Harley-Davidson LiveWire Test

Harley-Davidson LiveWire Test

Eine Harley-Davidson ohne V2, Vibration und altbekanntem Sound?

Überraschenderweise wagt sich ausgerechnet Harley-Davidson als erster der namhaften und etablierten Hersteller an die Serienfertigung eines Elektromotorrads. Schätzt man doch gerade an dieser Marke die Tradition mit grossvolumigen und charakterstarken V2 Motoren, ordentlichem Blubbern aus den Endtöpfen und ein gewollt grosszügigem Mass an Vibrationen. Mit der LiveWire soll eine neue Generation von Bikern angesprochen, aber gleichzeitig auch bekannte Qualitäten und Tugenden der Marke beibehalten werden. Ob das machbar ist? Wir haben Sie für Euch getestet!

Bereits im Jahr 2010 begann man bei Harley-Davidson mit den Projekt LiveWire. 2014 war es dann soweit, dass 43 Prototypen um den Globus tourten und für einige ausgewählte Piloten zur Probefahrt bereit standen. Rückwirkend betrachtet kann gesagt werden, dass man sich also genügend Zeit liess um die Dinge reifen zu lassen. Das Feedback von den verschiedensten Testfahrern wurde penibelst protokolliert und floss direkt wieder in den Entwicklungsprozess mit ein. Mit den Prototypen hat das endgültige Produkt, welches ab Herbst 2019 ausgeliefert wird, nun nichts mehr gemein, an allen Ecken und Enden der Technik wurde Feintuning betrieben - nur an der markanten Optik hielt man fest.

Harley-Davidson LiveWire Erstkontakt, Optik und Haptik

Beim ersten Hinsehen lässt vor allem die Tank-Attrappe samt Frontpartie erkennen, dass es sich um eine Harley-Davidson handelt. Man hat es geschafft, einen modernen, technischen Look zu kreieren ohne dabei aber auf die DNA aus Milwaukee zu verzichten. Im Zentrum der LiveWire steht – wie auch bei den konventionellen Schwestermodellen - der Motor. Mächtig und präsent sitzt das 15,5 kWh leistende Akkupack mitsamt flüssigkeitsgekühlten Permanentmagnet Elektromotor in Mitten des Fahrzeugs. Der Leichtmetall-Gussrahmen mit rauer Oberfläche schmiegt sich in fast organisch anmutenden Bögen um die Antriebseinheit. Letztere fungiert konstruktionsbedingt übrigens auch als mittragendes Element des Chassis. Kompakt, gedrungen und mit dynamischer Linienführung versteht sie es, bereits im Stand die Blicke auf sich zu ziehen. Von Hinten betrachtet, überrascht die schlanke Gesamt-Statur des Fahrzeugs. Vor allem die Sitzbank ist unglaublich schmal geraten. Sieht gut aus und geht sogar aus Komfortsicht in Ordnung.

Ein weiteres Hightlight ist der 4,3 Zoll Touch-Screen im Cockpit der LiveWire. Die Brillanz des Displays ist auf tollem Niveau, auch Helligkeit und Lesbarkeit sind insgesamt als sehr gut zu bezeichnen. Im Stand können am Display sowohl mit dem Finger, als auch mit dem Handschuh alle gewünschten Einstellungen vorgenommen werden. Während der Fahrt erfolgt die Bedienung mit einem kleinen Joystick am rechten Bedienelement. Die Armaturen am Lenker sind übrigens typisch Harley – aber auch weniger versierten Piloten geht die Bedienung aller Funktionen, dank logischer Belegung, nach ein paar Kilometern wie selbstverständlich von der Hand.

Harley-Davidson LiveWire mit überraschender Sitzposition

Hat man sich nach der ersten Beschau im Stand auf die LiveWire geschwungen und sämtliche Gliedmassen an den dafür vorgesehen Stellen platziert, drängt sich eine Frage in den Vordergrund: Kann das eine Harley-Davidson sein?

Ungeahnt sportlich ist die Sitzposition, der Kniewinkel spitz, die Sitzbank knackig gepolstert und nicht zuletzt der Lenker in tiefer, samt weit nach vorne gerückter Anbringung. Eigentlich so gar nicht vergleichbar mit dem Rest der Familie aus Milwaukee, aber gut – schliesslich auch ein neues Zeitalter. Komparabel ist die Ergonomie am ehesten mit bekannten Power-Naked Bikes. Nicht ohne Grund, wie zu einem späteren Zeitpunkt unseres Tests klar werden wird.

