Honda CRF1100L Africa Twin Vergleich - 21-Zoll im Strassen-Test

Wie gut funktionieren grosse Reiseenduros im geteerten Gelände?

Bei grossen Reiseenduros zeigt schon die Dimension des Vorderrads, dass sie nicht nur für die Strasse gemacht sind. Trotzdem verlassen in der Realität die meisten Adventure-Bikes nur selten die befestigten Wege. Wie gut sich die Honda Africa Twin, Ducati DesertX und Husqvarna Norden 901 aber auf der Strasse bewegen lassen, das haben wir auf Einheitsreifen überprüft.

Die Kontrahentinnen im Vergleich sind sich recht ähnlich: Drei Zweizylinder, um die 100 PS und 220 bis 230 kg. Trotz, oder gerade aufgrund dieser Ähnlichkeit fallen die Unterschiede besonders auf. Doch gerade der Reifen macht beim Handling sehr viel aus, weshalb wir uns für diesen Vergleich für einen Einheitsreifen entschieden haben. Sowieso würden reine Strassenpiloten bald andere Reifen aufstecken lassen, denn die Serienbereifung ist oft, wie zum Beispiel bei der Norden mit den Pirelli Scorpion Rally STR, schon für leichtes Offroad vorbereitet und durch das Stoppel-Profil nicht ideal für flotte Manöver auf dem Asphalt.

Metzeler Tourance Next 2 als Einheitsreifen für den Reiseenduro-Vergleich auf der Strasse

Unsere Wahl fiel auf den Metzeler Tourance Next 2. Der Touring Reifen ist in allen gängigen Reiseenduro Dimensionen verfügbar und bietet als Touring-Reifen zahlreiche Features, die für Adventure-Bike Fahrer auf der Strasse relevant sind. Hohe Laufleistung, agiles Einlenkverhalten, guter Nassgrip und neutrales Handling, auch bei schweren Beladungszuständen. Selbst für Schotterpassagen soll sich der Reifen eignen, was wir diesmal jedoch nicht genutzt haben.

Die zugänglichste der Big Enduros? - Sitzposition & Ergonomie der Honda CRF1100L Africa Twin 2022

Reiseenduros sind üblicherweise sehr gross und hoch, was schon mal zum Problem für reiselustige Piloten mit kurzen Beinen werden kann. Die Africa Twin zeigt aber, dass es auch anders gehen kann. Einerseits lässt sich die Sitzbank zwischen einer Sitzhöhe von 850 und 870 mm verstellen. Zusätzlich ist aber auch die sehr schmale Taille hinter dem sich erst spät verbreiternden Tank eine grosse Hilfe für Kurzgewachsene, da dadurch der Schrittbogen kurz bleibt und auch Leute um die 1,70 m, wie zum Beispiel unsere Kollegin Juliane, noch mit beiden Füssen den Boden erreichen können. Aber auch grosse Fahrer fühlen sich im Sattel der Africa Twin schnell wohl, da sie sonst sehr viel Platz und Bewegungsraum lässt. Der breite Lenker liegt auf guter Höhe und krümmt sich dem Fahrer leicht entgegen, wodurch die Arme nicht zu weit nach vorne gestreckt werden und locker aufliegen. Der Kniewinkel ist sehr entspannt und beinahe im rechten Winkel, der Oberkörper aufrecht. Nur wenige grosse Enduros schaffen es gleichzeitig für grosse und kleine Piloten die passende Ergonomie zu bieten. Auch die Konkurrentinnen im Vergleich scheitern daran. Die DesertX ist zwar schmal in der Mitte, doch mit fixen 875 mm Sitzhöhe sehr hoch. Die Husqvarna Norden kann ihre Sitzhöhe zwischen 854 und 874 mm variieren, hat aber einen deutlich breiteren Sattel und Taille.

Bauchig, souverän und unzerstörbar? - Motor, Leistung und Getriebe der Honda CRF1100L Africa Twin 2022

