Honda Hornet alt gegen neu Vergleichstest 2023

Haben beide das Zeug zur Legende?

Warum Honda den so herrlich klingenden Beinamen „Hornet“ mit Auslaufen des Vierzylinder-Modells eingefroren hat, werden wir nie erfahren. Mit der neuen CB750 Hornet ist der Kult-Name aber plötzlich wieder da! Stellt sich nur die Frage - haben beide Modelle das Zeug zur Legende?

Wer noch vor einem Jahr von der Hornet sprach, meinte mit ziemlicher Sicherheit die vielgelobte Honda CB600F Hornet, denn die grosse 900er-Variante war weitaus nicht so beliebt und wurde daher auch bereits nach wenigen Produktionsjahren wieder aus dem Programm genommen. Seit diesem Jahr muss man allerdings schon genauer nachfragen, als kürzeste Fomulierung bietet sich ein die alte oder die neue Hornet? an. Denn nun gibt es die CB750 Hornet, deren Unterschied zur alten Version sich nicht nur auf knapp 150 Kubik mehr Hubraum beschränkt, sondern gleich ein komplett anderes Motorenkonzept beinhaltet - statt vier sorgen nun zwei Zylinder in Reihe für einen vergleichsweise mächtigen Vortrieb!

Drehorgel - die Maximalleistung der Hornet 600 liegt erst bei 12.000 Touren an!

Stellt sich also die Frage, ob die neue Hornet überhaupt diesen giftigen Beinamen verdient. Nun ja, ich kläre vorerst mal auf, warum die Bezeichnung Hornisse zur alten Version ziemlich gut passt: Angetrieben von einem Reihen-Vierzylinder mit 599 Kubik, den sie aus dem Supersportler CBR600RR übernimmt, allerdings mit weniger Leistung und dafür mehr Drehmoment im unteren Bereich. Daraus wurden in den ersten Modelljahren ab 1999 rund 95 PS gewonnen, in der von mir getesteten Version von 2012, netterweise tiptop-gepflegt von gebrauchtbikes.at in Wien zur Verfügung gestellt, waren es sogar 102 PS. Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich allerdings die Drehzahl, bei der diese Maximalleistung anliegt: bei 12.000 Touren und der Begrenzer mischt sich erst jenseits der 13.000 Touren ein! Die 600er-Hornet will also gedreht werden und sticht dann ganz weit oben so richtig zu. Weit unten geht sie zwar auch erstaunlich souverän und gar nicht mal so brustschwach an die Sache heran, das maximale Drehmoment von 63,5 Newtonmeter bei 10.500 Umdrehungen sagt aber doch sehr viel darüber aus, wie wenig Punch von unten zur Verfügung steht.

Souveränität - die neue Hornet 750 hat ordentlich Punch von unten

Das macht die neue Hornet 750 ganz anders - und ich spreche absichtlich nicht (nur) von besser. Denn wer diesen typischen Ausdreh-Charakter einer 600er-Hornet mag, oder sogar liebt, würde mit dem bauchigen Antritt der 750er-Hornet nur bedingt glücklich werden. Aber es passt nun mal besser in die heutige Zeit, einen souveränen Motor einzupflanzen, der sowohl Anfängern als auch Fortgeschrittenen gefällt und in allen Lebenslagen anschiebt, nicht nur oben. Dementsprechend liegen 92 PS bereits bei 9500 Umdrehungen an, beim Drehmoment stehen über 10 Newtonmeter mehr bei über 3000 Touren früher zur Verfügung. Das macht die neue Hornet tatsächlich mehrheitsfähiger als die alte Hornet, allerdings auch nicht mehr so speziell - was wiederum nicht gerade dienlich scheint, eine Legende zu werden, so wie die alte.

Gleicher Name, verschiedene Auslegung - Honda Hornet im Wandel der Zeit

Die radikalere Auslegung der Hornet 600 setzt sich bei der Geometrie fort, vor über 20 Jahren war es noch in Ordnung, auch einem Naked Bike eine vorderradorientierte Sitzposition zu gönnen - aber keine Sorge, man sitzt immer noch genügend aufrecht. Steigt man aber danach auf die neue Hornet 750, fühlt man sich wie auf einer Supermoto mit hohem Lenker. Eh auch fahraktiv und durchaus einem agilen Handling zuträglich, aber eben weitaus umgänglicher als die alte 600er. Bei den Bremsen zeigt sich besonders stark, dass sich seit 2012 Einiges getan hat, Biss und Dosierbarkeit sind auf der 750er definitiv besser, wobei man der alten Hornet dennoch eine erstaunlich gute Funktion bezeugen muss. Dafür, dass die Anlage bereits über 39.000 Kilometer in den Kolben hat, spricht sie sehr gut an, es ist nur mehr Handkraft nötig.

Bild von Vauli
Vauli

"Es bleibt natürlich abzuwarten, wie sehr der legendäre Name „Hornet“ bei der neuen CB750 ziehen wird und ob diese Version ebenfalls in rund einem Jahrzehnt Kultstatus erlangen kann. Meine Prognose ist allerdings, dass es zwar schlau und legitim ist, den Namen wieder ausgegraben zu haben, die 750er ist allerdings zu sehr auf die Ansprüche der heutigen Zeit zugeschnitten und passt damit in zu viele Anforderungsprofile, als dass sie damit eine Ikone werden könnte. Umso besser für die alte 600er-Hornet, die mit ihrem mittlerweile ausgestorbenen 600er-Vierzylindermotor zwar radikal ausgewunden werden möchte, insgesamt aber immer noch erstaunlich angenehm und umgänglich funktioniert."

Wer also eine alte Hornet 600 will, sollte bald zuschlagen, denn paradoxerweise scheinen die verfügbaren Modelle nur noch teurer zu werden, als sie ohnehin schon sind. Dass gebrauchtbikes.at für die CB600F Hornet von 2012 mit über 39.000 Kilometer 6990 Euro verlangt, ist daher angemessen, wenn man bedenkt, dass sie top-gepflegt dasteht, tadellos in Schuss ist und eigentlich schon Liebhaberstatus hat. Wer sich da wundert, dass er für eine neue 750er-Hornet nur 1700 Euro mehr auf die Budl legen muss, ist vermutlich ohnehin mit der neuen Version besser bedient!

Fazit: Honda CB750 Hornet 2023

Die neue Hornet 750 ist ein richtig gelungenes Naked Bike, das sich mit seinem herrlich agilen und kräftigen Triebwerk, dem ausgewogenen Handling und Fahrwerk, der angenehmen Sitzposition und nicht zuletzt mit ihrer umfangreichen Elektronik-Ausstattung über die meisten Konkurrentinnen in der Klasse der oberen Einsteigerbikes setzt. Eigentlich kommt sie schon sehr nahe an die Mittelklasse ran, lediglich die langweilige Schwinge und der schmale 160er-Hinterreifen (der allerdings dem Handling enorm hilft) passen nicht ganz in dieses Segment. Allerdings ist sie kaum teurer als die Einsteiger, stattdessen gleich einige, teils sogar viele Tausender billiger als die Mittelklasse. Das macht sie zu einem unschlagbaren Angebot!


  • kräftiger, durchzugsstarker Motor
  • gute Bremsen
  • bequeme Sitzposition
  • agiles Handling
  • ausgewogenes Fahrwerk
  • umfangreiche Elektronik
  • günstiger, optionaler Quickshifter
  • ausgezeichneter Preis
  • Stahl-Kastenschwinge nicht sonderlich sexy

Bericht vom 23.08.2023 | 17'412 Aufrufe

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