Triumph Tiger 900 GT Pro Test 2020

Die Krallen kräftig nachgeschärft

Wo soll’s denn hingehen? Mit dieser Frage muss sich der Interessent an einer Reiseenduro von Triumph vorab vielleicht noch etwas intensiver beschäftigen, als bei vielen anderen Marken. Weil die Briten stets zwei Modellvarianten auf die Guss- bzw. Speichenräder stellen, die sich – bei allen Gemeinsamkeiten – doch recht deutlich voneinander unterscheiden. Das ist beim neuen 900ccm-Triple nicht anders. Bei der Tiger 900 GT wird die Reise vornehmlich auf der Strasse stattfinden, auch wenn man natürlich vor unbefestigten Wegen keinesfalls halt machen muss.

Triumph Tiger: Ein Jahrzehnt Zufriedenheit

Genau neun Saisonen fuhr die im Spätherbst 2010 präsentierte Triumph Tiger 800 auf den verschiedensten Strassen dieser Welt herum und sich tief in die Herzen ihrer grösstenteils zufriedenen Besitzer. Immer wieder leicht modifiziert bzw. sinnvoll verbessert, durfte sie zuletzt im Modelljahr 2019 getrost als eine der ausgereiftesten* Reiseenduros am Markt bezeichnet werden, nicht nur in der sogenannten Mittelklasse. Trotzdem war es höchst an der Zeit für ein völlig neues Nachfolge-Modell – um die stagnierenden bzw. rückläufigen Verkaufszahlen wieder anzukurbeln, und um bereit zu sein, für all die Abenteuer im nächsten Jahrzehnt.

„Logischere“ Modellbezeichnungen bei der neuen Tiger 900

Mit dem neuen Motorrad hat man sich bei Triumph auch gleich von den für Aussenstehende doch etwas verwirrenden Modellbezeichnungen verabschiedet: Aus XR, XRT, XC, XCX, XCA etc. wurden GT für die strassenorientierte Raubkatze und Rally für das offroad-affinere Pendant. Jeweils noch mit einem „Pro“ versehen für die Variante mit umfangreich(st)er Serienausstattung. Obendrein gibt es zum „Einstieg“ bzw. Kampfpreis von 12.800 Euro in Österreich (11.350 in Deutschland) noch eine ausschliesslich in weiss erhältliche Tiger 900, die eine GT mit dem Nötigsten ausgestattet ist, aber immerhin auch das vom Vorgängermodell bekannte 5-Zoll-TFT-Farbdisplay verpasst bekam. Wir schwangen uns beim ersten Kennenlernen in Marokko allerdings erst einmal in den Sattel der GT Pro.

Wer am Siebenzöller nichts sieht, braucht eine Brille

Hier sticht dir auch gleich – neben der neuen, schlanker und „angriffslustiger“ wirkenden Linienführung des Motorrads – der erste merkbare Unterschied ins Auge: Ein 7 Zoll grosses TFT-Display, das schon fast an ein kleines Tablett erinnert und alle wichtigen Informationen übersichtlich aufbereitet in vier verschiedenen Darstellungsvarianten anzeigt, jedes noch einmal in vier Farboptionen und im Kontrast einstellbar. Wer da nichts sieht, braucht eine Brille. Und wer sich damit beschäftigt, der kann im Zusammenspiel mit der „My-Triumph“-App jede Menge Zusatzfunktionen nutzen, vom Telefonieren über Musik hören, Pfeil-Navigation bis hin zur Steuerung seiner GoPro-Actioncam. Zu bedienen ist das alles recht intuitiv mit den Tasten bzw. dem Joystick an den beiden Lenkern, wobei der linke für mit dem Motorrad nicht Vertraute doch ein wenig mit Schaltern überladen wirkt.