Der 1084 cm³ Reihenzweizylinder mit 270 Grad Hubzapfenversatz imitiert einen V2-Motor und bietet dadurch bauchiges Drehmoment von maximal 105 Nm bei 6.250 U/min und einen unglaublich leiwanden, stark bollernden Sound. Wer meint, dass die Euro5 Norm gute Motor-Klänge aus Serientöpfen vertrieben hat, der sollte sich die Africa Twin einmal anhören. Mit 102 PS bei 7.500 U/min hat sie zwar am wenigsten Leistung trotz des grössten Hubraums, dafür aber auch am meisten Drehmoment aus den niedrigsten Drehzahlen. Sauber hängt sie am Gas und bringt ordentlich Druck aus dem Drehzahlkeller, ist aber für sportliche Fahrten auf kurviger Landstrasse etwas zu lange übersetzt. Der dritte Gang geht bis ca. 150 km/h, weshalb man häufig bei ambitionierter Fahrweise in den zweiten zurückschalten muss. Kollege Poky hat bei seiner privaten 2021er Africa Twin die Übersetzung geändert und freut sich nun über die zusätzliche Spritzigkeit der sonst etwas trägen Africa Twin. Der Langstreckentauglichkeit hat das nicht geschadet. Generell zeichnet sich der Motor der Honda durch Vielseitigkeit, Zuverlässigkeit und Robustheit aus. Selbst bei meiner Island Reise mit der Honda Africa Twin steckt das Aggregat literweise Wasser im Brennraum weg, als wäre nichts gewesen und springt problemlos wieder an. Japanische Qualität vom feinsten.

Honda CRF1100L Africa Twin 2022 Motor
Der Motor der Africa Twin ist eine Wucht - Vom Klang, über das Ansprechverhalten, bis zum bauchigen Drehmoment.

Auch im Getriebe lässt sich diese Präzision und Qualität spüren. Bei diesem Strassen-Vergleich haben wir bewusst auf Hondas DCT Getriebe verzichtet, um die klassischen Getriebe zwischen den Kontrahentinnen vergleichen zu können. Die Honda schaltet am knackigsten, lässt den neutralen Zwischengang am leichtesten einrasten und gibt das klarste Feedback. Dafür ist der Quickshifter zwar ganz passabel, aber nicht so gut wie auf der Husqvarna. Ausserdem ist die Africa Twin das einzige Motorrad im Vergleich, das den Schaltassistenten nicht serienmässig mit an Bord hat. Dafür muss man noch mächtige 665 € (in Ö) extra berappen.

Handling und Fahrverhalten der Honda CRF1100L Africa Twin 2022

Die angesprochene Trägheit der Africa Twin macht sich vor allem in schnellen Wechselkurven bemerkbar. Hier braucht es doch etwas Kraft am Lenker, um die von uns gemessenen 232 kg (vollgetankt) flott von einer Seite auf die andere zu wuchten. Einmal in Schräglage zieht sie aber sehr stabil und harmonisch durch den Radius, was sicher auch am potenten Fahrwerk liegt. Die massiven Federwege von 230 mm vorne und 220 mm hinten werden auf der Strasse vermutlich nie ausgereizt, aber dafür besitzt die Honda auch als einzige Maschine im Vergleich ein voll einstellbares Fahrwerk, und das trotz des günstigsten Anfangspreises. So lässt sich auch das bemerkbare Eintauchen der Gabel beim Bremsvorgang am Kurveneingang minimieren, wobei sich der lange Federweg natürlich nicht wegzaubern lässt. Apropos Bremsen: Die Brembo Bremserei der Africa Twin ist durchaus passabel und beisst stärker und feiner dosierbar zu als die Norden, kann aber nicht mit den extrem sportlichen Bremsanlagen auf der DesertX mithalten. In Summe ist die Honda Africa Twin sicher die schwerfälligste Maschine im Vergleich. Die anderen bewegen sich müheloser und flotter durch enge Radien, können dafür nicht ganz die Souveränität der Honda bieten.

Honda CRF1100L Africa Twin 2022 im Landstraßen-Test
Die Africa Twin ist das trägste Motorrad im Vergleich, punktet dafür aber mit ihrer Souveränität.

Komfort, Sozius- und Langstreckentauglichkeit der Honda CRF1100L Africa Twin 2022

