Yamaha MT-10 vs. Yamaha MT-09 SP im Vergleichs-Test 2022

Muss es immer die Grosse sein? Duell in den Alpen!

Manchmal ist weniger mehr? Ob dieser Spruch auch für die Yamaha MT-Schwestern gilt, haben wir im Zuge der Alpenmasters 2022 auf den mächtigen Pässen Südtirols überprüft.

Alle Jahre wieder laden unsere Kollegen von der Zeitschrift MOTORRAD zu den prestigeträchtigen Alpenmasters, um die beste Motorradneuheit des Jahres für das anspruchsvolle, alpine Terrain zu bestimmen. Auch wir waren wieder vor Ort und haben im Zuge dessen jede Menge spannende Vergleichstests durchgeführt. Normalerweise setzt sich der Alpenmasters aus Duellen von ähnlichen Motorrädern zusammen und die MT-10 und MT-09 SP spielen eigentlich in unterschiedlichen Ligen. Wir haben sie aber trotzdem im familieninternen Duell antreten lassen. Wie viel Unterschied besteht zwischen den beiden grossen Masters of Torque?

Die Alpenmasters 2022 in Südtirol

Das Testgelände: 2022 waren die Alpenmasters im MoHo Motorradhotel Gassenwirt in Südtirol stationiert. Nur wenige Kilometer entfernt wartet die berühmte Sellarunde und viele weitere umliegende Pässe, die sich inmitten der gewaltigen Dolomiten auf über 2000 Meter hochschlängeln. Dabei müssen die Testbikes mit engsten Kehren, extremen Steigungen, wechselnden Strassenbedingungen und immer dünner werdender Luft klarkommen. Sowohl die heuer frisch erschienene Yamaha MT-10, als auch die im letzten Jahr überarbeitete MT-09 SP wurden bei ihrer Präsentation kontrovers diskutiert, denn viele können dem neuen Design nicht allzu viel abgewinnen. Von der Optik abgesehen führen beide aber ein potentes Rezept aus zugänglichem Handling, moderner Elektronik und drehmomentstarken Motoren ins Feld. Vor allem letztere lassen uns sehr schnell die gewöhnungsbedürftigen Frontmasken vergessen.

Motoren-Vergleich der Yamaha MT-10 & MT-09 SP 2022

Rein auf die Motoren reduziert, sind die beiden MTs auf einer Augenhöhe. Nicht leistungstechnisch natürlich, denn da hat der 998cc CP4-Reihen-Vierzylinder der MT-10 mit seinen 166 PS klar die Oberhand. Aber auch trotz nur 119 PS kann der 889 cc Reihendreizylinder der MT-09 beim Fahrspass voll mitziehen, zaubert durch das mühelose, quirlige Ansprechverhalten wie das grosse Schwesternaggregat einen breiten Grinser unter den Helm und zeigt eindrucksvoll, dass Yamaha einfach richtig gute Motoren bauen kann. Der MT-10 Motor zieht vor allem in der oberen Hälfte des Drehzahlbandes natürlich davon, begleitet von infernalischem Crossplane-Brüllen ab ca. 6500 Umdrehungen. Aber das Drehmoment des CP3-Motors ist mit 93 Nm nur knapp niedriger als beim CP4 (112 Nm), liegt dafür aber schon um 2.000 Touren bei 7.000 U/min an. Dadurch fühlen sich die 119 Pferdchen nach noch mehr an. Gerade in den Alpen ein Garant für flottes Vorankommen und beide schiessen nahezu gleichauf aus den engsten Kehren. Aber auch bei touristischer Fahrweise zeigen beide, dass der Spagat zwischen Sportlichkeit und Zugänglichkeit perfekt gelingen kann. Ortsgebiete werden locker im sechsten Gang durchfahren, das zuvor noch freudenspendende, doch auch laute Klangfeuerwerk aus dem Endtopf hält sich nachbarschaftsfreundlich zurück und die Quickshifter funktionieren bei jeder Drehzahl ausgesprochen gut.