Triumph Tiger 900 GT Pro Motor: Triple wurde erwachsener

Völlig neu entwickelt wurde der 900-Kubik-Reihendreizylindermotor, der zwar in seiner Spitzenleistung gegenüber jenem der Tiger 800 mit 95 PS praktisch unverändert blieb (um gedrosselt auch die A2-Führerscheinkundschaft zu erreichen), diese stehen jedoch über ein breiteres Drehzahlband zur Verfügung, konkret mit 9 Prozent mehr in der Mitte. Merkbar zugelegt hat der Triple beim Drehmoment von 87 Newtonmeter bei 7.250 U/min. Was unterm Strich nicht nur einen erwachseneren Sound, sondern auch spürbar verbesserte Fahrleistungen ergibt, für die man den Triumph-Technikern ein Kompliment aussprechen muss: Durch die neue, einzigartige Zündfolge 1-3-2 hat man im unteren Drehzahlbereich durchaus das Ansprechverhalten eines Twins, ohne oben raus die typische, gleichmässige Leistungsentfaltung eines Triples zu verlieren. Damit hat der Tiger zwar einen neuen Charakter bekommen, lässt sich aber immer noch gutmütig untertourig bewegen, selbst Spitzkehren im dritten Gang bringen die Raubkatze kaum einmal in Verlegenheit – und oben raus spielt dann so richtig die Musik, spürst du, dass es sich nun um eine 900er handelt.

Kurven sind des Tigers Revier

Das 19-Zoll-Vorderrad reagiert direkt auf jeden Lenkimpuls, Kurven – egal welcher Radien – sind das bevorzugte Revier des Tigers. Welches er bei forscher Gangart relativ früh mit kratzenden Rasten am Asphalt „markiert“, ein Geräusch, das einen nur anfänglich erschrecken lässt, irgendwann dann einfach zum guten Ton dazu gehört. Für ein breites Grinsen sorgt dabei der serienmässige Quickshifter, der sowohl beim Rauf- als auch beim Runterschalten die Gänge seidenweich reinflutschen lässt. Makellos arbeiten die Stylema-Bremsen von Brembo, eine Anleihe aus dem Rennsport, die sich fest in die beiden 320-Millimeter-Scheiben vorne beissen, hinten geht eine 255er-Scheibe zu Werke, alles selbstverständlich mit Kurven-ABS.

Fünf verschiedene Fahrmodi auf der Tiger 900 GT Pro

Wie das Motorrad überhaupt mit Elektronik vollgestopft ist. Auch die verbesserte Traktionskontrolle arbeitet dank der neuen, in Zusammenarbeit mit Continental entwickelten IMU kurvenabhängig. Die verschiedenen Fahrmodi kombinieren jeweils die Intensität von Gasannahme, Kurven-ABS und -Traktionskontrolle, neben Regen, Strasse, Sport und Offroad steht bei der Pro auch noch ein frei konfigurierbarer Rider-Modus zur Verfügung.

Elektronisch einstellbares Federbein

Als einziges aller Tiger-900-Modelle verfügt die GT Pro auch über ein elektronisch einstellbares Federbein, in dem nicht nur die Vorspannung in vier verschiedenen Stärken (Fahrer, Fahrer mit Gepäck, Fahrer mit Sozius, Fahrer mit Sozius und Gepäck) gewählt werden kann, sondern auch die Dämpfung (Zugstufe) in neun Stufen von Komfort bis Sport. Der Unterschied ist deutlich spürbar, der Federweg der nun von Marzocchi beigesellten Komponenten mit 180 Millimeter vorne und 170 Millimeter hinten ausreichend, um auch mit den schlechtesten Strassen gut zurecht zu kommen bzw. das eine oder andere Offroad-Abenteuer zu wagen. Selbstverständlich ist auch die Gabel voll einstellbar.

