Honda Africa Twin gegen Triumph Tiger 900 Vergleich im Gelände

Duell auf Augenhöhe

Honda und Triumph sorgten mit der Africa Twin 1100 bzw. der Tiger 900 für zwei der spannendsten Neuheiten 2020 am Reiseenduro-Markt, die beide den Anspruch stellen, einen sowohl On- als auch Offroad überall hinzubringen. Lösen sie diese Versprechen ein?

Unsere Spezialisten Wolf und Arlo haben ihnen, jeweils in der Offroad-Top-Ausstattung, speziell auf unbefestigten Wegen auf den Zahn gefühlt.

Reise-Enduros mit denen man ordentlich im Dreck wühlen kann

Triple oder Twin? (Nur die) Triebwerke scheiden die Geister

Honda hat der Africa Twin einen völlig neuen, im Hub um 6 Millimeter verlängerten Motor verpasst, der bei 1.084 ccm nun 102 PS leistet und mit einem satten Drehmoment von 105 Newtonmetern aufwarten kann. Das ergibt souveräne Fahrleistungen in praktisch jeder Lebenslage, speziell von unten raus drückt die CRF1100L brachialer an als die Tiger 900. Die blieb von der Leistung zwar gegenüber dem Vorgängermodell Tiger 800 mit 95 PS unverändert, diese steht durch einen veränderten Hubzapfenversatz und die neue Zündfolge (1-3-2) jedoch über ein breiteres Drehzahlband zur Verfügung, auch das Drehmoment wuchs auf 87 Newtonmeter. Dadurch wurde der Motor einem Twin zwar ähnlicher, bleibt im Wesen aber dennoch unverkennbar ein Triple, der untertouriges Fahren grosszügig verzeiht und oben raus wie von einem Gummiband gezogen linear losprescht.

Wem welche Charakteristik besser zusagt, wird man wohl nur selbst bei einer Probefahrt herausfinden können, der Unterschied punkto Leistung ist aber, wenn überhaupt, nur auf der Strasse auszumachen. Sobald man diese verlässt, ist das kein Thema mehr.

Africa Twin und Tiger besitzen Fahrwerke, die so ziemlich alles schlucken

Aber welche ist nun dafür besser geeignet? Ein Blick auf die Fahrwerke verrät, dass beide in derselben Liga spielen. Sowohl Tiger als auch Africa Twin haben voll einstellbare Komponenten von Showa, jeweils mit einer 45-Millimeter-Upside-Down-Gabel, Triumph spendierte mit 240 Millimeter vorne und 230 Millimeter hinten sogar die etwas üppigeren Federwege gegenüber den 230 bzw. 220 Millimeter der Honda. Dafür fährt die Honda auf den klassischen Enduro-Reifengrössen 21 Zoll vorne und 18 Zoll hinten, während die Tiger Rally hinten mit 17 Zoll das Auslangen findet

In der Praxis ist jedoch auch beim unmittelbaren hin- und verwechseln kaum ein Unterschied zu spüren, vor allem weil beide mit einer wunderbar ausgewogenen Ergonomie sowohl beim Stehend- als auch beim Sitzendfahren aufwarten können. Auch von der Sitzhöhe sind sie mit 850 bis 870 Millimeter ident, wobei die Sitzposition auf der Honda vielleicht einen Tick aufrechter ausfällt als beim Kontrahenten. Bequem genug sind beide, um auch den ganzen Tag im Sattel zu sitzen, was bei Reisemotorrädern ja nicht unwesentlich ist.

Honda und Triumph bieten umfangreiche Elektronik-Pakete

Keine Wünsche offen lassen die umfangreichen Elektronik-Pakete, die beide serienmässig an Bord haben. Kurven-ABS (mit am Hinterrad deaktivierter Offroad-Funktion) ist ebenso State of the Art wie eine von der IMU gesteuerte, schräglagenabhängige, stufenweise einstellbare Traktionskontrolle. Die mächtigen TFT-Farbdisplays kommen mit 7 (Triumph) bzw. 6,5 (Honda) Zoll schon kleinen Tabletts gleich, jenes der Africa Twin ist sogar per Touchscreen mit Handschuhen zu bedienen, in beiden Fällen selbstverständlich alles mit modernster Smartphone-Connectivity.

An Fahrmodi stehen beiden nicht weniger als sechs Stück zur Verfügung, die die verschiedensten Parameter für den jeweiligen Einsatzzweck gut aufeinander abgestimmt kombinieren. Praktisch für den Offroad-Einsatz ist der Offroad-Pro-Modus der Tiger 900 Rally Pro, mit dem man auf Knopfdruck sämtliche, im Gelände mitunter oft störende, elektronischen Helferlein deaktivieren kann, bei der Africa Twin muss man sich dafür erst einmal durchs Menü kämpfen.

