BMW R 1200 GS vs. KTM 1290 Super Adventure S Test 2017

BMW R 1200 GS vs. KTM 1290 Super Adventure S Test 2017

Das Duell der beiden Hightech-Reiseenduros

Potente Superbikes für die Rennstrecke waren immer schon die absoluten Technologieträger diverser Hersteller, sozusagen die Messlatte für das derzeit Machbare und erst mit einem ordentlichen Respektabstand die Teilelieferanten für die restlichen Baureihen. Wenn ich mir allerdings die Elektronik-Pakete der beiden Grossenduros BMW R 1200 GSm Exclusive und KTM 1290 Super Adventure S ansehe, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass die Technologieträger tatsächlich immer die Sportler sein müssen. Bayern gegen Oberösterreich im direkten Schlagabtausch.

Der Technologie-Transfer geht also offenbar nicht mehr nur von den Supersportlern aus, vor allem bei KTM verzichtet man ja seit einigen Jahren überhaupt auf ein supersportliches Aushängeschild, die RC8 ist Geschichte und die 1290 Super Duke R ist derzeit das Schärfste, das man auf der Strasse fahren kann - wenn auch mit Spannung der käufliche Ableger der MotoGP-RC16 erwartet wird. Doch gerade weil die 1290 Super Duke R ein zwar bärenstarkes, jedoch puristisches Naked Bike sein möchte, finden sich an den grossen Enduros noch mehr Elektronik-Features, die Komfort, Sicherheit und Fahrspass zugute kommen.

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Volles Elektronik-Paket auf der KTM 1290 Super Adventure S

Zusammengefasst werden alle, der Fahrdynamik dienlichen Gimmicks auf der KTM 1290 Super Adventure S als Motorrad-Stabilitätskontrolle MSC (Motorcycle Stability Control), sozusagen das Hirn der Maschine, das blitzschnell die Aufgaben verteilt. Damit erfahren das ausgeklügelte Kurven-ABS, die Traktionskontrolle MTC (Motorcycle Traction Control), das Motormanagement und die elektronisch verstellbaren Federelemente im Millisekundentakt, was sie zu tun haben. Der Fahrer kann ganz bequem per Tastenfeld am linken Lenkerende das Motormanagement in vier Fahrmodi (Sport, Street, Rain und Offroad) variieren und das elektronische WP-Fahrwerk in ebenfalls vier Stufen (Sport, Road; Comfort und Offroad) einstellen.

Potente Superbikes für die Rennstrecke waren immer schon die absoluten Technologieträger diverser Hersteller, sozusagen die Messlatte für das derzeit Machbare und erst mit einem ordentlichen Respektabstand die Teilelieferanten für die restlichen Baureihen. Wenn ich mir allerdings die Elektronik-Pakete der beiden Grossenduros BMW R 1200 GSm Exclusive und KTM 1290 Super Adventure S ansehe, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass die Technologieträger tatsächlich immer die Sportler sein müssen. Bayern gegen Oberösterreich im direkten Schlagabtausch.

Auf der KTM wird man gezwungen, Spass zu haben

Wer auf der KTM 1290 Super Adventure S Spass haben möchte, stellt alle Parameter auf Sport oder zumindest Road - und ich kann versichern, dass man auf dieser Reiseenduro Spass haben möchte. Wer sich von dieser unglaublichen Leichtigkeit des Handlings und der enorm gut kontrollierbaren Leistungsentfaltung der abartigen 160 PS nicht anstecken lässt, geht zum Lachen definitiv in den Keller. Es ist zumindest für mich kaum möglich, auch nur einen Meter mit diesem Ding gemütlich und ohne Drang nach Performance zu fahren. Die Präzision und Ernsthaftigkeit der Komponenten sind aber stets da und spürbar, sozusagen das Auffangnetz, wenn man es erwartungsgemäss ein wenig übertreibt.

Auch die BMW R 1200 GS Exclusive verwöhnt mit umfangreichreichster Elektronik

Bei der BMW R 1200 GS Exclusive sieht das ganze Elektronik-Paket sehr ähnlich aus - ich möchte jetzt lieber nicht ausformulieren, wer da von wem abgeschaut hat. Vermutlich beide vom jeweils anderen und das ist gut so, denn damit kommt sowohl die Österreicherin als auch die Deutsche in den Genuss von fast allem, was derzeit machbar ist. Anders als bei KTM bietet BMW aber ein Einstiegsmodell der R 1200 GS mit nur zwei Fahrmodi (Road und Rain) und einer automatischen Stabilitätskontrolle ASC (Automatic Stability Control), also keine Traktionskontrolle mit Schräglagensensor an. Erst mit Zusatzpaketen und Ausstattungen oder gleich mit der von mir getesteten Excusive-Version kommt man zum vollen Potential der R 1200 GS. Und das hat es fast noch ärger in sich als jenes in der KTM: Im Paket "Fahrmodi Pro" kommt man insgesamt sogar auf sechs Modi, zusätzlich zu Road und Rain auch noch Dynamic und Enduro - und per Codierstecker freischaltbar Dynamic Pro und Enduro Pro, die ganz individuell an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können.

