Moto Guzzi V85 TT 2019 Test

Moto Guzzi V85 TT 2019 Test

Die Traditionsmarke wagt sich in die Reiseenduro-Mittelklasse

Moto Guzzi erfindet sich neu – könnte man sagen, denn erstmals wagen sich die Italiener in das Segment der Reiseenduro-Mittelklasse. Trotz modernster Zutaten wird auch auf die stetig gewachsene Tradition Wert gelegt, das längs verbaute V2-Triebwerk etwa macht sofort klar, dass es sich um einen stolzen Adler aus Mandello del Lario handelt. Vauli klärt, ob so viel Heritage mit den funktionalen Fähigkeiten, die von einer Reiseenduro erwartet werden, vereinbar sind.

Ich möchte Moto Guzzi ja nichts unterstellen und ich persönlich tippe ohnehin auf die typisch italienische, etwas konfuse Herangehensweise (und das meine ich nicht unhöflich sondern finde es charmant!), dass die neue V85 TT schon im November 2017 bei uns auf 1000PS zu sehen war, allerdings danach ein knappes Jahr keine weiteren Informationen aus den Italienern herauszukitzeln waren. Bekannt gegeben wurde anfangs lediglich, dass die neue Mittelklasse-Reiseenduro V85 TT 850 Kubik und 80 PS haben sollte. Falls diese Geheimniskrämerei wider Erwarten Absicht war, Hut ab, ein schlauer Schachzug. Denn so wurde die neue Klasse bei Moto Guzzi sogar für die breite Masse interessant. Wenig Wissen bedeutet bekanntlich eben auch viel Spekulation. 850 Kubik Hubraum – basiert der Motor also auf jenem der V9? Woher kommt dann das arge Leistungsplus?

Die Moto Guzzi V85 TT gab uns einige Rätsel auf

Auch diverse Fotos liessen annehmen, dass eine Version mit Öhlins-Fahrwerk – ja, vorne und hinten! – kommen würde, was aber lediglich bei Prototypen verbaut wurde, die bereits die Formensprache und Lackierung der käuflichen V85 TT vorweg nahmen. Und schliesslich war für viele der Name selbst ein Rätsel: Wofür steht denn dieses TT? Da ich selbst die Stadien der Moto Guzzi V85 TT genauestens mitverfolgt habe, kann ich felsenfest behaupten: Die Infos waren bis vor kurzem spärlich. Nun ist die Katze aber aus dem Sack, das Datenblatt liegt vor mir und gottlob deuten die Fähigkeiten am Papier schon eindeutig darauf hin, dass die neue Guzzi auch im echten Leben Spass macht.

Das Triebwerk der Moto Guzzi V85 TT sieht nur alt aus

Nun, die paar Infos, die es von Beginn an gab, stimmen jedenfalls, das Triebwerk generiert 80 PS aus 853 Kubik. Der exakt gleiche Hubraum wie bei den V9-Modellen sollte aber nicht täuschen, der Motor ist eine Neukonstruktion, die sich zwar vom Layout her stark an allen anderen Guzzi-Motoren orientiert, aber eben mit Titanventilen, viel Alu bei den Innereien und anderen modernen Features deutlich von allen bisherigen Triebwerken abhebt. Dennoch muss man auch bei der neuen V85 TT nicht auf das typische, längs eingebaute V2-Prinzip verzichten, allerdings ist das neue Triebwerk für höhere Dienste geboren. 80 PS bei 7750 Umdrehungen und 80 Newtonmeter bei 5000 Touren sind ja doch entscheidend mehr als 55 PS und 62 Newtonmeter bei den V9ern.

Viiiiel Elektronik an der Moto Guzzi V85 TT – der Piaggio-Konzern lässt grüssen!

Und tatsächlich gibt es an der Leistungsentfaltung und vor allem am Durchzug des Motors nicht viel zu meckern. Die Elektronik hat natürlich auch eine Traditionsmarke wie Moto Guzzi (es fehlen nur noch 2 Jahre auf ein ganzes Jahrhundert!) fest im Griff, die Synergie-Effekte innerhalb des Piaggio-Konzerns mit Hightech-Geräten wie etwa von Aprilia machen sich klarerweise bemerkbar. Daher besitzt auch die neue Guzzi V85 TT ein umfangreiches Elektronik-Paket mit drei verschiedenen Fahrmodi, die geschickt auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmt sind. Bei „Road“ sind ABS und Traktionskontrolle sehr freizügig eingestellt, das Triebwerk darf so scharf wie möglich ans Gas gehen. „Rain“ regelt etwa bei nasser Fahrbahn oder sehr schlechten Strassen früher und „Offroad“ macht die Leistungsabgabe noch sanfter, stellt das ABS auf Geländekonforme Intervalle ein und schaltet das ABS am Hinterrad gleich ganz ab. Zusätzlich erlaubt das Ride by Wire-System auch einen elektronischen Tempomat, der ja auf einer Reiseenduro wirklich Sinn macht.