Bei den Bremsen gibt’s nichts zu meckern

Trotz ihrer 21-Zoll-Vorderräder lassen sich beide Motorräder zügig selbst durch engstes Winkelwerk dirigieren, macht damit die Pässe-Hatz auf Asphalt genauso Spass, wie der Abstecher auf unbefestigte Wege. Für beides ist die Bremserei bestens abgestimmt – soll heissen: Präzise und direkt genug für die Strasse und doch nicht zu bissig fürs Gelände. Honda setzt dies mit zwei 310-Millimeter-Scheiben und Nissin-Zangen um, bei Triumph kommen gar Brembo-Stylemas zum Einsatz, die sich in zwei 320-Millimeter-Scheiben verbeissen…

Ausstattung der Tiger 900 Rally Pro lässt kein Wünsche offen

Wie überhaupt die Serienausstattung des Tiger-900-Topmodells „Rally Pro“ wirklich keinerlei Wünsche offen lässt. Von Quickshifter, über Griff- und Sitzheitzung (für Fahrer und Beifahrer), Reifendruckkontrolle, Hauptständer, Tempomat bis hin zu robusten Sturzbügel bzw. Ölwannenschutz ist wirklich alles an Bord, was man sich nur wünschen kann. Der Windschutz ist beim stufenlos mit nur einer Hand beim Fahren verstellbaren Schild der Tiger deutlich besser, der kurze Schild der Africa Twin ermöglicht dafür den uneingeschränkten Blick aufs Gelände vor dem Vorderrad und unterstreicht damit die Offroad-Ambitionen der Japaner. Um die Honda auch sonst ähnlich Gelände-Fit auszurüsten, gibt es ein optionales „Offroad-Paket“, mit dem unser Testmotorrad auch ausgestattet gewesen ist. Neben den soliden Schutz-Elementen konnten da vor allem die breiten Rally-Fussrasten gefallen, die beim Stehendfahren hervorragenden Halt bieten. Preislich liegt eine mit diesem Paket (Ö-Preis 1.350,00 Euro) ausgestattete Africa Twin mit vergleichbarem Schaltgetrieben in etwa bei jenem der Tiger 900 Rally Pro.

DCT-Option als „Alleinstellungsmerkmal“ der Honda Africa Twin 2020

Wobei Honda auch noch einen Trumpf in die Waagschale werfen kann, bei dem die Konkurrenz passen muss: Das Doppelkupplungs-Getriebe, das von Jahr zu Jahr noch ausgereifter arbeitet und das speziell auch Offroad-Einsteigern das Fahren auf unbefestigten Wegen erleichtert, weil man sich voll und ganz aufs Gelände konzentrieren kann, ohne ans Schalten oder Kuppeln zu denken. Neben dem Mehr-Preis von 1.300,00 Euro schlägt es sich allerdings auch mit einem Mehr-Gewicht von 10 Kilo zu Buche. In der Schaltvariante schenken sich die Kontrahenten auch diesbezüglich wenig, liegt die um 7 PS stärkere Honda mit 226 Kilo vollgetankt etwa 5 Kilo über der Triumph. Beides ist im Fall der Fälle mit der richtigen Übung auch alleine aufzuheben.

Wolfs Fazit Honda CRF1100L Africa Twin gegen Triumph Tiger 900 Rally Pro

Als Sportreporter würde ich von einem klassischen Remis sprechen. Allerdings eines der spannenden Sorte! Handelt es sich hier doch um zwei Reiseenduros, die das Wort „Enduro“ nicht nur der Optik wegen im Namen haben, sondern auch wirklich Offroad können, ohne dabei den Komfort auf der Strasse zu vernachlässigen. Die Triumph mag im Gesamten einen Tick zugänglicher bzw. einfacher zu fahren sein als die im Umkehrschluss etwas „erwachsenere“ Honda, aber hier sprechen wir von Nuancen. Letztendlich ist das einzige wirkliche Unterscheidungskriterium der Motor bzw. die persönliche Präferenz zu zwei oder drei Zylindern, macht man mit keinem der beiden auch nur irgendetwas falsch.