Der Fahrlagenausgleich auf der BMW geht einen Schritt weiter

Einen Schritt weiter als die KTM geht BMW auch mit dem elektronischen ESA-Fahrwerk (Electronic Suspension Adjustment) der R 1200 GS, das über einen Fahrlagenausgleich verfügt, der permanent während der Fahrt die Gewichtsverteilung zwischen vorne und hinten auf ein optimales Mass bringt. Also ganz egal, ob man nun als 45 Kilo-Hascherl oder als 120 Kilo-Bär, alleine oder zu zweit, mit oder ohne Gepäck fährt, die Rechnereinheit findet die optimale Abstimmung der Federelemente selbst.In diesem Fall hat der Name "Dynamic ESA Next Generation" durchaus Berechtigung, das ist ein Fortschritt, der durchaus die Bezeichnung nächste Generation verdient.

Die BMW R 1200 GS Exclusive mit "toleranter" Traktionskontrolle

Damit macht auch die BMW im Fahrbetrieb unglaublich viel Spass - dieses sportliche Trumm hat mit biederer BMW-Spiessigkeit so gar nichts mehr zu tun. Durch den niedrigen Schwerpunkt des Boxer-Zweizylinders biegt die R 1200 GS vor allem in Spitzkehren noch handlicher ab, als es die KTM schon tut und fühlt sich um einiges leichter an, als es ihre 244 Kilo fahrfertig vermuten liessen. Zur KTM mit 238 Kilo fahrfertigem Gewicht ist da im Übrigen nicht viel um. Und auch der grosse Unterschied der Vorderradaufhängung, die bei BMW traditionell ein Telelever-System übernimmt mag sich zu Beginn nach der Fahrt mit einer herkömmlichen Telegabel etwas ungewohnt anfühlen, funktioniert aber ebenfalls ausgezeichnet und schenkt sofort Vertrauen bei sehr sportlicher Fahrweise. Neuerdings heftet sich BMW sogar auf die Fahnen, der Traktionskontrolle DTC (Dynamic Traction Control) in der sportlichsten Einstellung kurze Slides antrainiert zu haben - bisher eine Paradedisziplin der grossen KTM-Reiseenduros.

KTM kontert mit der Referenz für Displays auf der 1290 Super Adventure S

Die KTM kontert dafür mit gleich zwei zusätzlichen serienmässigen Features, die zwar den Fahrlagenausgleich nicht ersetzen, dafür im wahrsten Sinne des Wortes an anderer Front Massstäbe setzen. Zum einen beherbergt das riesige Scheinwerfergebilde, das optisch zugegebenermassen etwas gewöhnungsbedürftig ist (aber mir gefällt es mittlerweile richtig gut, man muss es in Natura öfters ansehen!), ein Kurvenlicht als Sicherheitsplus bei Fahrten im Dunkeln, zum anderen sind die Armaturen volldigital auf einem riesigen 6,5 Zoll-TFT-Bildschirm dermassen gut ablesbar, dass es derzeit meiner Meinung nach keine besseren Instrumente gibt. Da kann die BMW mit ihrem analogen Tacho samt Mini-Beschriftung nicht mithalten.

An ausreichend Kraft mangelt es beiden Reiseenduros nicht

Wer aber das sportliche Potential der BMW auskosten möchte, sollte ohnehin nicht auf den Tacho blicken, denn der Führerschein ist im weiten Landstrassen-Geläuf permanent in Gefahr. Unglaublich, wie antrittsstark die vergleichsweise bescheidenen 125 PS bei 7750 Umdrehungen abgehen, wie herrlich das bärige Drehmoment von 125 Newtonmeter bei 6500 Touren genau zur rechten Zeit zuschlägt. Da passt auch der dumpfe Sound aus dem Endtopf und das coole Sprotzen des Schaltautomaten sowohl beim Hinauf- als auch beim Herunterschalten. Aber keine Sorge, bei der KTM ist das nicht anders, auch bei ihr sorgen der kräftige Zweizylinder-Motor sogar mit 160 PS bei 8750 Touren und 140 Newtonmeter Drehmoment bei 6750 Umdrehungen zusammen mit den Elektronik-Feratures, die wie von Geisterhand immer genau zu wissen scheinen, wieviel Schlupf der Fahrer noch spüren möchte, für ein Feuerwerk an Endorphinen bevor die Traktionskontrolle eingreift.

