Kawasaki Ninja ZX-4RR vs. Ninja 650 Landstrassen-Test 2024

Ist die Ninja ZX-4RR so praktisch wie die Ninja 650?

Wenn es um supersportliche Optik, gepaart mit alltagstauglicher Performance geht, kommt man nur schwer an der Kawasaki Ninja 650 vorbei. Mit ihrem Parallel-Zweizylinder und der angenehmen Sitzposition ist sie der ideale Sportler für Alltag und Landstrasse. Da kann die quirlige und radikalere Ninja ZX-4RR mit ihrem ultrahoch drehenden Reihen-Vierzylinder doch nicht mithalten, oder doch?

Die Grünen (es geht nicht um Politik) machen vieles richtig, vor allem die sportlichen Modelle (derer es bei Kawasaki ja auch eine ganze Menge gibt) treffen optisch den Geschmack der Kunden ziemlich genau. Ein giftiges Grün, eine böse Scheinwerfer-Optik und ein paar Grafik-Akzente der WSBK-Maschinen, schon fühlt man sich wie ein richtiger Superbiker, selbst wenn es nur eine vergleichsweise alltagstaugliche Ninja 650 ist.

Die Kawasaki Ninja 650 - eher Sporttourer als Supersportler!

Doch genau darum geht es ja, ein gewisser Komfort soll auch auf einem Alltags-Sportler, wie die Ninja 650 einer ist, nicht fehlen. Ein echter Supersportler, auf dem man bekanntlich mehr liegt als sitzt, ist vielen für die tägliche Fahrt schlicht und ergreifend zu unbequem. Also bekommt die Ninja 650 im Vergleich zu ihrer Naked Bike-Schwester Z650 geringfügig niedrigere Lenker spendiert, dafür eine weitaus effizientere Verkleidung und macht damit weniger als Supersportler, sondern eher als Sporttourer eine ausgezeichnete Figur.

Die Kawasaki Ninja ZX-4RR ist aus völlig anderem Holz geschnitzt

Zu diesem Anforderungsprofil passt auch der Motor bestens, mit seinen 68,2 PS bei 8000 Umdrehungen und 65,7 Newtonmeter Drehmoment bei 7000 Touren macht der Reihen-Zweizylinder naturgemäss auf der Landstrasse eine bessere Figur als auf der Rennstrecke. Und genau da liegt auch der entscheidende Unterschied zur echten Supersportlerin Ninja ZX-4RR, deren Reihen-Vierzylinder mit gerade mal 100 Kubik pro Zylinder aus völlig anderem Holz geschnitzt ist. Von den Rennstrecken-Fähigkeiten haben mir ja bereits einige Tester berichtet und ich kann ausgezeichnet nachvollziehen, dass es ein Höllenspass sein muss, diese 400 Kubik-Rakete bis 16.000 (!) Touren auf der Piste auszudrehen.

Man könnte erwarten, dass die Ninja ZX-4RR wie ein Moped performt!

Erstaunlich ist für mich hingegen, wie gut dieser grüne Giftpfeil auch auf der Landstrasse funktioniert. 77 PS lassen ja noch auf eine akzeptable Performance schliessen, die stolzen 14.500 Touren, bei denen diese Leistung anliegt, suggerieren hingegen ein für die Landstrasse völlig unbrauchbares Drehzahlband. Hinzu kommt noch das niedrige Drehmoment von nur 39 Newtonmeter bei abartig hohen 13.000 Umdrehungen - man könnte erwarten, dass die Ninja ZX-4RR im vierstelligen Drehzahlbereich in etwa wie ein Moped performt! Doch weit gefehlt, die umgängliche Ninja ZX-4RR dreht von unten fast schon souverän hoch, das elektronische Motormanagement leistet ausgezeichnete Arbeit und holt das Beste aus dem kleinen Hubraum heraus. Das zur Verfügung stehende Drehzahlband ist ohnehin rekordverdächtig breit, selbst wenn man sich ganz unten etwas mehr Schmalz wünschen könnte, in der Mitte zieht sie schon brav an, bei knapp 8000 Touren geht es so richtig los und das Gummiringerl reisst eben bis 16.000 Umdrehungen nicht mehr ab!

Die Ninja 650 ist definitiv bequemer, dennoch überraschend viel Komfort auf der ZX-4RR

Überraschend angenehm ist auch die Sitzposition, die kleine ZX-4RR ist natürlich sportlich dimensioniert und die Ninja 650 ist definitiv bequemer, aber für eine echte Sportlerin ist sie dennoch ausgesprochen komfortabel. Die Lenkerstummel sind nicht ganz so tief an der Gabel montiert, sodass die Last auf den Händen unerwartet gering ausfällt und die Fussrasten sind auf einer Höhe, die nicht zwangsläufig nach den Körpermassen eines kleinen Parade-Rennfahrers verlangen.

Beim Fahrwerk punktet die Kawasaki Ninja ZX-4RR mehr als die Ninja 650

Dass beide Kawas beim Handling sehr ähnlich punkten, wundert nicht wirklich, wenn man bedenkt, dass beide auf einen Stahlrahmen, einen relativ schmalen 160er-Hinterreifen vertrauen und die Ninja 650 lediglich 4 Kilo mehr wiegt als die, mit 189 Kilo eigentlich recht schwere ZX-4RR. Dafür sind bei ihr einige Kilo ausgezeichnet in einem hochwertigen Fahrwerk angelegt. Während die Ninja 650 an der Front auf eine konventionelle Gabel ohne Verstellmöglichkeiten und hinten auf ein Monofederbein mit einstellbarer Federvorspannung vertraut, kann an der Big Piston-USD-Gabel der Ninja ZX-4RR schon mal die Vorspannung justiert werden, am hinteren Mono-Federbein gar Zugstufe, Druckstufe und Federvorspannung. Zusammen mit dem feineren Ansprechen macht das die kleine ZX nicht nur auf der Rennstrecke besser, sondern bei ambitionierter Fahrweise auch auf der Landstrasse.

