein an der Waage sein. Über das harmonisch fahrbare V4-Kraftwerk, das so unglaublich viel Freude bereitet, verfügt auch die RR-Version. Insgesamt kann die "billigere" Tuono immer noch mehr, als viele direkte Konkurrentinnen.

1
Vorteile
  • gelungene Optik
  • unglaublich starker und einfach beherrschbarer Motor
  • gutes Fahrwerk
  • bequeme Sitzposition
  • gute Aerodynamik
  • transparente Bremsen
  • spitzen Auspuff-Sound
1
Nachteile
  • hoher Preis

Fazit: Yamaha MT-10

Die kurze und gedrungene MT-10 ist von den namhaften Power-Naked Bikes sowohl in Sachen Optik als auch beim Chassis noch am weitesten vom Superbike R1 entfernt, allerdings stammt gerade das Herzstück der MT-10 direkt von der Rennstrecken-Waffe ab und fasziniert mit einem einzigartig rauen Sound sowie Antrittsstärke von unten durch den typischen Hubzapfenversatz, der mit einer geänderten Zündfolge eben für diesen einmaligen Charakter sorgt. Die daraus gewonnenen 160 PS wirken daher auch nur am Papier etwas schwach gegenüber den mehr als 200 PS der R1, in Wahrheit zündet auch die MT-10 ein ungalubliches Feuerwerk. Das Fahrwerk wäre für die Rennstrecke vermutlich zu weich, für einen Landstrassen-Fight ist es aber genau richtig und die Bremse tut es dem Fahrwerk gleich - für die Piste wohl nur akzeptabel, für die Landstrasse aber perfekt.

1
Vorteile
  • CP4-Motor
  • charakterstark
  • extrem agil
  • Highspeed-Stabilität
  • starke Bremsen
  • unverkennbarer Sound
1
Nachteile
  • Dürftiger Komfort
  • Windschutz eingeschränkt
  • harter Sitz

Bericht vom 23.09.2016 | 30'180 Aufrufe

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