Auf der grossen Tour machen beide gute Figur

Die unzähligen Elektronik-Features auf beiden Reiseenduros können also nicht ausschlaggebend dafür sein, dass die BMW oder die KTM favorisiert wird. Auch die Motoren bestechen durch ihre enorme Performance auf beiden Maschinen, wenn auch die KTM in dieser Disziplin im oberen Drehzahlbereich noch ein herrliches Schäuferl nachlegen kann. Dafür bietet die BMW R 1200 GS mit dem tief liegenden Boxermotor das gewisse Quäntchen mehr Handlichkeit im besonders engen Geläuf und in Serpentinen - wo man solche Reiseenduros auch besonders oft antrifft. In Sachen Langstreckenqualität ist die BMW mittlerweile über jeden Zweifel erhaben, aber auch die KTM kann auf mehrere Generationen Big-Enduro zurückblicken und leistet sich in dieser Disziplin keine Schnitzer.

Nur wer die eine liebt und die andere hasst, hat es leicht

Scheint also, als wären all jene im Vorteil, die mit der Optik der einen gar nicht und der anderen voll und ganz zurecht kommen - denn dann ist die Sache gegessen. Über zu wenig Eigenständigkeit, das Styling betreffend, kann man sich jedenfalls bei beiden nicht beschweren. An der BMW dominieren nach wie vor die grobschlächtigen Kanten, an der eleganter gezeichneten KTM tanzt dafür der riesige Scheinwerfer als einzigartiges Erkennungsmerkmal aus der Reihe. Bei BMW haben am ehesten noch wahre Puristen einen Vorteil, sie können ein Basismodell ordern, das sich bei KTM am ehesten mit einer Klasse tiefer, der 1090 Adventure mit ebenfalls 125 PS vergleichen lässt. Wer aber eben die volle Ladung möchte, hat erneut die Qual der Wahl.

Fazit: BMW R 1200 GS

Seit über 35 Jahren baut BMW die Boxer-Palette weiter aus und arbeitet konsequent an der Evolution der GS. Neben dem EURO4-Update des Motors mit neuem Kat und Mapping, gibt es nun noch mehr Features wie das Dynamic ESA Next Generation mit automatischem Fahrlagenausgleich, der die Stabilität und den Komfort für den Fahrer weiter verbessert. Die Exklusive-Version ist mit ihrer dezenten Farbgebung für Freunde des gepflegten und gedeckten Auftritts gedacht und anders als die schrillere Rallye-Variante eher für die Strasse ausgelegt. Viele Features sind aufpreispflichtig, aber das kümmert den GS-Kunden für gewöhnlich nicht - 90 Prozent werden mit Vollausstattung geordert.

1
Vorteile
  • gereiftes Konzept
  • starker Motor
  • einfaches Handling
  • kräftige Bremsen
  • einstellbareModi und Traktionskontrolle
  • umfangreiches Ausstattungsangebot
  • gutes Image und Werterhalt
1
Nachteile
  • viele Features aufpreispflichtig
  • Boxer in richtig hartem Gelände exponiert

Fazit: KTM 1290 Super Adventure S

Die KTM 1290 Super Adventure S ist mehr als eine sportliche Reiseenduro - sie ist ein Sportgerät, das eben auch Touren fahren kann. Der bärenstarke Motor mit 160 PS reisst nicht nur extrem kräftig an, sondern lässt sich auch sehr einfach bedienen und macht Lust auf sportliches Fahren. Die vielen elektronischen Assistenzsysteme wie Traktionskontrolle, semiaktives Fahrwerk, verschiedene Modi und Kurven-ABS tragen ebenfalls dazu bei, dass man sich auf der 1290 Super Adventure S pudelwohl fühlt. Schliesslich können auch das riesige TFT-Display und weitere Gadgets wie das Race-on-System oder My Ride durchaus überzeugen.

1
Vorteile
  • bärenstarker Motor
  • präzises Handling
  • Traktionskontrolle mit Spassfaktor
  • Kurven-ABS Serie
  • gut ablesbares, riesiges TFT-Display
  • Quickshifter
  • LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht
  • geländetauglich
1
Nachteile
  • hoher Preis
  • kraftaufwändige Höhenverstellung des Windschilds

Bericht vom 11.10.2017 | 16'738 Aufrufe

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