Touristische Sitzposition auf der Yamaha MT-10 & MT-09 SP

Auch ähnlich sind sich beide in ihrer eher komfortabel ausgerichteten Ergonomie. Auf der MT-10 ist sie mit einem leicht spitzeren Kniewinkel und niedrigerem Lenker zwar eine Spur sportlicher, der Oberkörper bleibt aber für ein Power-Naked sehr aufrecht, da lastet nahezu kein Druck auf den Armen. Es sei denn man möchte in Angriffsposition gehen. Die MT-10 schafft auch hier den Spagat ungemein gut. Sie lässt sich mit leichtem Impuls am Lenker leicht in drückendem Fahrstil durch enge Kehren bewegen, bietet gleichzeitig aber auch genug Stabilität und die passende Ergonomie für den hängenden Fahrstil. Gerade in den Alpen mit vielen unterschiedlichen Radien ein grosser Vorteil. So wechsle ich ganz nach Lust und Laune den Fahrstill und freue mich über die ungeahnte Vielseitigkeit des mächtigen Nakeds.

Ergonomisch ist die MT-09 SP auch sehr gelungen, sie schafft aber nicht ganz diese Vielseitigkeit wie die grosse Schwester. Sie bevorzugt eindeutig den drückenden Fahrstil, macht diesen dafür aber ungemein leicht und spassig. Die Sitzbank ist recht stark nach vorne geneigt, wodurch man bei steilen bergab Strecken und Unebenheiten gerne in Richtung Tank geworfen wird. Hier ist ein guter Knieschluss gefragt, was beim passend geformten Tank aber auch gut gelingt. Die Sitzposition der MT-09 wurde beim Launch des Standardmodells 2020 aber auch stark diskutiert und teils kritisiert. Sportliche Piloten bemängelten ein schlechtes Gefühl für das Vorderrad, aufgrund der sehr aufrechten, nach hinten orientierten Position. Tatsächlich ist der Lenker auf der MT-09 für ein Naked Bike ungewöhnlich hoch positioniert. Das ist zwar auch sehr angenehm bei entspannter Fahrweise, aber im Weg wenn man es mal krachen lassen will. Zumindest bei der Standard-MT-09. Die SP-Variante hat dieses Problem bedeutend weniger. Der Grund: Das phänomenale Fahrwerk.

Fahrwerke und Bremsen der MT-10 & MT-09 SP im Vergleich

Vorne werkt in der Yamaha MT-09 SP eine 41er-USD-Gabel von Kayaba mit edler DLC-Beschichtung (Diamond like Carbon), in Druck- und Zugstufe sowie in High- und Lowspeed verstellbar, hinten ist ein voll (in Druck-, Zugstufe und Federvorspannung) verstellbares Öhlins-Federbein montiert. Beide arbeiten präzise und minimieren den durch die inaktive Sitzposition verursachten Verlust des Feedbacks von der Strasse. Mit dem Oberkörper leicht vorgeneigt lässt sich die überaus agile, fast schon fahrradgleiche MT-09 SP gefühlvoll in die Kehre drücken und zieht dort auch bei schlechtem Strassenbelag präzise durch den Radius. In der SP-Variante läuft Yamahas Funbike zur Höchstform auf und kann so sogar die grössere, stärkere Schwester in manchen Belangen alt aussehen lassen.

