Triumph Tiger 1200 Rally Pro Test in den Südtiroler Alpen 2022

Wie gut schlägt sich Triumphs Big-Enduro im Reise-Betrieb?

Wien - Stilfser Joch - Wien - Auf diese ca. 1.600 km lange Tour führten wir unsere Dauertester Bikes zum Saisonabschluss aus. Dabei musste sich auch die Tiger 1200 Rally Pro das erste Mal beim ernsthaften Touring beweisen.

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Die Tiger 1200 Modellfamilie kam dieses Jahr ganz neu auf den Markt und brachte Triumph wieder in die Reiseenduro-Oberklasse. Dort ist der Konkurrenzkampf jedoch hart und die Anforderungen hoch. Die erste Hälfte der Saison hatten wir die Tiger 1200 GT Pro, also die strassenorientierte Version mit dem 19-Zoll-Vorderrad, im Fuhrpark. Bei den Alpenmasters 2022 gab es ein Duell der Triumph Tiger 1200 GT Pro und Ducati Multistrada V4 S, der derzeitigen Enduro-Königin. Wir waren von der Strassen-Tiger semi begeistert. Üppiger Ausstattung stand ein träges Handling und teilweise problematischer Motorlauf gegenüber. Umso gespannter waren wir, als wir endlich die Rally Pro Variante in die Finger bekommen haben, die uns schon bei den Tiger 900 Modellen mehr begeistern konnte. Eine einwöchige Reise soll uns die Qualitäten und Schwächen der Tiger 1200 Rally Pro zeigen. Auf geht's nach Südtirol!

Kärnten und Südtirol erleben mit den MoHo Motorrad Hotels

Von unserem Büro in Wiener Neustadt aus bis zum legendären Stilfser Joch, dem Ziel dieser Reise, wäre es in einem Stück ein mächtiger Iron-Butt-Ritt. Stattdessen geniessen wir lieber die Etappen und planen Zwischenstopps ein. Am Hinweg halten wir beim MoHo Motorrad-Hotel Strasswirt im Gailtal, für Biker perfekt gelegen mitten im Dreiländereck Österreich - Slowenien - Italien, mit herrlichen Strecken wie dem Nassfeldpass, der Nockalmstrasse oder der Grossglockner-Hochalpenstrasse vor der Haustür. Diese fast schon legendären Passagen bekommen wir bei unserer Anreise aber nicht unter die Räder, stattdessen geht es zuerst auf der Autobahn gen Westen.

Langstrecken-Komfort auf der Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022

Die Tiger 1200 Rally Pro ist eine typische Reiseenduro wie aus dem Bilderbuch. Das beginnt schon bei der Sitzposition. Hoch zu Ross thront man auf ihr, die Sitzhöhe bleibt auch trotz möglicher Verstellung eine Herausforderung für kurzgeratene Piloten. In der niedrigen Position mit einer Sitzhöhe von 875 mm komme ich mit meinen 1,85 m zwar noch gut zum Boden, doch Rangieren kann auf unebenen Schotter-Parkplätzen schon etwas knifflig werden. In der hohen Position bei 895 mm tänzle auch ich nur mehr auf Zehenspitzen dahin. Hoch mag sie sein, dafür bietet sie aber auch reichlich Platz im Sattel. Der Kniewinkel fällt sehr gemütlich aus, der Oberkörper bleibt angenehm aufrecht und die Arme strecken sich zum breiten Lenker. Mit dem serienmässigen Tempomaten cruist es sich in relaxter Haltung entspannt auf der Autobahn. Dank dem guten Windschutz und komfortablen Sattel lässt es sich auch viele Kilometer am Stück aushalten. Der Wind wird zwar recht sauber am Helm vorbeigeleitet, trotzdem nutzen wir die Neuroth Earplugs. Diese filtern die Frequenzen des Windrauschens weg, lassen andere Geräusche aber durch. So können wir trotzdem über unsere Cardo Kommunikationssysteme plaudern, Musik hören und hauptsächlich rumblödeln. Da vergehen monotone Autobahn-Kilometer wie im Flug. Nur die altbekannten Vibrationen des Dreizylinders stören den Reise-Frieden etwas.