Harley-Davidson LiveWire auf den ersten Metern durch die Stadt

Beim ersten Losrollen durchs Stadtgebiet von Portland macht sich gleich die mühelose Manövrierbarkeit des Fahrzeugs bemerkbar. Egal ob es das Abbiegen auf Kreuzungen im Schritttempo oder das vorbeischlängeln an anderen Verkehrsteilnehmern ist. Die 249 Kilogramm sind durch den tiefen Schwerpunkt bestens kaschiert. Mit einem Blick auf den Rest des Modellportfolios von Harley-Davidson muss hier ausserdem ohnehin von einem Leichtgewicht gesprochen werden. Das einfache Handling wird von der tollen Abstimmung der Antriebseinheit unterstützt. Ganz präzise und feinfühlig dosierbar setzt die Leistung ein - kein Kuppeln, kein Gangeinlegen - einfach nur sanft losrollen. Der Standard Modus ist nach jedem Start des Motorrads „Street“, damit lässt sich die LiveWire in der Stadt äusserst geschmeidig fahren. Die Leistungsentfaltung ist harmonisch und die Rekuperation des Antriebs nur minimal zu spüren.

Der sportliche Grundcharakter offenbart sich zum ersten Mal bei Temposchwellen, denn die Fahrwerksabstimmung ist straff. Das Ansprechverhalten der hochwertigen Federelemente funktioniert auf gutem Niveau und vorne wie hinten kann mit einer voll einstellbaren Dämpfung geglänzt werden. Konkret handelt es sich bei der verbauten Ware an der Front um eine hochwertige Seperate Function Big Piston Gabel und am Heck um ein Balance Free Lite Federbein, beide Teile vom japanischen Spezialisten Showa.

Fahrleistungen der LiveWire sorgen für Extase auf der Landstrasse

Die Stadtgrenzen sind zwischenzeitlich näher gerückt und auch im übersichtlichen Menü der Live Wire wurde unter 7 Wahlmöglichkeiten hinsichtlich des Fahrmodus die Einstellung „Sport“ gefunden. Nach der letzten Ampel ist es soweit, endlich kann der Hahn gespannt werden. Doch was dann kam war nicht vorhersehbar. Gefühlsmässig hatte Thor aus dem Seitenfenster des hinterherfahrenden Taxis seinen Hammer in das Heck der LiveWire gerammt. Nach dem Verlassen der Schrittgeschwindigkeit versetzt eine katapultartige Beschleunigung den Fahrer augenblicklich in einen Moment der Überraschung und gleich danach in ein gewisses Mass der Abhängigkeit. Während das Hirn vom Hinterkopf wieder in eine geordnete Lage schwappt, hat man kurzzeitig alle Vorurteile für den Elektro-Antrieb fallen gelassen und Hochstimmung macht sich breit. Für jene die es genau wissen möchten: knapp über 3 Sekunden benötigt sie für den Sprint auf 100. Der Schub von 20 auf 120 Km/h ist subjektiv empfunden aber am eindrucksvollsten – einfach unglaublich wie der Motor mit seinen 106 PS und 116 Newtonmetern gleich von Beginn weg vorwärts springt. Die technischen Helferlein, auf welche wir gleich im Anschluss eingehen werden, halten das Vorderrad währenddessen wie von Geisterhand am Boden. Die Eingriffe von Traktions- und Wheeliekontrolle sind beim Beschleunigungs-Inferno in der Praxis tatsächlich kaum spürbar.

Nach den ersten Kilometern im kurvigen Geläuf, findet man schnell Freude an der vorderrad-orientierten Sitzposition, sie spendet ein gutes Gefühl für den Untergrund und lädt zur sportlichen Fahrweise ein. Eine Sache, die man der Serienbereifung in Form des Harley-Davidson gebrandetem Michelin Scorcher leider nicht attestieren kann. Damit sind wir schon beim ersten echten Kritikpunkt. Die verbaute Ware wird zwar einiges an Laufleistung machen, fährt sich aber ausgesprochen holzig. Es fehlt an Eigendämpfung und Feedback. Ein aktueller Sportreifen hätte der LiveWire um einiges besser gestanden und ihr zu mehr Transparenz und Vertrauen bei den ansonsten überaus sportlichen

Harley-Davidson LiveWire Topspeed und Bremse

Fahrleistungen verholfen. Glücklicherweise in Summe aber ein Umstand der für den künftigen Besitzer leicht zu beheben sein wird. Wo wir schon am Kritisieren sind: Etwas mehr Zugstufendämpfung am Heck würden ihr auch nicht schaden, da bei ambitionierter Fahrt durch schnelle Wechselkurven ein leichtes Aufschwingen feststellbar war. Doch auch das sollte dank der adjustierbaren Federelemente mit etwas Geduld und ausprobieren in den Griff zu bekommen sein.

