Triumph Street Twin Test

Triumph Street Twin Test

Twin Power mit 55 PS - Ganz Stark!

55 PS bei 217 kg vollgetankt. Da drehen sich manche gleich um, andere bleiben noch ein wenig, um darüber zu lachen. Doch Triumph hat nicht nur mir (wiedermal) die Augen geöffnet. Ein Lehrstück in Drehmomentoptimierung und Fahrbarkeit.

Obwohl ich es nach 12 Jahren in diesem Geschäft besser wissen und dieser Frage keinen Platz in meinem offenen, vorurteilsfreien Geist lassen lassen, doch hin und wieder wird auch dieser schwach und ich ertappe mich dabei, mir leise zuzuflüstern: Wie viel PS braucht ein Motorrad wirklich, um seinen Fahrer glücklich zu machen? Der prüde Pragmatiker und gesetzestreue Gutmensch in mir erhebt emotionslos, dass niemand mehr als 100 PS brauche, während der aggressive Angeber alles unter 100 PS verachtet; der strenge Sportler wiederum spricht immer nur vom Leistungsgewicht. Der Diskurs dreht sich im Kreis, doch am Ende meldet sich zum Glück eine weitere Stimme zu Wort, die tolerante, offene, die des grosszügigen Genussmenschen, der den freien Willen des Motorradfahrers achtet, sich dieser Grundsatzdiskussion aber entzieht, indem er behauptet, dass es keine klare Antwort gebe.

55 PS bei 217 kg

Würde sich diese Stimme der wahren Vernunft nicht jedes Mal behaupten, ich hätte meine Probleme mit einem Motorrad, dessen 900cc Reihenzweier bei einem Fahrzeuggewicht von 217 kg (vollgetankt) gerade mal 55 PS leistet. Ein deutlicher Leistungsverlust gegenüber der nun alten Bonnie, die die Street Twin ersetzen soll. Dass Triumph nach dem Aufrüsten der Thruxtons und Bonnevilles auf 1200 Kubik einen kleineren Klassiker im Programm behält, war sicher die richtige Entscheidung, zumal wohl auch der Scrambler demnächst das grössere Aggregat erhält.

A History of Heritage

Bei einem Heritage-Modell wie der Street Twin muss ein kurzer Blick zurück auf die jüngere Geschichte einfach sein. 2000 präsentierten die Engländer die Bonneville mit 790 Kubik, sechs Jahre später wurde der Hubraum auf 865 Kubik aufgestockt. 2008 erhielt der Klassiker eine elektronische Benzineinspritzung und 2009 die nicht von jedem willkommen geheissenen Gussfelgen. Schliesslich verabschiedete Triumph die letzte Generation dieser Ära mit einigen Sondermodellen. 2016 wird also ein weiteres Kapitel mit neuem Motor, neuem Chassis und neuem Fahrwerk eröffnet.

Verbesserte Ergonomie, mehr Schaum unterm Hintern

Bei einem Modell mit einem reduzierten, fast nüchternen Äusseren sind die zahlreichen Änderungen nicht sofort auszumachen. Wer würde auch auf den ersten Blick erkennen, dass die Ergonomie verbessert, die Sitzbank um 25% aufgepolstert und der Federweg hinten um 20% erhöht wurde? Erst wenn sich der distinguierte Gentleman entspannt im Sattel auf nur 750 mm Höhe Platz niederlässt, erlangt er Ahnung davon, welch genussvoller Ritt ihn just erwartet. Als Kirsche auf dem Kuchen des Komforts können die verstellbaren Hebel verstanden werden, wie man es sonst nur von sportlich ausgelegten Motorrädern erwarten darf. Die Kupplung ist noch dazu so leichtgängig, weil unterstützt, wie das Savoir Vivre selbst.

ABS, Traktionskontrolle und mehr serienmässig

Ride-by-Wire ist keine Überraschung mehr, aber Annehmlichkeiten wie serienmässiges ABS und abschaltbare Traktionskontrolle, eine Anti-Hopping-Kupplung, eine USB-Steckdose, eine informative Instrumenteneinheit mit Anzeige von Geschwindigkeit, Gesamtkilometern, Tageskilometern, Uhrzeit, Tankinhalt, Reichweite…und eine unverwechselbare LED-Rücklichteinheit machen deutlich, dass es sich hier im Kern um ein umfangreich ausgestattetes, modernes Motorrad handelt.