Motor und Leistung der Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022

Zum neuen Herzstück der Tiger 1200 Modelle haben wir ein durchwachsenes Verhältnis. Einerseits bringt es die typischen Dreizylinder-Qualitäten in die 1200er-Hubraum-Klasse: Samtige Leistungsentfaltung, Drehfreudigkeit eines Vierzylinders & Drehmomentstärke eines Zweizylinders. Eine tolle Sache und nicht grundlos eine sehr beliebte Motor-Bauart. Doch leider ist das Aggregat der grossen Tiger nicht so rund und fehlerfrei, wie man sich das wünschen würde. Das erste Manko präsentiert sich gleich auf der Autobahn. Hochfrequente Vibrationen treten genau um die 130 bis 140 km/h auf und lassen Finger und Füsse nach einiger Zeit taub werden. Etwas nervig, aber nicht dramatisch und ausserdem schon bekannt von der GT Pro. Also ausschütteln und weiter geht's!

Wenig später verlassen wir endlich das breite Asphaltband und stürzen uns auf die kurvigen Strassen der Steiermark und Kärntens. Hier kann der 1160 cm³ Reihen-Dreizylinder zeigen, was in ihm steckt. Am Papier: 150 PS bei 9.000 U/min und 130 Nm Drehmoment bei 7.000 U/min. In der Realität dreht man jedoch selten so weit aus, selbst bei ambitionierter Gangart. Obwohl der aus der Speed Triple RS stammende Motor natürlich überarbeitet wurde, wünscht man sich im Winkelwerk dennoch mehr Punch aus dem Drehzahlkeller. Schliesslich müssen von uns gemessene 256 kg (vollgetankt) beschleunigt werden und das dauert. Gemütliche Piloten werden sich daran aber gar nicht stören und stattdessen das smoothe Hochdrehen des Motors geniessen. Auch der Quickshifter funktioniert ausser bei ganz niedrigen Drehzahlen einwandfrei und schaltet schnell.

Handling und Fahrwerk der Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022

Hier im Winkelwerk ist die Tiger 1200 Rally Pro aber auch für eine positive Überraschung gut. An der GT Pro bemängelten wir auch die geringe Schräglagenfreiheit. Schon ohne wie ein Henker zu fahren, also bei ganz durchschnittlicher, dynamischer Fahrt, kratzten dort schnell die Fussrasten. Auf der Rally Pro schaffen aber die mit 220 mm etwas längeren Federwege und die grössere Raddimension mehr Raum und damit auch mehr Schräglagenfreiheit. In Kombination mit dem hochwertigen, vorne voll einstellbarem und semi-aktiven Showa Fahrwerk lässt sich die Tiger durchaus wenig durch die Radien peitschen. Sie ist dabei vielleicht nicht so agil, wie eine Ducati Multistrada oder BMW GS, doch mit etwas Nachdruck lässt sie sich auch bei höheren Geschwindigkeiten in die Kurve drücken. Dort zieht sie stabil ihre Linie durch und schluckt brav etwaige Bodenunebenheiten. Mit dem Metzeler Tourance Next 2 haben wir auch den idealen Reifen aufgezogen, um am Asphalt zu vollstrecken.