Davon abgesehen hat man sich ansonsten schnell mit der LiveWire und ihren tollen Fahreigenschaften angefreundet. Die Gesamtgeometrie der Konstruktion ist erfreulich auf Agilität getrimmt. Lastwechselreaktionen sind ihr komplett fremd und selbst im sportlichsten Setup ist die Dosierbarkeit des Abtriebs eine Wucht. Den enormen Schub der elektrifizierten Pferde geniesst man somit an jedem Kurvenausgang. Bis knapp 180 Km/h drängt die LiveWire vorwärts – danach wird elektronisch abgeriegelt. Generell neigt man übrigens dazu eher etwas schnell unterwegs zu sein, da ohne die gewohnten Parameter wie Motorsound, eingelegter Gang oder einem Drehzahlmesser im Cockpit, etwas das Feeling für die Geschwindigkeit fehlt.

Gestoppt wird man von einer radial montierten Brembo Monoblock Zange, welche sich in eine 300mm Scheibe verbeisst. Diese Kombination sorgt für solide und gut dosierbare Bremsleistungen ohne dabei zu überfordern. Anstelle der konventionellen Armatur in Cruiser-Optik hätte man ihr vielleicht noch eine schicke, einstellbare Radial-Bremspumpe spendieren können – doch hier nörgeln wir bereits auf hohem Niveau.

Harley-Davidson LiveWire Sound

Bezüglich des Sounds sei gesagt, dieser wird ohne künstliche Verstärkung von der geraden Verzahnung des Getriebes erzeugt und gestaltet sich angenehm zurückhaltend. Erst bei hoher Geschwindigkeit steigt er etwas an, wirkt aber trotzdem nie aufdringlich. Die Interpretation des Klangs obliegt dabei dem Hörenden. Von Düsenjet bis Staubsauger hatten wir bei Elektrofahrzeugen schon eine ganze Flut von Begriffen. Vielleicht setzt sich in dieser Gattung ja schon in Kürze der Ausdruck Getriebesound anstatt des gängigen Motorsounds im Vokabular der Elektrifizierten durch. Ob sich hinsichtlich des Klangs auch Tuning-Optionen ergeben werden? Wer weiss, die Zeit wird es zeigen…

LiveWire – erstmals eine Harley mit elektronischer Vollausstattung

Abgesehen von einem ABS gab es bislang im Sortiment der 2-rädrigen Harley-Davidson Modelle kaum elektronische Assistenzsysteme. Dieser Ära setzt die LiveWire ein Ende. Dank 6-Achsen IMU von Bosch steht sozusagen eine Vollausstattung an aktuell verfügbarer Technologie für den Fahrer als Backup bereit. Um sie auch für Einsteiger oder weniger geübte Piloten zugängig zu machen, versteht sich bei der kräftigen Motorisierung dieses Paket an Helferlein eigentlich als obligatorisch. Eine Auflistung aller Technologien, welche bei Harley-Davidson ab sofort unter dem Kürzel RDRS (Reflex Defensive Rider Systems) zusammenlaufen haben wir nachfolgend erstellt:

  • Kurven-Antiblockiersystem (C-ABS) mit Hinterrad Abhebe-Erkennung zur Überschlagsvermeidung
  • Kurvenoptimierte Traktionskontrolle (C-TCS) kombiniert mit Wheelie-Kontrollfunktion
  • Antriebsschlupfregelung DSCS (Drag-Torque Slip Control System): verhindert Schlupf und Blockieren des Hinterrads im Schiebebetrieb
  • Sieben Fahrmodi (vier davon ab Werk voreingestellt: Sport, Road, Rain, Range), die übrigen drei frei definierbar aus einer Kombination der Parameter „Power" (maximal erreichbare Beschleunigung), „Regeneration" (als Motorbremswirkung im Schiebebetrieb spürbar), „Throttle Response" (Gasannahme/Leistungsentfaltung), und ,,Traction Control" (Traktionskontrolle)

An abschliessender Stelle zu diesem Thema etwas sehr Lobenswertes: Der Fahrer wird in keinem Moment bevormundet, denn in den frei konfigurierbaren Modi können die Einstellungen der Traktionskontrolle neben High, Medium und Low auch auf Off gesetzt werden. Damit lassen sich von kundiger Hand sahnige Wheelies und sogar Burnouts fabrizieren. Das gefällt!

