Harley-Davidson Triple S 2020

Softails, Sportster, Hillclimb, LiveWire – Harley macht Ernst!

Wie abwechslungsreich eine Präsentation doch sein kann, wenn sich ein Hersteller bemüht, ein feines Rahmenprogramm zu schnüren. Nun, Harley-Davidson hat es aber auch ziemlich leicht, viel zu bieten – so umfangreich war das Programm noch nie zuvor. Neben den neuesten Softails (das erste S) durfte ich beim „Triple S“ in Spanien auch abartig geil umgebaute Sportster (das zweite S) und ein Hillclimb-Rennen mit Street 750 beim „Scramble“-Wettbewerb (das dritte S) fahren. Immer noch zu wenig Action? Na dann muss ich wohl auch die Bergwertung mit der LiveWire auf üblen spanischen Bergstrassen erwähnen…

Gut gemacht, Harley! An Abwechslung war das „Triple S“-Event kaum zu übertreffen und der wahre Grund der Veranstaltung, nämlich das aktuelle Softail-Programm unter die Lupe zu nehmen, ging zusammen mit den bereits genannten Highlights ganz locker von der Hand. Wobei die, zur Verfügung gestellten Softails ohnehin ausgezeichnet funktionieren und nur wenig Grund zur Kritik bieten. Am ersten Tag waren es die drei Cruiser Low Rider S, Fat Bob und Street Bob. Und wieder war ich überrascht davon, welch völlig unterschiedliche Maschinen Harley auf dieser Softail-Basis auf die Räder zu stellen imstande ist.

Die Harley-Davidson Softails mit dem grossen V2 – Dampfhammer deluxe

Zum einen wäre da die neueste im Bunde der Softails, die Low Rider S, die mit ihrer flachen Linie und der düsteren Lackierung all jene Endkunden anspricht, die dem verwegenen Stil zugetan sind. Dass die kleine Verkleidung an der Front, die den stylishen LED-Scheinwerfer aufnimmt, auch einen praktischen Nutzen als Windabweiser hat, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. Ebenso hat die Upside-Down-Gabel einen coolen Showeffekt, denn die Low Rider S fährt sich zwar ausgesprochen stabil und gutmütig, das Thema Sportlichkeit kann aber die Fat Bob 114 besser. Deren Zusatzbezeichnung 114 lässt erkennen, dass sie das gleiche, grössere Triebwerk mit 114 Cubik Inch Hubraum (1868 Kubik) besitzt, wie die Low Rider S. Damit bringt es die beiden auf ordentliche 94 PS bei 5020 Umdrehungen. Wichtiger ist bei einem Cruiser aber ohnehin das Drehmoment, das bei beiden Modellen mit 155 Newtonmeter bei nur 3000 Umdrehungen angegeben ist – Dampfhammer deluxe.

Die ausgewogene Harley Street Bob 2020

Und trotzdem begeistert mich persönlich (Geschmäcker sind bekanntlich verschieden) das dritte Softail-Modell des ersten Tages am meisten: Die Street Bob. Zwar nur mit dem 107 Cubik Inch (1745 Kubik) grossen V2 erhältlich und mit 87 PS bei 5020 Touren sowie 145 Newtonmeter Drehmoment bei 3000 Umdrehungen doch etwas weniger prestigeträchtig bestückt, fährt sich die Street Bob zumindest für mich am besten. Der hohe Lenker liegt ausgezeichnet in den Händen, die Sitzposition ist bequem und die Optik sagt mit auch noch zu – was will man mehr!

Action gefällig? „Scramble“-Hillclimb in der Mittagspause!

Vielleicht ein bisschen Action in der Mittagspause? Bei Harley kein Problem, standen doch beim Mittagsbuffet nicht nur Gegrilltes und Gemüse auf dem Plan, sondern auch noch leckere Harley-Davidson Street 750, die allesamt für einen „Scramble“-Wettbewerb umgebaut wurden. Ausgestattet mit grobstolligen Continental TKC 80-Reifen, Öhlins-Federbeinen im Heck und (herrlich) infernalisch lauten Auspuffanlagen bot die Street 750 zusammen mit ihrer niedrigen Sitzhöhe und dem vergleichsweise geringen Gewicht (für eine Harley) optimale Voraussetzungen für den kleinen aber feinen Hillclimb-Wettbewerb. Dabei ging es ja auch nur um den olympischen Gedanken – dabei sein ist alles! Das muss ich als Zweiter (also erster Verlierer) aber auch sagen… In jedem Fall war das Scramble innerhalb des Triple S eine wahre Bereicherung der Veranstaltung.

