KTM 790 Adventure im Reisetest

KTM 790 Adventure im Reisetest

Mittelklasse-Reiseenduro aus Mattighofen

Es ist hinlänglich bekannt, dass Bikes aus Mattighofen rasant bewegt werden können. Ebenso, dass kaum ein anderer Hersteller über eine solch ausgeprägte Offroad-Expertise verfügt. Zwei Merkmale, die sich im Bereich der Reisetauglichkeit schnell negativ auswirken können. Im Rahmen des 3-tägigen Events namens „The Austrian Adventure“ hatte Kamerakind Schaaf nun die Möglichkeit, sich selbst darüber ein Bild zu machen, ob ein längerer Ausflug mit der KTM 790 Adventure auf Dauer Spass oder doch eher Qualen mit sich bringt.

Ausgangspunkt unserer 3-tägigen Motorradtour durch Österreich war die prunkvolle KTM Motohall in Mattighofen. Eine kurze und dennoch hoch interessante Führung durch ebendiese galt es als ersten Programmpunkt zu absolvieren, die anwesenden Journalisten und ich wurden in gut einer Stunde über die spannende KTM-Historie informiert.

Die KTM-Motohall ist eine Ausstellung in orange

Während dieser gab es herrlich restaurierte Bikes aus den 1950ern bis in die Gegenwart, tiefe Einblicke in die Entwicklung aktueller Modelle, sowie viele Höhen und manche Tiefen der Unternehmensgeschichte zu bestaunen. Politische Diskussionen über finanzielle Hintergründe blieben uns glücklicherweise erspart. Das einzige, was ausser Zweifel steht, ist jener Umstand, dass sich ein Besuch der Motohall garantiert lohnt!

Ab nach Saalbach

Danach ging es dann endlich aufs Arbeitsgerät, in meinem Fall eine 790 Adventure in weiss. Denn, so ehrlich muss ich sein, selber KTM zu fahren macht definitiv mehr Spass, als eine Ausstellung über KTM zu besuchen. Selbst, wenn diese als wirklich gelungen bezeichnet werden muss! Das erste Tagesziel war einer der bekanntesten Wintersport-Orte Salzburgs, Saalbach-Hinterglemm. Angesteuert wurde die Destination über Autobahn, langweilige Ortsgebiete, spannende Kurven in langsam und schnell und abschliessend auch Schotter. Zusammengefasst bildete Tag 1 somit schon mehr oder weniger perfekte Testbedingungen, um die Vielseitigkeit des Motorrads unter die Lupe zu nehmen.

Der Fahrkomfort der 790 Adventure

Vor allem die längeren Ortsgebiete zu Beginn des Fahrtages stellte ich mir zunächst als relativ unangenehm vor. Die Motorräder in orange sind nicht zwingend dafür bekannt, in Sachen Komfort irgendwelche Trümpfe auszuspielen. Gemütlichkeit passt eben auch nicht wirklich zu 'Ready To Race'. Die Tatsache, dass die Federelemente der 790 Adventure nicht verstellbar sind, konnte meine Zuversicht, positiv überrascht zu werden, natürlich auch nicht anheben. Aber umso mehr Kanaldeckel, Schlaglöcher und holprige Fahrbahnen ich überfahren musste, umso mehr wurde mir bewusst, dass die 790er Adventure dabei war, mich eines besseren zu belehren.

Kompromissbereites Fahrwerk

Denn in Wahrheit bieten die fixen WP-Komponenten ausreichend Dämpfung, um mein Kreuz vor einer ausgedehnten Peinigung zu bewahren. Klar, es ist immer noch eine sportliche Austromaschine zwischen meinen Beinen, kein ultra-bequemes Schaukelpferd. Aber trotz relativ harter Sitzbank wurden die diversen Stösse keineswegs zur Qual. Auf einem kurzen Autobahn-Abschnitt konnte ich weiters noch feststellen, dass auch in Sachen Windschutz einiges geboten wird. Meine rund 184cm hoch sitzende Stirn wird zwar von der Windkante getroffen, ohne Ohrenschutz wäre es wohl ziemlich laut unterm Helm gewesen, aber unangenehme Verwirbelungen bleiben aus. Der grösste Teil meines schmalen Oberkörpers war ebenso gut geschützt.