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Ladedauer und Reichweite der LiveWire

Im Herzen der LiveWire stecken zwei Akkus aus Lithium-Ionen-Zellen. Ein kleiner 12 Volt Block für die Bordnetzfunktionen wie beispielsweise die Rundum-LED-Beleuchtung oder das Display und dann allem voran natürlich das 15,5 kWh leistende RESS (Rechargeable Energy Storage System), welches zentral im Rahmen des Motorrads sitzt und von einem markanten schwarzen Aluminiumgussgehäuse mit Kühlrippen umgeben wird, die neben der Kühlung im Wesentlichen auch einen optischen Zweck erfüllen. Von den 15,5 kWh werden im Praxiseinsatz nur 13,6 kWh genutzt. Damit schafft es die Harley, sofern ausschliesslich im Stadt-Betrieb gefahren, aber auf ordentliche 230 Kilometer. In unserem Test war - bei offen gesprochen ineffizientester Fahrweise im Rudel von hochmotivierten Zweiradjournalisten und einem Mix aus 30 % Ampelsprints und 70 % sportlicher Landstrassenhatz - eine Laufleistung von etwa 120 bis 130 Kilometer machbar. Harley Davidson selbst gibt im gemischten Einsatz 150 bis 160 Kilometer Reichweite an.

Zugestanden, für den Fahrer von üblichen Verbrenner-Bikes natürlich keine Fabelwerte aber gemessen an der Elektro-Konkurrenz eine ganz ordentliche Leistung. Zumal auch die Ladezeit am Quickcharger mit 40 Minuten für 80 % (und 60 Minuten für 100%) einen guten Wert darstellt. Letzterer wird übrigens verbindlich bei jedem Harley-Händler, der die LiveWire vertreibt, zu finden sein. Im ersten Jahr ist die Nutzung darüber hinaus kostenfrei für den Käufer inkludiert.

Das Kabel für den Ladevorgang an einer üblichen Haushaltssteckdose befindet sich direkt unter der klappbaren Sitzbank. Hier dauert die Ladung freilich länger – etwa 21 Kilometer Reichweite pro Stunde geben die Harley-Davidson Techniker an. Der CCS2 Schnelllade-Anschluss befindet sich unter dem schön gestalteten Emblem am Tank. Dieses kann aufgeklappt werden und gibt dann den Blick auf den CCS2-IEC-Typ-2 Port (so die korrekte Gesamtbezeichnung) frei.

Harley-Davidson LiveWire Verfügbarkeit, Preis und Farbwahl

Interessenten für eine LiveWire können Ihr Fahrzeug bereits online vorbestellen. Anfang September soll es dann mit der Auslieferung in Deutschland und Österreich losgehen. Beim Blick auf das Preisschild muss klar sein, dass so viel Innovation mitsamt 9 Jahren Entwicklung finanziert werden will. 32.995 Euro werden in Deutschland aufgerufen, 33.390 sind es in Österreich.

Erhältlich ist sie in drei Farbvarianten: Vivid Black, Yellow Fuse und Orange Fuse. Davon sind die letzten beiden Option in hübscher Matt-Lackierung ausgeführt. Speziell in Orange ist sie damit ein echter Hingucker, nach dem sich die Leute am Strassenrand gerne umdrehen.

Abschliessend sei noch erwähnt, dass Harley-Davidson eine 5 Jahres Garantie ohne Kilometerbegrenzung auf die Hauptbatterie gewährt.

Fazit: Harley-Davidson LiveWire

Interessant, dass sich ausgerechnet Harley-Davidson als erster der namhaften und etablierten Hersteller an die Serienfertigung eines Elektromotorrads wagt. Wir empfinden den ersten Eindruck als sehr positiv. Im Zentrum steht neben der coolen Optik vor allem der Motor. Mit seinen 116 NM liefert er direkt vom Stand weg einen unglaublichen Punch, der zuerst überrascht und gleich danach süchtig macht. Fahrwerk und Bremsen befinden sich zudem auf solidem Power-Naked Niveau. Eine weitere Besonderheit: erstmals sind an einer Harley alle elektronischen Helferlein an Bord, welche aktuell am Markt verfügbar sind. Schaltet man diese ab, lassen sich sogar Wheelies und Burnouts fabrizieren. Mit einem Blick auf die Marktbegleiter, gehen nicht zuletzt auch Gewicht und Reichweite des Fahrzeugs in Ordnung. Etwa 150 Kilometer sind bei sportlichem Stadt-/ Landstrassen-Mix drinnen. In 40 Minuten ist der Akku wieder zu 80% voll geladen.

1
Vorteile
  • sehr gelungene Motorcharakteristik
  • gewaltiger Antritt
  • voll einstellbares Fahrwerk
  • solide Bremsen
  • umfangreiches elektronisches Sicherheitspaket
  • gut integrierte Smartphone-Connectivity
  • 5 Jahre Garantie
1
Nachteile
  • Erstbereifung unpassend
  • Zugstufendämpfung am Heck im Serientrimm etwas lasch
  • Reichweite bei sportlicher Fahrweise deutlich reduziert
  • hohe Anschaffungskosten

Bericht vom 18.07.2019 | 11'133 Aufrufe

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