BMW R 18 Transcontinental Test 2021

Der mächtigste Reise-Boxer aller Zeiten!

Dass die Platzhirschen Harley-Davidson und Indian ultradicke Schwergewichte mit fetten Zweizylinder-Triebwerken auf die Reise schicken, ist nichts Neues. Nun ist aber ein neues Dickschiff am Start - die BMW R 18 Transcontinental möchte ihrem Namen alle Ehre machen und hat dafür nicht weniger als den grössten Serien-Boxer aller Zeiten im Chassis!

Es liegt in der Natur des Menschen, vorschnell zu urteilen. Sieht er sich also den Wert auf dem Display unserer 1000PS-Waage an, während die BMW R 18 Transcontinental abgewogen wird, geht er vorerst bestimmt davon aus, dass diese Maschine keinesfalls einfach zu bewegen ist sondern bestenfalls angemessen geradeaus fährt. Und das auch nur, wenn gaaanz starke Männer am Steuer sitzen. Und man kann es eigentlich niemandem verdenken, dieses Schlachtschiff bringt sage und schreibe 441 Kilo vollgetankt und fahrfertig auf unsere Waage!

Weitere schwere Reisedampfer:

Kurzer Linksruck auf der BMW R 18 Transcontinental - und schon ist der Spuk vorbei

Glücklicherweise liegt aber auch die Neugierde in der Natur des Menschen. Und so denke ich mir: Na schauen wir doch mal! Gesagt, getan, das Aufsitzen auf den mächtigen Bock funktioniert schon mal sehr gut - bei einer Sitzhöhe, bzw. Sitzniedrigkeit von 740 Millimetern ist die BMW R 18 Transcontinental selbst für sehr kleine Piloten erklimmbar. Die grösste Hürde an dieser dicken Berta ist eigentlich das Anheben vom vermutlich längsten Ständer der Welt. Denn da spürt man so richtig die Masse, die man von schräg auf gerade stellen muss. Dann noch schnell die kurze Schrecksekunde überwinden, wenn die Kolben des Boxer-Zweizylindermotors beim Starten einen spürbaren Linksruck bewirken - und dann ist der Spuk auch schon vorbei. Denn ab da ist alles erstaunlich einfach zu bewerkstelligen.

In Bewegung erfreut man sich am Schmalz des grössten Boxers aller Zeiten

Der grösste Boxer aller Zeiten überzeugt nämlich nicht nur mit seiner respektablen Kraft von 91 PS und dem gewaltigen Drehmoment von mindestens 150 Newtonmeter zwischen 2000 und 4000 Touren, sondern auch durch die erstaunlich geschmeidige Gasannahme von weit unten, die klarerweise bei solch einem Koloss die Arbeit des Wegfahrens ungemein vereinfacht. Ist man dann erst mal in Bewegung, erfreut man sich wiederum doch an diesem unbändigen Schmalz, das den frei laufenden Kardan malträtiert - aber das kennen wir schon von und schätzen es an den anderen R 18-Modellen.

Weisheit des Tages: BMWs R 18 Transcontinental ist näher am Komfort als am Sport

In Sachen Handling kann man der R 18 Transcontinental ebenfalls nichts vorwerfen - zumindest nicht, wenn man ihren Einsatzzweck als bequemes Reisemotorrad sieht. Denn da ist es klarerweise durchaus erwünscht, dass die Federelemente vorne und hinten mehr dem Komfort als dem Sport zugetan sind. Dementsprechend schaukelt sich die R 18 Transconti in schnellen Kurven schon mal auf und erinnert daran, dass sie es doch lieber gemütlich mag. In engeren Kurven kann man sich hingegen auf das sanfte Ansprechen des Motors verlassen und wie auf Schienen die Radien durchfahren. Wie auf Schienen sollte man aber auch deshalb bleiben, weil Kurskorrekturen ebenfalls mit spürbarer Unruhe im Fahrwerk quittiert werden.

Die Bremse der R 18 Transconti ist ehrlich: ordentlich ziehen = ordentlich bremsen

Ähnlich wie beim Fahrwerk läuft es auch bei den Bremsen - man muss wissen, was geht und was nicht. Wer also eine supersportlich knackige Bremse erwartet, muss innerhalb des BMW-Programms den Hubraum herunter schrauben und wird vielfach fündig. Auf der R 18 Transcontinental bekommt man stattdessen viel Bremskraft, wenn man auch ordentlich am Hebel zieht - auch das ist sehr ähnlich jener Performance, die wir bereits von den restlichen R 18-Modellen kennen.

BMW R 18 B und R 18 Trancontinental - zweieiige Zwillinge?

Apropos andere R 18-Modelle, am ehesten ist die R 18 Transcontinental mit der R 18 B verwandt, die ich bereits vor der Transconti fahren durfte und daher die TC auch an der schlicht R 18 B genannten Bagger-Version messen möchte. Denn die beiden Modelle teilen sich exakt den Radstand von 1695 Millimetern und auch das wegabhängige hintere Federbein mit Niveaulagenausgleich, der grosse Tank mit 25 Litern Inhalt und die massive 49er-Telegabel sind in der noch tourentauglicheren Transconti-Version verbaut. Also sind es tatsächlich die Langstrecken-relevanten Dinge wie grosses Topcase, effiziente Windabweiser und der höhere Windschild, durch die man mit der R 18 Transcontinental wirklich Nomen est Omen noch besser transkontinental reisen kann. Allerdings liegt auch genau in diesen Dingen der Hund begraben, all diese feinen Gimmicks machen die R 18 TC nun mal um rund 30 Kilo schwerer als die R 18 B. Und das auch noch Grossteils im oberen Bereich der Maschine, also weit weg vom Schwerpunkt.