Aufpreispflichtiges Rally-Pack

Somit wurde der imaginäre Punktestand der KTM auf der Reisetauglichkeits-Skala ein Stückchen grösser, während meine Sorge vor später eventuell folgendem Kreuz- und Hinternweh gleichzeitig schrumpfte. Auch meine Nerven wurden geschont, da die Mittelklasse-Adventure sich in Sachen Gasannahme ebenfalls zu benehmen weiss. Kein nervöses Gezuckel beim Anlegen. Im Street-Modus wird das Gas vom Steuergerät wunderbar sanft angelegt, ohne dabei aber künstlich verzögert zu wirken. Bei Rain und Offroad noch sanfter, beim aufpreispflichtigen Rally-Modus schärfer. Weiters erlaubt einem das „Rally-Pack“ dann auch noch, die Traktionskontrolle frei zwischen Stufe 9 und 1 zu verstellen, auch während der Fahrt. Auf der Strasse fahre ich sowieso zu sanft, um von ihr gestört zu werden. Aber vor allem im Gelände ist es schon praktisch, wenn der Antriebsrad-Eingriff bewusst verstellt werden kann, je nachdem, wie gross die Lust auf lange Drifts auf losem Untergrund ist.

790 Adventure im Gelände

Als wir gegen Ende des Tages dann auch noch selbst unsere - im Falle des Autors - nicht vorhandenen Drift-Fähigkeiten auf Schotter unter Beweis stellen durften, wurde auch sofort klar, wo KTM immer schon zu Hause war und ist: abseits der befestigten Strassen. Als Strassenfahrer stört es mich, dass die 790 Adventure eine Sitzbank ohne Kuhle und Rückhalt bietet, dass ich AUF statt IN dem Motorrad sitze, dass meine Beine relativ lose herumbaumeln, ohne schön Platz an den Seiten des Tanks zu finden. Aber sobald es keinen Asphalt mehr unter dem 21-Zoll Vorderrad zu befahren gibt, sobald man vom Sitzen ins Stehen übergeht, dann spürt man die positiven Effekte dessen, worüber ich mich gerade beschwert habe: Die relativ schmale Silhouette und der optisch gewagte Tank an der Unterseite lassen einen das Motorrad wunderbar zwischen die Haxen klemmen und stehend „erspüren“. Die 830 oder 850mm hohe Sitzbank bietet jede Menge Bewegungsfreiheit. Die Hebel sind perfekt zu erreichen, der Motor perfekt zu dosieren. Die KTM ist eine echte Reise-ENDURO.

790 Adventure auf der Strasse

Am nächsten Tag bewegte die Adventure-Meute sich Richtung Grossglockner Hochalpenstrasse. Dort gibt es nicht nur unglaubliche Ausblicke zu bestaunen und zahlreiche Busse und Wohnmobile zu überholen. Die grandiosen Kurven und das gewaltige Auf-und-Ab der Passstrasse bilden den perfekten Ort, um ein klein wenig die 'Ready To Race'-Behauptung zu verifizieren. Diesen Beweis erbringt die KTM in ausgesprochen souveräner Manier. Das Zweizylinder-Aggregat ist einerseits manierlich genug, um einen im unteren und mittleren Drehzahlbereich gemütlich cruisen zu lassen. Andererseits bietet es in den höheren Regionen aber gleichzeitig einen netten Powerpunch, der das Grinsen beim flotten Fahren ordentlich in die Breite schnellen lässt. Der, leider nicht serienmässige, Quickshifter funktioniert schlicht und ergreifend perfekt. Keines meiner etwas rabiateren Manöver hat es je geschafft, das Fahrwerk aus der Ruhe zu bringen. Auch schnelle Schräglagenwechsel machen kein Schaukelpferd aus der Adventure. Und die Bremsen haben bis zur Schlussabfahrt runter nach Heiligenblut kein bisschen nachgegeben. Und das, obwohl diese auch im Gelände gut funktionieren, also über keinen sonderlich scharfen Initialbiss verfügen. Die Schräglagenfreiheit ist massiv, weder Fussrasten noch wasserdichte Powerparts-Seitenkoffer haben jemals den Glockner- Asphalt berührt. Die Fahrt über Österreichs beeindruckendste Bergstrasse war ein unglaublich grosses Vergnügen!