Das Kayaba Fahrwerk der MT-10 ist ebenfalls voll einstellbar, bietet 120 mm Federweg vorne und hinten und ist im Serientrimm eher weich abgestimmt. Das zeigt die Positionierung der MT-10 als touristisches Power-Naked. Auf ebenen Belägen ist sie sehr stabil, kann durch die kürzeren Federwege und die aktivere Sitzposition noch schräger und flotter bewegt werden. Auf unebenen Strecken kann das Fahrwerk aber nicht mit der Präzision der MT-09 SP mithalten und es kommt Bewegung ins Fahrzeug. Wenig verwunderlich, schliesslich wiegt die MT-10 auch gute 25 kg mehr, als die nur 190 kg (vollgetankt) schwere MT-09 SP. Die Bremsen positionieren sich gleich wie die Fahrwerke. Das Fliegengewicht der MT-09 SP wird trotz kleinerer Dimensionen der Bremsen effektiver und feiner dosierbar verzögert. Auf der MT-10 gehen die Bremsen auch kompetent ans Werk, aber auch nicht so potent und knackig, wie auf der kleinen Schwester.

Elektronik der Yamaha MT-10 & MT-09 SP 2022

In puncto Elektronik schenken sich die zwei MT-Modelle nichts. Beide besitzen umfangreiche Pakete mit Ride-by-Wire, Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, Fahrmodi, Schaltassistent mit Blipper-Funktion und Wheelie-Control. Letztere muss gerade auf der MT-09 SP oft regeln, denn der bauchige CP3 und das hinten liegende Gewicht lassen das Vorderrad nur allzu schnell gen Himmel steigen, was auch was gutes sein kann. Was sich beide MTs leider auch teilen, ist das schlecht lesbare TFT-Display. Der Kontrast und die Farben sehen billig, wie von einem alten Gameboy Colour aus und die wichtigen Informationen sind kleiner, als so manches Kleingedruckte. Leider keine Seltenheit bei Yamaha Modellen und so auch auf der MT-10 und MT-09 SP. Auch das Bedienkonzept ist alles andere als intuitiv oder einfach, weshalb hier bei beiden noch Luft nach oben wäre.

Komfort und Alltagstauglichkeit der Yamaha MT-10 & MT-09 SP 2022

Bei den Alpenmasters geht es nicht vorrangig um kratzende Fussrasten und nahende Drehzahlbegrenzer, sondern auch um praktische Dinge. Der Komfort auf langen Touren zum Beispiel. Beide MT-Schwestern haben recht dünne Sitzbänke in Serie verbaut, welche allzu schnell durchgesessen sind. So schmerzt der Hintern schon nach 50 Kilometern, wobei das natürlich stark von der Leidensfähigkeit des Piloten im Sattel abhängt. Den meisten Fahrern würde ich aber die komfortable Touring-Sitzbank aus dem Yamaha Zubehör empfehlen, welche laut Kollege Poky deutlich besser ist. Auch Sozia müssen auf beiden leidensfähig sein, vor allem die extrem hoch angebrachten Sozius-Fussrasten sind gewöhnungsbedürftig. Zu guter letzt kommen wir noch zur Reichweite. Hier geht der Punkt klar an die MT-09 SP, weil der CP4 der MT-10 notorisch durstig ist und im Schnitt gut 2 Liter mehr auf 100 km verbraucht. Da kommt man dann selbst mit dem 3 Liter grösserem Tank weniger weit, als die MT-09 Sp mit ihren 14 Liter Tankvolumen.

Fazit zu Vergleich der Yamaha MT-10 & MT-09 SP 2022

Wie viel PS man unter dem Hintern braucht, muss jeder für sich entscheiden. Beide MT-Modelle ermöglichen Fahrspass und richtig viel sportliche Performance, ganz ohne anstrengend zu werden oder den Fahrer unnötig zu fordern. Raufsetzen, losfahren und wohl fühlen - zugänglichere Nakeds gibt es nicht viele am Markt. Für reine Landstrassenfahrer reicht meiner Meinung nach die MT-09 SP, die dank des top Fahrwerks, der präzisen Bremsen und des geringeren Gewichts noch agiler und leichter durch die Kurven fegt. 6.500 € Preisunterschied zur grossen Schwester kommen noch hinzu, weshalb ich am Ende des Tages eher zur MT-09 SP greifen würde. Diese Meinung teilt auch Kollege Poky.