Die Harley-Davidson Sport Glide 2020 wirkt fast wie ein edles CVO-Modell

Hätte eigentlich für den zweiten Tag schwierig werden müssen, den ersten zu toppen – und trotzdem legte Harley-Davidson noch eines drauf. Begonnen hat alles wieder im Rahmen der Softail-Reihe, diesmal mit den touristischen Modellen. Ja, auch diese Schiene wird abseits der (noch dickeren)Touring-Modelle innerhalb der Softails bedient. Mit Sport Glide und Heritage Classic 114 standen gleich zwei ebenso praktische wie fesche Harleys bereit, um uns trotz teilweise schlechter spanischer Strassen mit Komfort zu verwöhnen. Die Sport Glide darf dabei zwar kritisch betrachtet als Mogelpackung bezeichnet werden, die Frontverkleidung hilft im Vergleich mit der grossen Scheibe der Heritage Classic nur marginal, den Fahrtwind abzuleiten, dafür ist die Optik der Sport Glide umso stimmiger. Ich könnte nun ewig weiter über die gelungene Linie der Frontverkleidung, die sich an der Maschine nach hinten fortsetzt und in den schlanken Koffern sowie dem hübschen Heck endet, schreiben, allerdings sollte man sich selbst ein Bild von der Sport Glide machen. Besonders die orange Variante wirkt extrem hochwertig, fast schon so, als wäre es eine limitierte CVO-Version. Ganz zu schweigen davon, dass die Sport Glide in Sekunden (ehrlich gemessen in weniger als einer Minute) von ihrer Frontverkleidung und den Koffern befreit ein völlig anderes Aussehen bekommen kann.

Wer Klassik mag, wird die Harley Heritage Classic lieben!

Da stört es eigentlich gar nicht weiter, dass die Sport Glide nur mit dem, bereits erwähnten schwächeren 107er-Triebwerk zu haben ist, das auch noch wegen der 2-in-1-Auspuffanlage mit 84 PS bei 5450 Umdrehungen am wenigsten Leistung bringt. Wen interessiert´s bei solch einer herrlichen Optik? Die wahre Touristin innerhalb des Softail-Programms ist dennoch die Heritage Classic, von mir in der kräftigeren, 94 PS starken 114er-Version gefahren. Denn da stemmt sich die hohe Scheibe tatsächlich effektiv gegen den Wind, da sitzt man noch bequemer im Sattel und da bieten die Trittbretter einfach den höchsten Komfort. Und der Name gaukelt definitiv nichts vor, die Heritage Classic 114 sieht vergleichsweise am meisten nach Klassik aus – wer diesen Look mag, wird die Heritage Classic lieben.

Tradition trifft Zukunft - Modernste Technologie bei Harley-Davidsons LiveWire

Und als wäre eine herrlich entspannte Ausfahrt mit diesen beiden Softail-Prachtexemplaren nicht genug, standen bei unserer Ankunft am Hotel auch noch „vollgetankte“ LiveWires bereit! Wer nun noch nichts mitbekommen hat, von den neuen Wegen, die Harley-Davidson abseits der herrlich bollernden V2-Motoren beschreitet, sei hier kurz aufgeklärt: Die Harley-Davidson LiveWire ist ein Elektro-Motorrad, das von einem Permanentmagnet-Elektromotor angetrieben wird, der sein hohes Drehmoment von der ersten Radumdrehung an erzeugt – was nicht nur laut Pressetext zu einer erstaunlichen Beschleunigung und einem faszinierenden Fahrerlebnis führt.