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Unterwegs mit Avon Trailrider Bereifung

Gegen Ende des zweiten Fahrtages, welcher in einer etwas deplatziert-wirkenden Luxus-Berghütte auf über 2300m Seehöhe im Zillertal seinen Abschluss fand, wurde es dank Dauerregens ein wenig schlammig und rutschig. Der 790er Adventure wär's egal gewesen, nicht aber meinen spärlichen Offroad-Fähigkeiten und dem strassenorientierten Reifen, dem Avon Trailrider. Auf Asphalt hat er gut gehalten, auf rutschigem Untergrund allerdings müsste das Profil „stolliger“ sein, um gut voranzukommen. Nichtsdestotrotz ging das Spektakel schlussendlich doch sturzfrei über die Bühne. Und das obwohl das Wetter seinen löblichen Beitrag leistete, um dem Abenteuer-Aspekt des „Austrian Adventure“-Titels gerecht zu werden. 2 Grad Aussentemperatur führten nämlich dazu, dass am Morgen des letzten Tags erstmal ein paar Zentimeter Schnee von den Motorrädern beseitigt werden musste. Die Offroad-Piste selbst blieb dankenswerterweise schneefrei. So konnte ich schlussendlich auch die Abfahrt sturzfrei überleben.

Durchschnittsverbrauch KTM 790 Adventure

Die Heimreise nach Mattighofen konnte meinen positiven Eindruck hinsichtlich der Vielseitigkeit und Reisetauglichkeit der Maschine nicht mehr trüben. Klar, besonders auf der Autobahn vermisste ich die Tempomat-Funktion. Die man allerdings gegen Aufpreis - ähnlich wie das Rally-Pack - nachrüsten kann. Die harte Sitzbank wurde für mich auch nach drei vollen Fahrtagen nie zum Problem. Ebenso konnte der abschliessende Kontrollblick auf die Durchschnittsverbrauchsanzeige mein Gemüt zusätzlich erhellen: 4,7l auf 100km. Ein letztes Mal stieg ich von der KTM 790 Adventure ab und stellte final fest, dass sie nicht nur 'Ready to Race', sondern auch 'Ready To Travel' ist!

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Fazit: KTM 790 Adventure

Die KTM ist in meinen Augen die sportlichste aller Mittelklasse-Reiseenduros. Wer auf der Suche nach einer Tourenmaschine ist, die brutal flott auf Strasse und Gelände beherrscht, der wird hier fündig. Gleichzeitig aber bieten Fahrwerk und Motor ausreichend Komfort und gute Manieren, um den Fahrer auch auf längeren Verbindungsetappen nicht in den Wahnsinn zu treiben.

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Vorteile
  • Motor mit Manieren UND Charakter
  • Enorm hohe Fahrwerksstabilität
  • Bremsen ohne Tadel
  • Gewaltige Offroad-Fähigkeiten
  • Niedriger Durchschnittsverbrauch
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Nachteile
  • Unschöne Aufpreispolitik
  • Originalsitzbank nicht optimal geformt

Bericht vom 10.09.2019 | 8'649 Aufrufe

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