Performance der Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022 auf Passstrassen

Nach einer geruhsamen Nacht in Kärnten geht es über Osttirol nach Italien. Die Strassen winden sich immer höher an den Bergflanken hoch, werden enger und kniffliger. Endlos geht es zuerst bergauf, dann wieder bergab. Hier hat die geniale Bremserei der Triumph Tiger 1200 Rally Pro ihre Sternstunde. Mit Brembo Stylema Monoblock Bremszangen und 320 mm Doppelscheiben vorne verzögert sie mit kaum Kraftaufwand schon mächtig und kann selbst auf den steilsten Talfahrten und nach zahlreichen sportlich angebremsten Kehren noch einen klaren Druckpunkt und Präzision bieten. Die Bremse ist definitiv das sportlichste an der Tiger 1200, was nichts Schlechtes heissen soll. Nimmt man eine steile Passstrasse bergauf in Angriff, schlägt sich die Tiger nicht schlecht, stellt dem Fahrer aber schon auch ein paar Herausforderungen. Einerseits ist sie auf ihren hohen Beinen und mit dem höheren Gewicht etwas kippelig. Zusätzlich erschwert der recht lange Radstand von 1560 mm das Treffen der Fahrlinie in engen Kehren. Die grösste Herausforderung ist aber der sonst so sanft ansprechende Motor, der ausgerechnet bei den niedrigsten Drehzahlen ruppig wird. Ab 2.500 Touren und tiefer gibt es recht starke Lastwechselreaktionen, egal wie sanft man das Gas anlegt. Die Kupplung schafft hier Abhilfe, aber das ist nicht nur anstrengender, sondern auch technisch schwieriger. Schwung halten ist in den Kehren das wichtigste, wie uns das Stilfser Joch vielfach aufzeigt. Hier liegen regelmässig Maschinen im Weg, die unerfahrenen Piloten in der Kehre umgekippt sind. Ein geübter Fahrer kommt auf der Tiger 1200 Rally Pro problemlos ums Eck, doch wenn man den Kupplungspunkt nicht perfekt trifft, Schwung verliert und die stabilisierenden Kreiselkräfte verliert, kann sich die grosse, schwere Maschine schnell unhaltbar nach innen neigen und schon liegt sie da. Ein sauberes Ansprechverhalten im Drehzahlkeller erleichtert solche Passagen immens. Die Ursache dieser Ruppigkeit kann am Kardan liegen, der zwar Vorteile bei Wartung und Service bietet, dafür aber die Motorabstimmung schwieriger macht. Wobei hier BMW zeigt, dass auch das möglich ist. Der Triumph fehlt diese Perfektion der Motorabstimmung.

Ausstattung und Elektronik der Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022

Beim Punkt Ausstattung ist die Tiger 1200 eine würdige Vertreterin der Oberklasse der Reiseenduros. Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, sechs Fahrmodi, LED-Lichtelemente, Kurvenlicht, Berganfahrassistent, per Knopfdruck verstellbare Federvorspannung und ein massives 7-Zoll TFT-Display, um nur einige der elektronischen Features zu nennen. Auch auf praktische Funktionen wird geachtet mit den serienmässigen Heizgriffen, der 12 V Buchse im Cockpit und USB-Anschluss inklusive Smartphone-Fach unter dem Soziussitz. Optional lässt sich die Tiger auch noch mit einer Sitzheizung ausstatten. Die Elektronik ist also sehr üppig vertreten und funktioniert auch einwandfrei, nur in das Bedienkonzept Triumphs muss man sich zuerst reinfuchsen. Die hochwertig verarbeiteten Schalter und der 5-Wege Stick am Lenker machen die Steuerung zwar haptisch angenehm, aber die Anzeige und Gliederung der Menüs könnte logischer und praktischer ausfallen. So zeigt die Standard-Anzeige, die Homepage der Tiger 1200 wenn man so will, zum Beispiel trotz der Grösse des Displays nur sehr wenige Informationen. Für Tageskilometerzähler, Verbrauch, Reichweite und andere Funktionen muss man immer durch Menüs navigieren. Zusätzlich ruckeln die Animationen des Displays auch noch manchmal, was auf einem über 20.000 Euro teurem Motorrad auch nicht sein sollte. Ein paar Sicherheitsfeatures, z.B. dass die Offroad-Fahrmodi nicht während der Fahrt aktiviert werden können oder dass zum Start des Motorrads der Kupplungshebel gezogen werden muss, auch im neutralen Gang, stossen bei uns dezente Ungeduld. Smartphone Connectivity ist natürlich auch eine Option, dafür braucht es aber eine App und selbst dann kann sich die Projektion von Navigation und Co. im Motorrad-Display noch ziemlich mühsam gestalten. Abgesehen vom Totwinkelassistenten und abstandsregelndem Tempomaten, womit die Explorer Modelle der Tiger 1200 auftrumpfen, bietet die Rally Pro State-of-the-art Elektronik, die top funktioniert, in der Bedienung aber noch etwas unkomplizierter und runder gestaltet sein könnte. Ist im Gesamtbetrieb aber eher eine Randerscheinung und schnell vergessen. Dafür ist das Alukoffer-System der Triumph positiv hervorzuheben. Als Toploader, also von oben beladbare Gepäckstücke, sind die zwei 37 Liter fassenden Seitenkoffer äusserst praktisch und einfach zu beladen.