Bild von Poky
Poky

"Wie heißt es so schön: Das Bessere ist des Guten Feind. Welches der beiden Yamaha Naked Bikes in den Dolomiten reüssieren würde, war ich mir im Vorfeld nicht ganz sicher. Auf der einen Seite ist Hubraum bekanntlich durch nichts zu ersetzen und der CP4 Motor leistet ganze 47 PS mehr als der Drilling der MT-09 SP, auf der anderen Seite muss die kleine Schwester in unserem Duell 25 Kilogramm weniger mit sich herumschleppen und bietet das feinere Fahrwerk. Schlussendlich hat mich die MT-09 SP mit ihrem fahrradartigen Auftritt vollkommen überzeugt, der CP3 ist ein unglaublich elastisches Kraftwerk, das sich vor dem großen Bruder nicht verstecken muss. Nur beim Klang kann die MT-10 stärker punkten, der Reihenvierer mit Hubzapfenversatz lässt eine derart infernale Arie auf die mächtigen Steilwände der Dolomiten los, dass dem Piloten Hören und Sehen vergehen! Die Überraschung des Tages war, dass man es mit beide Nakeds auch touristisch angehen kann, einzig die Sitzbänke würde ich gegen die Touring-Varianten tauschen. Dann steht endlosen Passbezwingungen nichts mehr im Wege."

Fazit: Yamaha MT-10

Die Yamaha MT-10 kann in vielen Punkten überzeugen, der Star ist aber auf jeden Fall der CP4-Crossplane-Reihenvierzylinder-Motor. Massig Drehmoment, schön dosierbare Leistung und ein süchtig machender Klang - Was will man mehr? Davon abgesehen punkten Bremsen, Fahrwerk und Ergonomie mit ihrer Vielseitigkeit, die MT-10 positioniert sich aber klar am touristischeren Ende der Power-Nakeds. Als Schwächen kann man die miserabel gestaltete und schlecht lesbare Anzeige, den recht hohen Verbrauch, sowie das gewöhnungsbedürftige Bedienkonzept des sehr umfassenden Elektronikpakets nennen. Langstreckenfahrer werden nicht glücklich über die harte Sitzbank sein, aber da schafft der Zubehör Abhilfe.


  • Geiler Motor mit massig Drehmoment
  • Süchtig machender Klang
  • Auch touristisch und entspannt bewegbar
  • Vielseitige Ergonomie
  • Gut positionierte Bremsen und Fahrwerk
  • Agiles Handling
  • Hoher Verbrauch
  • Schlecht lesbares TFT-Display
  • Gewöhnungsbedürftiges Bedienkonzept der Elektronik

Fazit: Yamaha MT-09 SP

Das Funbike MT-09 läuft in der SP-Variante zur Höchstform auf! Der extrem spassige, quirlige Dreizylinder-Motor fühlt sich durch das viele Drehmoment nach mehr als nur 119 PS an. Hinzu kommt ein grandioses, fahrradgleiches Handling und phänomenale, fein dosierbare Bremsen. Die aufrechte, nach hinten orientierte Sitzposition nimmt in der MT-09 SP nicht so viel Gefühl für das Vorderrad weg, da das hochwertige Fahrwerk sauberes Feedback von der Strasse gibt und jeden Radius stabil durchfährt. Yamaha-typisch lassen leider die Klarheit des TFT-Displays und das Bedienkonzept der üppigen Elektronik zu wünschen übrig. Auch die Sitzbank und der Sozius-Komfort könnten besser sein. Sonst ist die MT-09 SP aber das (nahezu) perfekte Bike für massiven Fahrspass.


  • Quirliger, drehmomentstarker Motor
  • Extrem agiles Handling
  • Top Bremsen
  • Hochwertiges Fahrwerk
  • Fahrspass pur!
  • Schlecht lesbares TFT-Display
  • Recht harte Sitzbank
  • Steuerung der Elektronik könnte intuitiver sein

Bericht vom 03.06.2022 | 7'581 Aufrufe

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