Kultur zählt auf der Moto Guzzi V85 TT mehr als schiere Leistung

Trotz seiner „Einzwängung“ in das Elektronik-Korsett verliert der Motor der V85 TT dennoch nicht seinen Charakter, er ist souverän und durchzugsstark, aber auch antrittsstark und agil. Irgendwie erinnert mich diese Konstellation an die Moto Guzzi Stelvio 1200, die in Sachen Leistung am Papier eigentlich nicht mit der stärkeren Konkurrenz mithalten hätte dürfen - es aber dann doch tat. So macht auch die V85 TT mit „nur“ 80 PS gegenüber der Konkurrenz mit mindestens 15 PS mehr eine gute Figur. Auf den letzten Punch muss man zwar verzichten, da haben die zahlreichen Konkurrentinnen tatsächlich die Nase vorn, wer aber die Guzzi V85 TT im bauchigen mittleren Drehzahlbereich hält, wird auch mit ihr flott voran kommen. Da stört es dann auch gar nicht, so sehr, dass der Drehzahlbegrenzer bereits knapp unter 8000 Touren einfährt und bis 3000 Umdrehungen eher Gemütlichkeit als beeindruckende Kraftentfaltung herrscht. Denn das Triebwerk überzeugt schon im ganz niedrigen Drehzahlbereich mit ungeahnter Kultiviertheit, kann dank bestens abgestimmter Elektronik auch untertourig „genudelt“ werden und bietet dann eben ab rund 3500 bis 7000 Touren nicht nur einen angemessenen Punch sondern erfreut auch mit einem richtig kernigen Sound.

Ein riesiges Spritfass und Kardanantrieb sind gute Argumente für die V85 TT

Viel wichtiger ist ohnehin, dass alles bestens zusammen passt, eine V85 TT ist ein absolut stimmiges Paket, das nicht mehr und nicht weniger als die goldene Mittelklasse darstellt. Ebenso passt daher auch die Gewichtsverteilung optimal, Massenzentralisation ist auch bei einer Mittelklasse-Reiseenduro ein entscheidender Faktor. 229 Kilo fahrfertig (mit allen Betriebsstoffen und 90 Prozent Spritvolumen) sind ja nicht unbedingt ein Fliegengewicht, allerdings lenkt die V85 TT dermassen angenehm ein, dass das tatsächliche Gewicht keine Rolle spielt – sowohl im Gelände als auch auf der befestigten Strasse. Apropos Spritvolumen – die V85 TT bietet mit 23 Litern das grösste Fass ihrer Klasse und dank niedrigem Verbrauch sind tatsächlich über 400 Kilometer Reichweite keine Utopie. Ebenso kann für so manchen Interessenten der Kardan eine Rolle spielen – die V85 TT ist die einzige Mittelklasse-Reiseenduro, die auf diesen wartungsfreien Antrieb setzt.

Die Moto Guzzi V85 TT macht auch im Gelände eine gute Figur

Offroad kommt dem absoluten Wohlfühlklima auch noch die ausgezeichnete Steh-Position zugute, da drückt nichts an den Beinen und die Stabilität ist bombig. Die V85 TT kann mit ihrer Michelin Anakee Adventure-Bereifung in den Dimensionen 110/80-19 vorne und 150/70-17 hinten auf Drahtspeichenfelgen wohl mehr als nur Schotterstrassen wegstecken. Das betrifft im Übrigen die beiden Spezial-Lackierungen mit rotem Rahmen, die drei einfärbigen Versionen rollen ab Werk auf Metzeler Tourance Next-Pneus, die zwar auch ein wenig im Gelände spielen dürfen, durch die weniger ausgeprägten Profilblöcke aber doch eher auf befestigten Strassen unterwegs sein wollen.

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Komfort und Windschutz auf der Moto Guzzi V85 TT

Das Gros der Kunden wird in der Regel ohnehin mehr auf Asphalt unterwegs sein und da kann die neue Reise-Guzzi voll punkten. Die Sitzposition ist einerseits sehr gemütlich, vor allem der gut gepolsterte Sattel gefällt auf Anhieb und auch noch nach einigen hundert Kilometern. Andererseits kann man die V85 TT aber auch sehr aktiv und sportlich scheuchen, da wirkt sich die aufrechte Sitzposition absolut positiv auf den dynamischen Charakter aus. Genau dazwischen liegt der Windschutz, in der flachen Stellung bekomme ich mit meinen 1,85 Metern Grösse noch sehr viel Fahrtwind auf dem Helm, der Oberkörper ist auch in dieser Stellung schon ausreichend geschützt. Stellt man das Schild aber in die aufrechte Position wird damit erstaunlich viel mehr Wind abgeleitet und das optionale, höhere Windschild scheint somit nicht mehr unbedingt nötig. Für mich etwas seltsam ist, dass die Scheibe nur mit Werkzeug verstellt werden kann, man hätte auch zwei Rändelschrauben verwenden können - was man im Übrigen ohnehin mit ein wenig technischem Verständnis selbst austauschen kann.