Traummotor mit nur 4,5 Dutzend Pferden

Der brandneue flüssigkeitsgekühlte DOHC Paralleltwin mit 8 Ventilen, 270° Hubzapfenversatz und einem Bohrung/Hubverhältnis von 84,6 x 80,0 mm leistet 55 PS bei 5900 U/min., stemmt ein Drehmoment von 80 Nm bei 3230 U/min. und entwickelt massig viel Freude. Der Bregenzer setzt bei 6500 Touren sanft ein und macht bei 7000 Touren endgültig zu, doch ich bin nicht ein Mal in diesen Drehzahlbereich vorgedrungen, weil ich es nicht musste. Ich tuckerte aber keinesfalls durch die Landschaft um das spanische Valencia, sondern war zügig und mitunter sportlich unterwegs. So satt wie sich das Drehmoment ausbreitet, so voll schallt es auch aus den beiden Auspufftrichtern. Sowohl Optik als auch Klang machen das Nachrüsten mit einer Zubehöranlage eigentlich obsolet. Nur die Vance & Hines Anlage aus dem Scrambler-Inspiration Kit brüllt richtig böse, kommt aber als einziges Originalteil leider ohne Genehmigung.

3,1 Liter auf 100 km???

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Verbrauch der Street Twin, die laut Triumph um 36% sparsamer sein soll als die Bonnie. Am LC-Display kann man sich unter anderem den Durchschnittsverbrauch anzeigen lassen, bei unseren Testfahrzeugen mit Miles per Gallon angegeben. 75,5 mpg gibt der Hersteller an, das entspricht nach Adam Riese 3,1 (!) Liter auf 100 km. Ganz so sparsam waren wir bei unserer Ausfahrt nicht, wir lagen aber deutlich unter 4 Liter. Sensationell, da wir meist zügig unterwegs waren. So muss man auch ob des kleinen 12 l Tanks nicht ständig an die nächste Tankstelle denken.

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Bremsen Triumph Street Twin? Verdammt stark!

Obwohl vorne nur mit einer 310 mm Scheibe und Nissin Doppelkolben-Schwimmsattel ausgestattet, erreichte die Street Twin bei internen Bremstests Rekordwerte. Nach nur 36 Metern soll sie aus Tempo 100 zum Stillstand gekommen sein. Selbst habe ich selten so beruhigt und vertrauend auf einem Klassiker gebremst. Das Fahrwerk mit einer 41 mm Telegabel und Stereofederbeinen von KYB ist nicht die grösste Stärke der Street Twin, im normalen Umgang aber ausreichend. Die Bremsen hingegen haben voll überzeugt. Die richtige Wahl war auch die Bereifung mit den neuen Pirelli Phantom in den Dimensionen 100/90-18 vorne und 150/70-17 hinten.

K.OT, der Highway-Killer

Am Anfang der Testfahrt hatte ich ein kleines Problem, aus dem beinahe ein grosses geworden wäre, wie das beim Motorradfahren oft so ist. Mein Kupplungshebel war zu weit nach oben gedreht und so schaltete ich beim Kuppeln immer das Fernlicht ein, weil ich den Kippschalter berührte. Mir war nur scheinbar nicht klar, dass dies nicht während der Fahrt zu lösen war, weshalb ich versuchte, auf einer langen Geraden meinen eigenen Mechaniker zu spielen. Nur eine gefühlte Sekunde den Blick von der Strasse gerichtet, musste ich beim Aufschauen feststellen, dass meine Kollegen die Geschwindigkeit um die Hälfte reduziert hatten. Obwohl ich versetzt zu meinem Vordermann gefahren bin, touchierte ich seinen Auspuff und seinen Lenker mit einer Wucht, dass ich mit einem hundertprozentigen Doppelsturz gerechnet habe.