Nicht nur für Riesen zum Reisen - die Tiger 900 auf Langstrecke

Der Sitz ist weiterhin in zwei Stufen mit zwei Zentimeter Unterschied zu verstellen (810 bzw. 830 mm), durch die schlankere Form bzw. geringere Schrittbogenlänge nun sogar noch „zugänglicher“ als bei der 800 XR, womit die Tiger 900 GT definitiv eine Reiseenduro für Jedermann ist, im Bedarfsfall gibt es sogar eine Low-Hight-Variante, bei der dann in 760 bzw. 780 mm Höhe gesessen wird. Wichtig: Auch nach einer langen Etappe tut der Hintern nicht weh. Das gilt genauso für den Beifahrer. Die Ergonomie ist wie vom Vorgänger gewohnt gut, der Lenker jetzt noch einen Tick näher beim Fahrer, was eine noch aufrechtere Sitzposition zur Folge hat. Auch über den Windschutz durch das mit einer Hand selbst beim Fahren in einem Bereich von 50 mm ein fünf Stufen leicht zu verstellenden Windschildes gibt es nichts zu meckern. Die Durchschnittsverbrauchsanzeige zeigte auf unsere Testfahrt 5,3 Liter auf 100 Kilometer, in Verbindung mit dem 20-Liter-Tank lässt dies in der Praxis Reichweiten zwischen 350 und 400 Kilometer erahnen. Die Rundum LED-Beleuchtung mit Tagfahrlicht und Nebel-Zusatzscheinwerfer werden vor allem Vielfahrer oder Reisende zu schätzen wissen.

Triumph Tiger 900: Gewichtsmässig abgespeckt

Leistungsmässig hat die Triumph zwar leicht zugelegt, trotzdem konnten vom Gewicht ein paar Pfunde abgespeckt werden, je nach Modellvariante um bis zu 5 kg gegenüber der Tiger 800. Die GT Pro bringt trotz üppigster Ausstattung lediglich 198 Kilo trocken auf die Waage. Geschafft wurde das durch einen leichteren Rahmen, der jetzt mit einem extra angeschraubten Aluminium-Heckrahmen versehen ist, auch die Sozius-Rasten sind nicht mehr fix mit dem Rahmen verbunden, sowie dem zweigeteilten Kühler. Dieser erlaubte es auch, den Motor um 40 Millimeter weiter nach vorne und 20 Millimeter tiefer einzubauen, was einen tieferen Schwerpunkt zur Folge hat, der wiederum dem Handling zu Gute kommt.

Alles dabei, wenn man es braucht

Ausstattungsbereinigt ist auch der Preis von 16.400 (Ö) bzw. 14.750 Euro (D) kein Schwergewicht in Anbetracht dessen, was man da alles dabei hat. Wobei eben Triumph mit dieser Modellpolitik für einen entscheidet, was man braucht und was nicht, andere Hersteller beim Zubehör dem Kunden freiere Wahl belassen. Selbstverständlich kann man sich aber auch noch seine GT Pro ab Werk weiter aufrüsten, wenn einem all das schon Aufgezählte bzw. Heizgriffe, Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer, Reifendruck-Kontrollsystem, Tempomat, beleuchtete Schalter, Handyfach mit USB-Anschluss unterm Sitz und, und, und nicht ausreicht. Etwa mit einem der beiden Koffersysteme „Trekker“ oder „Expedition“ für die grosse Reise.

Natürlich könnt ihr die Tiger 900 auf der Swissmoto bewundern.

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Fazit: Triumph Tiger 900 GT Pro

Gut Ding braucht Weile, sagt man. Bei Triumph hat man sich daran gehalten und mit der Tiger 900 GT Pro ein Motorrad auf die Gussfelgen gestellt, das den langen, erfolgreichen Weg der 800er mit vielen Detail-Verbesserungen fortsetzt und ebenso ein praktisches Alltagsmotorrad ist, wie für ausgedehnte Touren und Reisen. Der Triple ist schärfer geworden und trotzdem immer noch ein harmonisches Aggregat, mit dem auch Einsteiger nichts falsch machen können, ohne dass er den erfahrenen Motorradfahrer langweilt. Und zwar dank ausreichender Federwege auf Strassen unterschiedlichster Qualitäten sowie durchaus auch gemässigten Offroad-Passagen. Am ersten Eindruck gab es wenig zu bekritteln, wir werden dem Tiger aber sicher noch genauer auf den Zahn fühlen.


  • charaktervoller Dreizylinder
  • agiles Einlenkverhalten
  • Quickshifter serienmässig
  • elektronisch einstellbares Federbein
  • üppige Serienausstattung
  • gute Ergonomie
  • guter Wind- und Wetterschutz
  • Langstreckentauglichkeit
  • Schalterflut am linken Lenker

Bericht vom 10.02.2020 | 15'466 Aufrufe

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