Viel wichtiger als die Performance im Winkelwerk ist für solch grosse Reisemaschinen aber der Komfort im Sattel und ob sie sich für lange Touren und Reisen eignen, egal ob allein oder zu zweit. Wie oben beschrieben sitzt es sich im Sattel der Africa Twin sehr gut, das gilt auch für etwaige Beifahrerinnen und Beifahrer. Der Kniewinkel ist auch am Passagiersitz entspannt, die Haltegriffe breit genug platziert und der Sattel weich genug. Allerdings neigt sich letzterer recht stark dem Fahrer entgegen, wodurch man bei Bremsmanövern vorwärts katapultiert wird und der Vordermann einiges an Gewicht abzustützen hat. In puncto Windschutz schenken sich die Kontrahentinnen in diesem Vergleich nicht viel. Untenrum schützen recht üppige Fronten die Beine, obenrum haben alle recht niedrige, unverstellbare Windschilder die eher auf Offroad-Fahrer ausgerichtet sind und den Wind ca. auf Brusthöhe lenken. Für die Africa Twin gibt es das 5-fach verstellbare, hohe Windschild von der Adventure Sports als Alternative. Gepäcksysteme gibt es auch im originalen Zubehör in unterschiedlichsten Formen. Schweres Gepäck plus Sozia sollten sich auf der Africa Twin auch legal ausgehen, da die erlaubte Zuladung bei knapp über 220 kg liegt. Und der letzte wichtige Punkt zur Reisetauglichkeit: Die Reichweite. 4,9 Liter soll die Africa Twin laut Hersteller verbrauchen. Bei unseren Ausfahrten hat sich der Verbrauch bei etwas über 5 Litern eingependelt, über 300 km kommt man mit dem 18,8 Liter Tank also auf jeden Fall.

Honda CRF1100L Africa Twin 2022 im Sozius-Test
Sozius tauglich ist die Africa Twin auch, allerdings könnte der Sozius-Platz etwas weniger nach vorne geneigt sein.

Elektronik und Ausstattung der Honda CRF1100L Africa Twin 2022

Zu guter Letzt noch ein Blick auf die Elektronik, die heutzutage allgegenwärtig ist. Das gilt doppelt für das prestigeträchtige, hochtechnische Reiseenduro-Segment. Alle Bikes im Vergleich warten mit schräglagenabhängiger Traktionskontrolle und ABS, TFT-Displays, bei der Africa Twin sogar mit Touch-Funktion, Tempomat, Smartphone Connectivity, Fahrmodi und wie zuvor erwähnt, bei der Ducati und Husqvarna auch mit Quickshiftern in Serie auf. Zusätzlich gibt es eine Menge von Einstellungsmöglichkeiten bei unterschiedlichen Parametern, wie Motorbremse, Gasannahme, Wheelie-Control und mehr. Das Honda Bedienkonzept kann dabei sehr ins Detail gehen, ist aber nicht das intuitivste und dementsprechend muss man sich erst mit dem System auseinandersetzen. Sobald man selbst und die bevorzugten Einstellungen jedoch eingespielt sind, funktioniert es schnell und einfach. Einziger Kritikpunkt hier ist, dass die Einstellung der Traktionskontrolle und Wheelie-Control immer übernommen werden, selbst wenn der Fahrmodus gewechselt wird. Möchte ich mir zum Beispiel den Tour-Fahrmodus mit vorsichtigem TC-Setting auf gemütlich und den User 1-Fahrmodus mit kaum Traktionskontrolle auf sportlich einstellen, so muss ich dennoch nach dem Wechseln des Fahrmodus immer wieder die Traktionskontrolle und Wheelie-Control neu verstellen. Der Sinn davon entzieht sich mir zwar, es ist aber zum Glück nur ein kleines, nervendes Detail am Rande eines grandiosen, gelungenen Reise-Motorrads.

Fazit: Honda CRF1100L Africa Twin

Die Africa Twin ist für mich eine Reiseenduro wie eine Reiseenduro sein soll. Das galt schon fürs Vorgänger-Modell und änderte sich auch mit dem Anwachsen von Hubraum und Leistung nicht. Weil diese mit 102 PS zum einen überschaubar blieb und es Honda dabei sogar schaffte, ein paar Kilo gegenüber der CRF1000L abzuspecken. Also blieb ihr die Vielseitigkeit, funktioniert sie auf der Autobahn genauso wie im Gelände. Das Fahrwerk schluckt so ziemlich alle Unebenheiten, der Motor bleibt in jeder Lebenslage souverän, Ergonomie und Sitzkomfort sind beispielhaft. Ein Motorrad für alle Tage genauso wie für die grosse Reise – wo immer die auch hingehen mag.


  • durchzugsstarker Motor
  • ausgereifte elektronische Fahrhilfen
  • wunderbar funktionierendes DCT (Option)
  • Touch-Screen-Farbdisplay
  • gute Ergonomie
  • Langstreckentauglichkeit
  • Windschild gut für Offroad
  • Bedienkonzept der Elektronik wenig übersichtlich und intuitiv
  • Handguards für Offroad-Einsatz wenig robust
  • Windschild bietet überschaubaren Schutz

Bericht vom 25.07.2022 | 19'886 Aufrufe

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