Arlos Senf zu Honda CRF1100L Africa Twin gegen Triumph Tiger 900 Rally Pro

Ich spiele mit offenen Karten, meine ersten Big Enduro Rally Erfahrungen hab ich mit der 1100 Africa Twin gemacht. Seit diesem Zeitpunkt hat die Twin einen fetten Stein bei mir im Brett. Die Triumph hingegen hab ich gleich vorschnell in die "Sieht zwar aus wie eine Enduro, ist aber sicherlich ein 100% Asphalt Motorrad" Schublade gesteckt. - Ein grober Fehler! Bei nur ganz wenigen Motorrädern hatte ich gleich vom ersten Meter an so ein gutes Gefühl wie auf der Triumph. Da passt einfach wirklich alles: Sitzposition, Fahrwerk, Bremse einfach unbeschwert fahren, fast schon himmlisch mit der Tiger 900 durch die Landschaft zu streichen. Aufgebessert wird der ausgezeichnete Ersteindruck dann noch durch die umfangreiche Serienausstattung, Sitz- Griffheizung, Tempomat, verschiedenstufige ASR und ABS Varianten und so weiter und sofort. Auch abseits der befestigten Strassen überzeugt die Tiger vollends, herrlich dosierbare Bremsen, leichtes Handling und eine angenehme Sitz- und Stehposition lassen keinen Platz für Kritik.

Doch auch bei Honda hat man in den letzten Jahren nicht in der Nase gebohrt und die Twin vehement weiterentwickelt. Die Ohnehin schon respektable Offroadkompetenz wurde weiter verbessert und wie auch die Triumph mit einem mächtigen Elektronik Paket upgegraded. Ich muss ganz ehrlich sagen ich bin heilfroh mich nicht für eines der beiden Bikes entscheiden zu müssen, denn beide liefern eine hervorragende Performance sowohl off- als auch onroad und sind sich dabei auch sehr ähnlich. Unterschiede gibt es naturgemäss seitens des Triebwerkes. Ob man hier nun aber zum 2 oder 3 Zylinder greift, ist reine Geschmackssache. Eines ist jedoch fix, wer ein eine Reiseenduro sucht mit dem man auch den Ausflug ins Gelände nicht scheuen muss, der ist mit beiden Bikes sehr gut beraten!

Fazit: Honda CRF1100L Africa Twin

Die Africa Twin ist für mich eine Reiseenduro wie eine Reiseenduro sein soll. Das galt schon fürs Vorgänger-Modell und änderte sich auch mit dem Anwachsen von Hubraum und Leistung nicht. Weil diese mit 102 PS zum einen überschaubar blieb und es Honda dabei sogar schaffte, ein paar Kilo gegenüber der CRF1000L abzuspecken. Also blieb ihr die Vielseitigkeit, funktioniert sie auf der Autobahn genauso wie im Gelände. Das Fahrwerk schluckt so ziemlich alle Unebenheiten, der Motor bleibt in jeder Lebenslage souverän, Ergonomie und Sitzkomfort sind beispielhaft. Ein Motorrad für alle Tage genauso wie für die grosse Reise – wo immer die auch hingehen mag.


  • durchzugsstarker Motor
  • ausgereifte elektronische Fahrhilfen
  • wunderbar funktionierendes DCT (Option)
  • Touch-Screen-Farbdisplay
  • gute Ergonomie
  • Langstreckentauglichkeit
  • Windschild perfekt für Offroad
  • Knöpferlflut am linken Lenker wenig übersichtlich
  • Handguards für Offroad-Einsatz wenig robust
  • Windschild bietet überschaubaren Schutz

Fazit: Triumph Tiger 900 Rally Pro

Die Tiger 900 Rally Pro ist die beste Reiseenduro, die Triumph je gebaut hat, zumindest wenn der Fokus auf Enduro liegt. Mit einem Fahrwerk, das auch im groben Geläuf souverän bleibt und vieles schluckt, einem Motor, der souverän und harmonisch gleichzeitig zu Werke geht und jeder Menge elektronischer Helferlein, die bei Bedarf aber auch weggeschalten werden können. Ein verlässlicher Begleiter für den täglichen Weg ins Büro genauso wie für die grosse Reise. Eine, auf der die Fahrfreude ganz sicher nicht beeinträchtigt wird, sobald einem der Asphalt unter den Reifen ausgeht – ganz im Gegenteil!


  • charaktervoller Dreizylinder
  • deutlich verbesserte Offroadtauglichkeit
  • komfortable Federelemente
  • Quickshifter mit Blipper serienmässig
  • üppige Serienausstattung, sogar Sitzheizung für Fahrer und Sozius
  • gute Ergonomie
  • guter Wind- und Wetterschutz
  • Langstreckentauglichkeit
  • Handguards für Offroad-Einsatz wenig robust
  • Schalterflut am linken Lenker

Bericht vom 03.05.2020 | 17'143 Aufrufe

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