Triumph Tiger 1200 Rally Pro 2022 Verbrauch und Reichweite

Der Verbrauch eines Reisemotorrads ist auch sehr wichtig. Nicht nur weil er die mögliche Reichweite mitbestimmt, sondern auch als nicht zu unterschätzender Kostenfaktor bei langen Touren. Auf unserer 1.609 km langen Reise haben wir gewissenhaft bei sämtlichen Tankstopps mitgeschrieben und daraus den durchschnittlichen Verbrauch jedes Motorrads berechnet. Die Triumph Tiger 1200 Rally Pro gönnte sich insgesamt 91,57 Liter und kommt damit auf 5,69 L/100km. Damit liegt sie knapp über den vom Hersteller angegeben 5,1 L/100km und hat obendrein überraschenderweise den höchsten Verbrauch aller Bikes auf unserer Südtirol Tour. Das liegt mit Sicherheit am erhöhten Drehzahlniveau, die es braucht um die Leistung des Dreizylinders abzurufen. Trotzdem bleibt der Verbrauch unterm Strich in einem akzeptablen Bereich und die Tiger 1200 Rally Pro schafft mit ihrem 20 Liter Tankvolumen über 350 km.

Fazit: Triumph Tiger 1200 Rally PRO 2022

Die Triumph Tiger 1200 Rally Pro ist eine Reiseenduro wie sie im Buche steht und hat dementsprechend einiges zu bieten. Angenehme, entspannte Sitzposition, guter Windschutz, üppige Ausstattung und echte Reisetauglichkeit. Im Gegensatz zur Konkurrenz der Oberklasse der Adventure-Bikes fehlt ihr aber leider der gewisse "Wow-Faktor", dieses Alleinstellungsmerkmal, das BMW GS, Ducati Multistrada V4 oder KTM Super Adventure aufweisen können. Die Tiger 1200 Rally Pro hat keine bemerkenswerte Laufruhe, kein extrem agiles Handling oder brachialen Motor, dafür gibt sie sich ausgeglichen. An einigen Ecken gibt es aber noch Verbesserungsbedarf, vor allem bei der Laufruhe im unteren Drehzahlbereich. Die Basis ist jedoch gut und ausgeglichen, den Feinschliff bringen hoffentlich die folgenden Modelljahre.


  • Angenehme, entspannte Ergonomie
  • Guter Windschutz
  • Elektronik State-of-the-Art
  • Üppige Ausstattung
  • Sehr potente Bremsen
  • Fein ansprechendes, semi-aktives Fahrwerk
  • Ok Reichweite
  • Schnell schaltender Quickshifter
  • Motor läuft unter 3000 Touren nicht ganz sauber
  • Grosses TFT-Display könnte besser genutzt werden
  • Lastwechselreaktionen bei niedrigen Umdrehungen
  • Sehr hoch für kurzbeinige Piloten

Bericht vom 01.10.2022 | 10'376 Aufrufe

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