Gott sei dank rechnete ich wie immer falsch und wir blieben beide im Sattel. Nur meine Zehen, die den Aufprall von meiner Fussraste an seinen Auspuff abgemildert hatten, pochten ein wenig im Lederstiefel. Kein Wunder, Auspuff und Fussraste waren verbogen. Zurück bleibt die Erinnerung an einen sonst zwischenfalls- und stressfreien Fahrtag mit einem rundum gelungenen Neo-Klassiker, der sich aufgrund eines herausragend abgestimmten Motors, starker Bremsen und einer umfangreichen Ausstattung nicht nur für den Einstieg in die Welt der Genussmotorräder anbietet.

Lasst euch inspirieren! 3 Inspiration Packs und 470 Zubehörteile

Im Serientrimm ist die Street Twin sehr simpel gehalten, umso grösser die Versuchung, sein Motorrad zu individualisieren und mit einigen der 470 Zubehörteile auszustatten. Als "Starthilfe" bietet Triumph die Inspiration-Kits in 3 verschiedenen Geschmacksrichtungen an. Die Kosten dafür halten sich in Grenzen und die Kits sind ein perfekter Starting Point für stilechte Unikums.

Der „Scrambler“-Inspirationkit

  • Hochgelegte Auspuffanlage aus gebürstetem Aluminium von Vance & Hines (ohne Strassenzulassung)
  • Tail-Tidy-Heckumbau mit kompakter Rückleuchte
  • Braun gerippte Sitzbank
  • Braune Lenkergriffe in „Barrel“-Optik
  • Kompakte LED-Blinker

Der „Brat Tracker“-Inspirationkit

  • Gebürstete Slip-On-Schalldämpfer von Vance & Hines (mit Strassenzulassung)
  • Tail-Tidy-Heckumbau mit kompakter Rückleuchte
  • Schwarz gerippte Sitzbank
  • Kompakte LED-Blinker
  • Schwarze Lenkergriffe in „Barrel“-Optik

Der „Urban“-Inspirationkit

  • Lenker in „Ace“-Optik
  • Gebürstete Slip-On-Schalldämpfer von Vance & Hines (mit Strassenzulassung)
  • Kompakte LED-Blinker
  • Kurze, getönte Flyscreen
  • Spezielle Einzel-Gepäcktasche aus gewachster Baumwolle und Leder.

Preis Triumph Street Twin und Service Intervalle

Ab Anfang nächsten Jahres ist die Street Twin beim Triumph Händler deines Vertrauens erhältlich. Preis Triumph Street Twin Deutschland 8.900 Euro zzgl. 450 Euro Nebenkosten. Preis Triumph Street Twin Österreich 9.500 Euro inkl. NOVA und Nebenkosten. 4 Jahre Garantie. Erste Inspektion bei 800 km, dann alle 16000 km.

Farben Triumph Street Twin 2016:

  • Cranberry Red mit Streifendekors an Tank und Rädern
  • Aluminium Silver mit Streifendekors an Tank und Rädern
  • Matt Black
  • Jet Black
  • Phantom Black

Testberichte Neuheiten 2016

Fazit: Triumph Street Twin

Die Triumph Street Twin ist ein Genussmotorrad par excellence, dessen 55 PS starker Motor in ein-druck-svoller Manier beweist, worauf es wirklich ankommt, nämlich Drehmoment. Und zwar genau dort, wo man es braucht, in der Drehzahlmitte. 80 Nm schieben das 217 kg schwere Motorrad mit angenehmem Druck nach vorne und führen den Fahrer nie in Versuchung, den Motor über Gebühr zu strapazieren, sprich zu drehen. Beim Design blieb Triumph gewohnt authentisch und bietet mit über 450 Zubehörteilen und den drei "Inspiration Packs" unzählige Möglichkeiten der Individualisierung. Ein Lehrstück in Sachen moderner Klassiker.

1
Vorteile
  • hervorragend abgestimmter Motor
  • hohes Drehmoment
  • niedriger Verbrauch
  • authentisches Design
  • gute Qualität und saubere Verarbeitung
1
Nachteile
  • Grundform (ohne Zubehör) etwas nüchtern

Bericht vom 11.12.2015 | 52'203 Aufrufe

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