Die Ausstattung der R 18 Transconti lässt wirklich keine Wünsche offen!

Immerhin kann man bei der Transcontinental ohne schlechtes Gewissen damit argumentieren, dass wirklich alles drin und dran ist, was es auf der ganz grossen Reise braucht. Drei Fahrmodi (Rain, Rock & Roll), automatische Stabilitätskontrolle (ASC), Motorschleppmomentregelung, Integral-ABS, Keyless Ride-System, riesiges 10,25 Zoll TFT-Farbdisplay mit voller Connectivity (die auch das gesamte Display als Navi nutzen kann), LED-Licht rundum, Heizgriffe, Heizsattel, Koffersystem (zwei Seitenkoffer, angenehm von oben zu beladen und Topcase insgesamt mit über 100 Liter Stauraum) und die coole Marshall-Musikanlage sind schon mal Serie.

Das hindert BMW nicht an einer mehrseitigen Sonderausstattungsliste!

Wer nun glaubt, dass dadurch die Zubehörliste wegfällt, irrt bei BMW natürlich, dank der vielen, richtig feschen Option 719-Teile kann man die ohnehin vollausgestattete R 18 Transcontinental noch richtig fein individualisieren. Schon alleine die Galaxy Dust Metallic-Lackierung mit interessantem Flip-Flop-Effekt (je nach Blickwinkel schimmert die Maschine Grün oder Violett) auf unserem Testbike ist mutig und setzt eine gewisse Extrovertiertheit des Besitzers voraus. Auf technischer Ebene gibt es aber tatsächlich nicht allzu viel an Extras - lediglich ein adaptives Kurvenlicht, Hill Start Control, ein Rückwärtsgang und der radargestützte Tempomat ACC (Active Cruise Control) sind zusätzlich zu ordern und machen auf solch einem Reisedampfer tatsächlich Sinn. Einzig die Tatsache, dass der Windschild fest verschraubt ist und nicht einmal manuell, geschweige denn elektrisch verstellt werden kann, darf als kleines Manko eingestuft werden. Denn manchmal würde man sich vielleicht gerne die laue Brise um den grinsenden Mund wehen lassen. Wer nun schlagfertig ist, könnte sogleich kontern, dass dadurch das Gewicht an der Front in hoher Position nochmals empfindlich erhöht würde. Fahrdynamisch tatsächlich ein plausibles Gegenargument.

Wer anders als die anderen sein will, kommt an der R 18 Transconti nicht vorbei!

Mein persönliches Problem und weniger jenes der R 18 Transcontinental ist, dass ich bei solch einem mächtigen Reisedampfer von BMW sofort an die K 1600 GTL denken muss, die dank seidig laufendem Sechszylindermotor und brachial zupackender Bremsanlage eine noch gelassenere Souveränität ausstrahlt als die R 18 TC mit ihrem unverwechselbaren, aber doch raueren Boxer-Triebwerk. Allerdings nimmt die Transconti gerade mit ihren zwei massiven Zylindern und diesen spürbaren Good Vibrations ungeniert die etablierte Konkurrenz aus den USA ins Visier und hat dabei noch einen grossen Bonus: Wer anders sein möchte als alle anderen, kommt an der bayrischen Interpretation des ultimativen Reisedampfers nicht vorbei!

Fazit: BMW R 18 Transcontinental

BMW baut das Programm der R 18-Baureihe logisch aus, nach nackter, leicht verkleideter und Bagger-Version kommt mit der R 18 Transcontinental der wahre Reisedampfer daher. Und es zeigt sich wie so oft bei solch schweren Brocken, dass nur die reine Gewichtsangabe von 441 Kilo vollgetankt schockiert. Denn ist die Transconti erst mal in Fahrt, geht alles plötzlich vergleichsweise einfach. Natürlich sind schnelle Richtungswechsel tabu und die Bremse braucht Handkraft, der Komfort auf weiten Strecken ist dank gemütlicher Ergonomie und sanftem Fahrwerk aber herrlich. Das grösste Serien-Boxer-Triebwerk macht dabei ebenfalls eine gute Figur: Spürbare Vibrationen, aber nicht zu viel. Die Verkleidung geht ebenfalls in Ordnung, wenn auch so manche Konkurrentin sogar ein elektrisch verstellbares Windschild besitzt. Dafür ist das restliche „Blingbling“ mit Marshall-Musikanlage, 10,25 Zoll-Farb-TFT und vielem mehr absolut State-of-the-Art.


  • Kräftiger Motor
  • eigenständiger Stil
  • hochwertige, gut ablesbare Armaturen
  • sehr guter Windschutz
  • volles Elektronik-Package
  • äusserst komfortable Sitzposition
  • Sehr schwer
  • hoher Preis
  • Integral-Bremse gewöhnungsbedürftig

Bericht vom 22.10.2021 | 6'521 Aufrufe

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