Das Fahrwerk der Moto Guzzi V85 TT gefällt On- und Offroad

Einen guten Kompromiss schaffen die Federelemente, mit 170 Millimeter vorne und hinten steht genügend Federweg für härteres Gelände zur Verfügung und der Komfort auf befestigten Strassen profitiert ebenfalls davon. Denn die, in Federvorspannung und Zugstufe verstellbare USD-Gabel und das gleichsam justierbare Monofederbein im Heck werken sehr ausgewogen und sensibel. Die Ernsthaftigkeit der Offroad-Bestimmung erkennt man auch sehr gut an der neu konstruierten Alu-Zweiarmschwinge, die zusätzlich zur guten Funktion auch in Sachen Design voll punkten kann und den oftmals sehr klobig wirkenden Kardanantrieb angenehm dezent integriert.

Unauffällig und auf höchstem Niveau – die Bremse der Moto Guzzi V85 TT

Die Bremsanlage entspricht ebenfalls exakt der goldenen Mitte zwischen Sport und Komfort. Die beiden 320er-Scheiben mit radialen Brembo-Vierkolbenzangen sind sehr exakt und gut dosierbar, überfordern aber auch auf Schotter nicht mit zu arger Aggressivität. Klar reicht die Bremse da auf befestigten Strassen nicht an die Sportlichkeit einer grossen Tuono aus dem eigenen Konzern heran, im Moto Guzzi-Portfolio bezieht die V85 TT aber eine äusserst sportliche und präzise Position.

Bei den Armaturen der Moto Guzzi V85 TT wird auf die Tradition plötzlich gepfiffen!

In einer Sache pfeifen die Italiener aber (leider) auf die Tradition und tendieren bei der V85 TT mehr in die Moderne als in die Vergangenheit - das digitale Display im Cockpit. Ich hätte mir wenigstens eine Kombination aus analogem Drehzahlmesser und TFT-Display gewünscht, so sind zumindest Geschwindigkeit, Ganganzeige und die vielen Infos gut ablesbar. Über die Funktion oder besser das nicht so gute Funktionieren eines digitalen Drehzahlmessers möchte ich mich nicht weiter beschweren – es ist nun mal so, wie es ist und scheint bei allen Herstellern Schule zu machen.

Der Aufpreis für die Versionen mit rotem Rahmen ist es wert!

Immerhin ist glücklicherweise auch das Design der neuen Moto Guzzi V85 TT so, wie es ist und wie es beim ersten Entwurf schon war – einfach herrlich. Ehrlich gestanden hätte die V85 TT auch etwas schlechter im ersten Test abschneiden dürfen, sie wäre für mich immer noch ein Highlight der 2019er-Neuheiten. Ich muss aber auch zugeben, dass für mich vor allem diese tolle Weiss/Gelbe Lackierung mit rotem Rahmen diesen unfassbaren Reiz ausmacht. Die graue Version sieht zugegebenermassen doch etwas gewöhnlicher aus, im direkten Vergleich sogar langweilig. Da wären es die paar hundert Euro/Franken durchaus wert, die Spezial-Versionen mit dem roten Rahmen zu ordern.

Das TT der Guzzi V85 steht für „Tutto Terreno“

Ach ja, als kleine Belohnung für all jene, die sich nun durch meinen (hoffentlich informativen) Text gearbeitet haben, erkläre ich nun am Ende das zu Beginn schon erwähnte Kürzel TT, das natürlich nicht banal für Tourist Trophy steht sondern wunderschön dem Italienischen huldigt: „Tutto Terreno“ sind die magischen Worte, die mit „All Terrain“ übersetzt werden können. Im Deutschen wäre es dann wohl „Jedes Gelände“ – klingt aber ziemlich unspektakulär und passt weit weniger zu der italienischen Schönheit.

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Fazit: Moto Guzzi V85 TT

Mit der V85 TT zeigt Moto Guzzi eindrucksvoll, wie man Moderne mit Tradition verbinden kann. Typische Stilelemente erinnern gekonnt an die fast 100-jährige Heritage, während die Technik auf neuestem Stand dafür sorgt, dass die V85 TT eine glaubwürdige Reiseenduro darstellt. Der Motor überzeugt mit viel Souveränität statt spitzer Sportlichkeit, das Handling ist neutral und gutmütig und die Talente im Gelände sind beachtlich. Hinzu kommt das gut geschnürte Elektronik-Paket, ausgezeichnete Bremsen und eine gelungene Ergonomie. Wem dann auch noch die edle Optik der V85 TT zusagt, hat mit ihr eine richtig gute Reisebegleiterin gefunden.

1
Vorteile
  • Souveräner Motor mit gutem Klang
  • ausgezeichnete Bremsen
  • gutes Elektronik-Paket
  • ausgewogenes Handling
  • Offroad-Talent vorhanden
  • angenehme Ergonomie
  • herrliche Optik mit edlen Stilelementen
1
Nachteile
  • Windschild nur mit Werkzeug verstellbar
  • digitaler Drehzahlmesser nicht sonderlich gut ablesbar

Bericht vom 09.03.2019 | 23'716 Aufrufe

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