Elektro-Power LiveWire auf schlechten spanischen Bergstrassen

Nun durfte ich also erstmals dieses feine Strom-Eisen eine Bergstrasse in Spanien hinauf und auch wieder herunter jagen – wobei ich viele Aha-Erlebnisse verarbeiten musste. 1.) Dass unser Guide, also jener Harley-Mitarbeiter, der die Route kennt und vorneweg fährt, bereits zu Beginn einige, von hinten ziemlich gefährlich aussehende Rutscher am Hinterrad wegstecken musste, hatte keinen Einfluss auf mein Fahrverhalten. Eher im Gegenteil, ich hatte nämlich selbst nach sehr kurzer Eingewöhnung auf die LiveWire unzählige Rutscher und durfte verblüfft feststellen, dass die Elektronik in Form der Traktionskontrolle stets, aber keineswegs unangenehm eingreift.

Harley-Davidson LiveWire - ungewohnter Sound, trotzdem ordentlich Leistung

Und da wären wir auch schon bei 2.) Die LiveWire hat richtig viel Power. Am Papier sollen es 106 PS bei 11.000 Umdrehungen sein, beeindruckender noch das Drehmoment von 116 Newtonmeter bei 15.000(!) Touren. Am ärgsten ist aber, dass man all das lediglich mit dem Gasgriff unfassbar souverän kontrolliert, es gibt ja kein Getriebe mit Gängen auf der LiveWire. Vor allem der Durchzug etwa von 80 bis 120 km/h, aber sogar noch jener von 120 km/h aufwärts ist brachial und gleichsam ganz spielerisch verwaltbar. Bei 170 km/h wurde ich lediglich von der anstehenden Kurve eingebremst, die LiveWire schiebt aus verlässlichen Quellen berichtet über 190 km/h am gut ablesbaren Tacho.

Die Harley-Davidson LiveWire mit toller Gewichtsverteilung

Zu all dem perfekt passend kommt schliesslich noch 3.) Das Gewicht der LiveWire ist kaum zu spüren. Ordentliche 249 Kilo soll sie wiegen, ich hätte ihr vom einfachen Handling her rund 60 bis 70 Kilo weniger zugetraut. Tja, schwerpunktgünstig positionierter Motor und Akku täuschen offenbar viel weniger Gewicht vor und die weiteren hochwertigen Komponenten an Fahrwerk (Alurahmen, Showa SFF-BP-USD-Gabel vorne, Showa BFRC-Monofederbein hinten, jeweils voll verstellbar) und Bremsen (300mm-Doppelscheiben mit Brembo Vierkolben-Monobloc-Radial-Sätteln) machen die LiveWire sportlicher, als es die reine Papierform vermuten liesse.

Harley Sportster-Umbauten von Sykes Speed and Custom

Da war es dann schon wieder ein erfrischend krasser Gegensatz, dass wir zum und vom Abendessen nach Hause mit edel umgebauten Sportster-Modellen von „Sykes Speed and Custom“ aus Grossbritannien cruisen durften. Eine schöner und extravaganter als die andere, hatten sie allesamt dermassen offene Auspufftröten, dass der Unterschied zur leise surrenden LiveWire nicht krasser hätte sein können. Am meisten Neugierde löste bei mir die „Da Hui Sportster“ auf Basis einer XL1200N Nightster aus – wie fährt sich wohl ein Motorrad mit 23 Zoll-Vorderrad und Springergabel?! Erstaunlich einfach und normal, kann ich nur sagen, ich könnte diesen Umbau sogar für den Alltag empfehlen, würde damit allerdings ob der abartig geilen Optik vorrangig zwischen Eissalon und Steakhouse pendeln.

Erfrischende Unvernunft bei „The Rothmans“

Optisch wurde die Da Hui (meiner Meinung nach) nur noch von „The Rothmans“ getoppt – viel mehr kann man den Stil einer 883er-Sportster kaum verändern! Vor allem die edle Lackierung hat es mir angetan, obwohl ich militanter Nichtraucher bin… Die grobstolligen Conti TKC 80 spiegeln die erfrischende Unvernunft dieses Projekts wider, lediglich den V-Rod-Scheinwerfer hätte ich persönlich nicht verbaut – aber es ist ja (leider) auch nicht mein Custom Bike. Danke Harley, dass wir diese Schmuckstücke und all die anderen Highlights beim Triple S fahren durften!

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Bericht vom 08.02.2020 | 19'517 Aufrufe

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