Beide Bremsen benehmen sich umgänglich, jene der ZX-4RR aber hochwertiger

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Bremse, die ZX-4RR hat zwar mit den beiden 290er-Scheiben keine übermässig grosse Bremse an der Front spendiert bekommen, in Kombi mit den radialen Vierkolben-Monoblock-Zangen packt die Anlage aber doch weitaus beherzter zu, als die sogar grösseren 300er-Doppelscheiben mit Zweikolbensätteln an der Ninja 650. Das war grundsätzlich auch so zu erwarten, die Kawasaki Ninja ZX-4RR ist nun mal ein echter Sportler, die Ninja 650 hat eher nur die Optik. Allerdings ist auch die hochwertigere Anlage der ZX-4RR durchaus alltagstauglich, weil sie sehr präzise geregelt werden kann.

Die Elektronik auf der Kawasaki Ninja 650 reicht, die Ninja ZX-4RR kann aber mehr

Schliesslich punktet die Ninja ZX-4RR auch noch bei der Elektronik mehr als ihre einfacher gestrickte Schwester Ninja 650. Zwar ist die 650er mit ABS, Traktionskontrolle, LED-Beleuchtung rundum und TFT-Farbdisplay samt Connectivity durchaus mit allem Wichtigen ausgestattet, das heutzutage in dieser Klasse an Bord sein sollte. Allerdings hat die kleine Ninja ZX-4RR zusätzlich zu den bei der Ninja 650 genannten Features auch noch vier Riding Modes (Sport, Road, Rain und Rider), eine eigene Rennstrecken-Grafik mit speziellen Funktionen für das TFT-Display und einen herrlichen Quickshifter samt Blipper, der in Verbindung mit dem unvergleichlichen Ausdreh-Potential der 4RR die sportliche Seele dieses Mini-Superbikes besonders hervorkehrt.

Bild von Vauli
Vauli

"Ich hätte anhand der Optik nicht geglaubt, dass einerseits die Kawasaki Ninja 650 ein dermaßen guter Sporttourer ist, andererseits aber auch die kleine Ninja ZX-4RR einen so ausgewogenen Komfort bietet. Steige ich von der 4RR-Drehorgel auf die 650er um, tuckert der Reihen-Zweier fast so unaufgeregt wie das Triebwerk eines Traktors. Das ist aber kein Nachteil, denn das insgesamt alltagstauglichere Konzept ist nach wie vor die Ninja 650. Da es die im Vergleich mit der 650er fast schon als Hightech-Rakete zu bezeichnende Ninja ZX-4RR aber schafft, den Spagat zwischen Sport und Alltag erstaunlich gut zu meistern, ist sie trotz des um etwas mehr als 1500 Euro höheren Preises meine Favoritin - einfach die klassische Siegerin der Herzen!"

Fazit: Kawasaki Ninja 650 2024

Die Kawasaki Ninja 650 rein nach ihrer Papierform zu bewerten, wird ihrem Potential nicht gerecht. Denn der Motor ist klarerweise kein vor Kraft strotzendes Rennstrecken-Triebwerk, sondern ein agiler, aber braver Geselle. Die Sporttourerin mit supersportlicher Optik schafft jedenfalls genau das, was sie soll und präsentiert sich unter anderem auch mit ihrem angemessenen Elektronik-Paket samt Traktionskontrolle als echte Alternative in ihrer Klasse. Hobby-Racer seien aber gewarnt, das Ninja im Namen schürt nach wie vor eine gewisse sportliche Erwartungshaltung, die eine Ninja 650 nicht vollumfänglich erfüllen kann.


  • vollkommen tourentauglich
  • angenehm komfortabel
  • gutes Sicherheitspaket
  • sehr zugänglich
  • ergonomisch vielseitig
  • typische Ninja-Optik
  • Fahrwerk und Bremse nur durchschnittlich
  • Einstellen des hinteren Federbeins mühsam

Fazit: Kawasaki Ninja ZX-4RR 2024

Alleine die Tatsache, dass die Kawa Ninja ZX-4RR mit ihrem hochdrehenden Reihen-Vierzylindermotor im Bonsai-Format keine echte Konkurrenz hat, macht sie absolut einzigartig. Das Triebwerk ist auch das absolute Aushängeschild, mit einem Drehzahllimit bei 16.000 Touren wird man süchtig nach Ausdrehen! Fahrwerk, Bremsen und Elektronik sind auf einem hohen Niveau, überraschend ist eher die, bei aller Sportlichkeit, ausgeprägte Alltagstauglichkeit - die Sitzposition ist nämlich nicht so radikal wie auf anderen Supersportlern.


  • spassiger Reihen-Vierzylinder
  • präziser Quickshifter mit Blipper
  • ausgewogenes Handling
  • sportlich-angenehme Ergonomie
  • umfangreiches Elektronikpaket
  • Motor muss bei Laune gehalten werden
  • mit anderen Kawasakis verwechselbare Optik

Bericht vom 13.06.2024 | 11'527 Aufrufe

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